DFB-Präsident in der Kritik

Der Fall Amerell ist Zwanziger entglitten

Theo Zwanziger führt eine Liste der Krisen, die er als DFB-Präsident erfolgreich überstand. Doch der Skandal um Manfred Amerell trübt seine Bilanz nachhaltig – zu ungeschickt agierte der 64-Jährige. Am Freitag diskutiert das Präsidium die Situation, Zwanziger wird sich einige Kritik anhören müssen.

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In seinem Jackett hat Theo Zwanziger einen Spickzettel. Auf dem Blatt hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) alle Krisen notiert, die er seit seinem Amtsantritt im Jahr 2004 zu bestehen hatte. Es ist eine lange Liste, und der 64-Jährige zitiert mit Stolz aus ihr. Schließlich sind die meisten Fälle abgehakt, und anschließend stand er oft als Sieger da.

Nur eine Sache bedroht die bislang bemerkenswert positive Bilanz des Präsidenten nachhaltig. Unter „Hoyzer-Skandal“ und „Enke-Tragödie“, unter „Nike-Streit“ und der verkorksten Vertragsverlängerung mit Löw/Bierhoff steht am Ende der Liste ein Name: Amerell.

Der Fall um den ehemaligen Schiedsrichtersprecher, der junge Unparteiische sexuell genötigt haben soll, schwebt wie ein Damoklesschwert über Zwanziger. Am Freitagvormittag um 11 Uhr hat der Verband nach Frankfurt/Main zur Präsidiumssitzung in die DFB-Zentrale geladen. Vor kurzem machte das Gerücht die Runde, dass der Präsident gegen einen neuen Chef ausgetauscht werden solle; der Name Franz Beckenbauer geisterte durch die Gazetten. Der allerdings winkte schnell ab: Für diesen Job wäre er „noch zehn Jahre zu jung“, sagte Beckenbauer, außerdem habe er keine Lust.

Eine Amtsübernahme wird nicht stattfinden, und doch spricht die bloße Diskussion darüber Bände. Zwanziger, noch vor einem halben Jahr nach dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke für sein vorbildliches Krisenmanagement gelobt, taumelt. Das hat viel mit dem Fall Amerell zu tun – aber nicht ausschließlich.

Die Vorwürfe an Zwanziger liegen auf der Hand: Er habe sich zu früh auf die Seite des Schiedsrichters Michael Kempter geschlagen, der nach der Veröffentlichung seines privaten E-Mail-Verkehrs mit seinem Ausbilder Amerell ein Glaubwürdigkeitsproblem hat.

Er habe die Namen der drei Schiedsrichter, die sich unter Zusicherung der Anonymität an den DFB gewandt haben, preisgegeben, weil sich der Verband mit Amerell vor Gericht auf einen faulen Handel einließ: die Namen gegen das Recht, Amerell weiter der sexuellen Nötigung bezichtigen zu dürfen. Und er habe es mit seiner persönlichen Eitelkeit übertrieben, als er – wieder einmal – mit Rücktritt drohte – diesmal für den Fall, dass das Gericht Amerell freisprechen würde.

Vor allem ist dem DFB-Präsidenten aber ein Fehler unterlaufen, der ihn hart treffen dürfte. Er hat sich auf seinem Hoheitsgebiet schlagen lassen: der Kommunikation. Der begnadete Rhetoriker wird seit Wochen von verschiedenen Seiten scharf attackiert. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ bezeichnete ihn erst als „Zickzack-Zwanziger“, dann als „Schlimmermacher“. Und die „Süddeutsche Zeitung“, in diesem Fall so etwas wie das Sprachrohr der Gegenseite, richtet fast täglich ihr verbales Trommelfeuer auf Zwanziger. „Inquisition statt Moderation“, titelte ein Kommentator.

Neben den teil berechtigten, teils überzogenen Vorwürfen dürfte vor allem die Medienpolitik des DFB für das Entgleiten der Meinungshoheit verantwortlich sein. Seinem laut FAZ „bevorzugten Mitteilungsblatt“, der „Bild“-Zeitung, gab Zwanziger ein zeitlich unklug platziertes Exklusivinterview. Als Michael Kempter erstmals zur Thematik öffentlich Stellung bezog, wurden nur wenige ausgewählte Journalisten zum Termin geladen. Und auch als die anonymen Schiedsrichter mit ihrem Vertrauensmann Franz-Xaver Wack Mitteilungsbedürfnis verspürten, blieb das Treffen einem kleinen Kreis vorbehalten. So etwas schafft Unmut bei den Unberücksichtigten. Zumal sowohl der Sexskandal wie auch zuvor die Differenzen mit Bierhoff und Löw durch lancierte Indiskretionen an die Öffentlichkeit gelangten.

Auch in der Bundesliga regt sich Unmut über die undurchsichtige Kommunikationsstrategie. „Der DFB hat sich in dieser Angelegenheit überschätzt. Ich finde, man ist da zu sehr vorgeprescht“, tadelte Bremens Manager Klaus Allofs, während sein Kollege Martin Bader vom 1. FC Nürnberg anmerkte, das Ganze sei schon „sehr zu Lasten des deutschen Fußballs“ gegangen.

Amerell hingegen, der ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, inszeniert ein mediales Feuerwerk: Hier ein Auftritt bei „Kerner“, dort ein großes Interview in der „Sport-Bild“. Dazu wird permanent neue Munition in Form pikanter E-Mails und SMS herangekarrt. Und wer möchte, bekommt von ihm wuchtige Aussagen en masse geliefert. Jüngst polterte Amerell im DSF, Zwanziger habe einem Schiedsrichter aus seiner Heimatstadt Altendiez zum Karrieresprung in die Bundesliga verholfen.

Der DFB reichte deshalb Klage wegen „übler Nachrede und Verleumdung“ ein. Doch auch hier war Amerell schneller: Dem Gericht sollen bereits dessen Klagen gegen die vier Schiedsrichter vorliegen. Gestern machte sich DFB-Justiziar Jörg Englisch auf den Weg nach Augsburg, um die verbandsinternen Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Um den munteren Gerichtsringelreihen zu komplettieren, haben nach Informationen von Morgenpost Online nun auch zwei der vier Schiedsrichter gegen Amerell geklagt.

Zwanziger hat sich in dieser Woche zurückgenommen, lehnt derzeit jeglichen Kommentar ab. Dafür springen seine Weggefährten in die Bresche. „Ich kenne niemanden aus dem Präsidium, der Zwanziger weghaben will. Er ist ein sehr guter Präsident“; sagte Schatzmeister Horst R. Schmidt. Auch Franz Beckenbauer stärkt Theo Zwanziger den Rücken: „Er ist ein ausgezeichneter Rhetoriker, ein Schnelldenker, der juristisch voll ausgebildet ist. Vielleicht wäre es manchmal aber besser, sich etwas zurückzuhalten und nichts zu sagen. Im Herzen ist Zwanziger aber ein sehr guter Mensch, der keine Ungerechtigkeiten mag. Für mich ist er nach wie vor top auf dieser Position“, sagte er Morgenpost Online.

Trotz der warmen Worte wird sich Zwanziger am Freitag auf der Präsidiumssitzung auch Kritik gefallen lassen müssen. Wann der Präsident auf seiner Krisenliste einen Haken hinter „Amerell“ machen kann, ist derzeit nicht abzusehen.