Es gibt nichts Lustigeres als Fasching. Am Sonntag haben wir mit Wilhelm Busch telefoniert, und der Leistungsträger des deutschen Humors hat uns aus seinem Gedicht „Karneval“ den Vierzeiler vorgelesen:
„Auch uns, in Ehren sei's gesagt,
Hat einst der Karneval behagt,
Besonders und zu allermeist
In einer Stadt, die München heißt.“
Man muss also höllisch vorsichtig sein bei allem, was in diesen närrischen Tagen aus der bayrischen Faschingshochburg vermeldet wird, inklusive der Nachricht, die Sonntagmorgen brandheiß über die Ticker lief: "Louis van Gaal ist um 9.38 Uhr an der Säbener Straße mit seinem Dienstwagen vorgefahren und parkt wie üblich in der Tiefgarage.“
War es wirklich van Gaal?
Ach was. Was da seit ein paar Tagen als Bayern-Trainer herumläuft, ist eine billige Fälschung, das ist nicht van Gaal. Den echten van Gaal kennen wir als den besten, ja womöglich sogar arrogantesten Trainer der Welt, nie würde er mit dem Rücken zur Wand demütig Autogramme geben wie dieser schlappe Doppelgänger am Samstag in Hannover. Wo der echte Bayern-Trainer steckt, wissen wir nicht, aber jedenfalls hat er nichts am Hut mit diesem Jecken aus der Tiefgarage, der sich im Fasching als Louis van Gaal verkleidet, in der Niederlage höflich bleibt, von Luis Gustavo und Pranijc taktisch keine Ahnung hat und die Bayern in den Abgrund trainiert.
Diese Kostümierung als fliegender Holländer ist der Höhepunkt des diesjährigen Fußballs im Fasching – aber eine solche Entwicklung war schon abzusehen, als die Bruchweg-Boys die Saison mit ihrer Määnzer Fassenacht gleich eröffneten, indem sie sich so perfekt tarnten, dass sie wochenlang mit einer Spitzenmannschaft verwechselt wurden.
Der Fußball war an diesem Wochenende ein einziger Maskenball - und bevor wir zurückkehren zu van Gaal und den Bayern, wollen wir kurz den Kopf schütteln über ein paar andere Spaßvögel, die die Narrenfreiheit genutzt haben, um den Karneval auf die Spitze zu treiben.
Die Schlimmsten verkleiden sich jetzt schon als Reporter, stelen sich dumm und fragen jeden Dortmunder, der nicht rechtzeitig auf den Baum flüchtet: „Wollen Sie Meister werden?“ Zwei andere Witzbolde haben sich am Samstag als Jupp Heynckes und Rudi Völler ausgegeben und erzählt, dass Michael Ballack gar nicht mehr spielen, sondern lieber zu Hause einsam trainieren und an seinem Laktatwert arbeiten will. Zum Wiehern war auch der kleine Kerl, der sich, verkleidet als Pierre Littbarski, ungefähr beschwert hat, dass er sich das Maul fusselig redet im sinnlosen Kampf gegen seine Wolfsburger Profis – und ein Double von Michael Skibbe verstieg sich bei der Frage, ob er seine Frankfurter noch erreicht, gar in die Antwort: „Ja.“
Fußball im Fasching.
Nichts ist so, wie es scheint. In Stuttgart ist am Samstag eine pfeifende Pappnase aus der geschlossenen Abteilung des Maskenverleihs entsprungen und hat, verkleidet als Schiedsrichter Dr. Felix Brych, zum Schalker Höwedes nacheinander „Helau“ und „Alaaf“ gesagt: Er hat den armen Kerl, weil der sich vom Russen Pogrebnyak mit dem Ellbogen umnieten und am Boden liegend auch noch von Hajnal den Fangschuss geben ließ, zur Strafe vom Platz gestellt und Elfmeter gepfiffen - und hinterher im Rahmen der Büttenrede erklärt, dass das alles richtig war. „Das ist verantwortungslos“, schäumte Felix Magath. Wobei es in Wahrheit gar nicht Magath war. Von einem Stuntman mit Sonnenbrille hat sich der Schalker Trainer vertreten lassen, um dem Protestplakat „Magath raus!“ der Schalker Fans zu entgehen.
Aber waren das wirklich Schalker? Auch nicht. Kein königsblauer Fan ist so behämmert, dass er drei Tage nach dem Pokalcoup in München und vier Tage vor dem Einzug ins Viertelfinale der Champions League auf den Trainer losgeht.
Es waren Witzbolde. Zur Volksbelustigung kann sich jeder Veranstalter solche brüllenden Fans im Fasching neuerdings mieten, für fünf Euro pro Kopf und Spiel, für einen geringen Aufpreis gibt es sogar bärtige Randalierer. Die halten dann als Pappnasen ihre Pappendeckel hoch und tun so, als hätten sie einen Sprung in der Schüssel oder führen sich auf Wunsch unter dem Motto „Mir san mir, stärker wie die Stier“ wie die Hornochsen auf. Die Schalker Magath-Peiniger vom Samstag waren noch drei Tage zuvor in der Allianz-Arena verkleidet als Bayern-Fans - und haben unter dem Absingen wüster Lieder das dick bepinselte Brett vor ihrem Kopf hochgehalten: „Koan Neuer!“ Nein, so sackdoof, dass er den besten Torwart der Welt nicht will, ist kein Fan.
Schuld ist der Fasching.
Und der einsame Höhepunkt des närrischen Treibens ist dieser dreiste Hochstapler, der sich als Louis van Gaal ausgibt. Am Samstag hat er auch noch einen ins Bayern-Tor gestellt, der aussah wie Thomas Kraft und sogar dessen Klamotten trug – und prompt hat sich der Fliegenfänger unter dem Motto „Wolle mir ihn roilasse?“ den verunglückten Weitschuss des Hannoveraners Pinto karnevalsreif in den Kasten bugsiert. Ungefähr im nächsten Moment soll Uli Hoeneß auf der Tribüne seinen unheilvollen Satz ausgestoßen haben: „Man muss jetzt handeln und nicht reden.“
Aber war es überhaupt Uli Hoeneß – oder wieder nur so eine Pappnase, die ihr Unwesen treibt im Schutz der närrischen Tage?




