Für eine Summe, die er nicht nennen darf, hat der frühere EnBW-Chef und Vorstandsvorsitzende von Hannover 96, Utz Claassen, als erster Ausländer zehn Prozent Anteile am spanischen Erstligaklub Real Mallorca und einen Sitz im Verwaltungsrat erworben. Im Interview nimmt der Wirtschaftsmanager Stellung zu seinen Motiven, Transfers deutscher Stars und einem Einstieg bei Hannover 96.
Morgenpost Online: Muss der königlich mallorquinische Fußballklub Sie als Heuschrecke fürchten, Herr Claassen?
Utz Claassen (47): Nein, ich bin keine Heuschrecke. Ich bin hier von der ersten Sekunde nicht wie ein Geschäftsmann, sondern wie ein Freund empfangen worden, weil man erkannt hat: Hier kommt nicht ein Deutscher, der uns übernehmen und einverleiben will, sondern jemand, der europäisch denkt und der uns helfen will, unser Projekt nach Europa zu exportieren und Menschen zu begeistern.
Morgenpost Online: Woher rührt denn Ihr plötzliches Interesse am RCD Mallorca?
Claassen: Ich habe überlegt, wo es heute noch Potenzial gibt für die Entwicklung großer Sportmarken. Lange waren die Finanzen der Vereine vornehmlich von den Eintrittskartenverkäufen abhängig, so dass ihr Potenzial von der Größe ihres Einzugsgebietes geprägt war. In der neuen Welt von Bits und Bytes, Merchandising, Globalisierung und Flugverkehr wird das Potenzial eines Fußballvereins bestimmt durch seine logistische Anbindung, sein Marktpotenzial, seine Markenkraft.
Morgenpost Online: Mallorca ist also das Ideal für eine europäische Sportmarke?
Claassen: Die beste Stadt Europas in dem Sinne ist vermutlich London als bestvernetzter Ort mit der größten Einwohnerzahl. Neben London aber ist Mallorca der zweitbeste Ort, um eine paneuropäische Sportmarke mit einer regionalen Tradition zu entwickeln. Die Insel hat jährlich mehr Touristen als London Einwohner. Zudem können sie binnen zwei, drei Stunden von überall in Europa auf Mallorca sein. Als mir das klar wurde, habe ich die Klubverantwortlichen kontaktiert, meine Idee und Vision einer europäischen Marke mit ihnen besprochen.
Morgenpost Online: Wie wollen Sie gegen FC Barcelona und Real Madrid anstinken?
Claassen: Barcelona ist der wohl erfolgreichste Klub der letzten Jahre, und Madrid ist der erfolgreichste Klub der Welt überhaupt. Das kann man nicht in fünf, zehn oder 15 Jahren aufholen. Das wäre utopistisch. Aber wir müssen uns zutrauen wollen, in absehbarer Zeit die dritte spanische Kraft in der Welt des Fußballs neben den beiden gigantischen Namen zu werden. Das heißt übrigens nicht, dass man gegen beide dauerhaft verlieren will. In dieser Saison haben wir ja schon beiden ein Unentschieden abgetrotzt, und gegen Real Madrid hätten wir mit ein klein wenig Glück durchaus gewinnen können.
Morgenpost Online: Fußballklubs kaufen sich zur Erschließung neuer Märkte Starspieler von da ein. Bei Mallorca mit deutschen Touristen liegt der Import des nächsten Özil nahe.
Claassen: Sie werden nicht erwarten, dass ich wenige Tage nach meinem Einstieg konkret über Spielertransfers rede. Das ist zuvorderst Aufgabe der sportlichen Leitung um den dänischen Trainer Michael Laudrup. Aber für die Entwicklung eines Marktes wie Deutschland, England oder Holland schadet es sicher nicht, einen deutschen, englischen oder holländischen Sympathie- und Leistungsträger an Bord zu haben. Wir haben gesehen, wie in Deutschland das Interesse an Chelsea gestiegen ist, als Michael Ballack dort spielte, oder an Inter Mailand, als Karl-Heinz Rummenigge oder Lothar Matthäus dort spielten. Zu gegebener Zeit wird man über einen deutschen oder anderen ausländischen Star beim RCD Mallorca nachdenken können. Aber nicht, wenn, wie jetzt, eine Saison schon begonnen hat und man in der unmittelbaren Phase der Sanierung steht. Für die mittelfristige Markenentwicklung hingegen schon.
Morgenpost Online: Kommen Sie für den Verein mit Ihrem Geld zu spät, wenn er wegen mehr als 60 Millionen Euro Schulden das Startrecht bei der Europa Liga von der Uefa entzogen bekam?
Claassen: Ich hätte durch meinen Einstieg die über viele Jahre entstandene finanziell schwierige Situation ja nicht mit einem Schlag verhindern können. Ich teile mit den anderen Aktionären hier aber die Überzeugung: Man kann und darf nicht mehr Geld ausgeben, als man einnimmt. Denn auch im Fußball wird Adam Riese nicht besiegt! Die heute Handelnden bräuchten auch nicht meine Sanierungserfahrung und Restrukturierungskompetenz. Sie haben schon einen sehr überzeugenden Plan entworfen, der den Klub nach meiner Überzeugung zu finanzieller Tragfähigkeit und Konsolidierung führen wird.
Morgenpost Online: Wie sehen Sie die harte Sanktion?
Claassen: Die Entscheidung der Uefa habe ich als Außenstehender erlebt: Ich habe sie nicht verstanden, weil ich Zweifel habe an der Einheitlichkeit der Maßstäbe, die angewendet werden. Und weil mich die Erklärung der Uefa nicht wirklich überzeugt hat. Danach hätten bei Anlegen gleicher Maßstäbe auch andere Klubs schon von Wettbewerben ausgeschlossen werden müssen, denn Mallorca ist bei weitem nicht der höchstverschuldete Klub in Europa. Ich habe große Zweifel, ob die Entscheidung der Uefa einer rechtlichen Überprüfung standhielte. Ich habe aber eine große Sympathie für das grundsätzliche Unterfangen der Uefa, wirtschaftliche Solidität als Grundlage für sportlichen Erfolg zu verlangen und zu überprüfen.
Morgenpost Online: Aber Sie engagieren sich nicht nur publikumsträchtig, um Ihre spanischen Netzwerke für Ihre weitere berufliche Tätigkeit auszubauen?
Claassen: Mein spanisches Netzwerk ist ja schon in den 90er-Jahren entstanden. Ich habe damals viele beeindruckende Menschen aus Wirtschaft, Politik und Sport bis hin zum Präsidenten des Fußballverbandes und sogar bis hin zum König kennen lernen dürfen. Ich engagiere mich also sicher nicht zum Netzwerken bei Mallorca. Es ist für mich ohnehin kein Beruf oder Job. Aber es ist angesichts der Dimension deutlich mehr als ein Hobby. Es ist ein unternehmerisches Engagement im Portfolio meiner Tätigkeiten.
Morgenpost Online: Investieren Sie auch in Mallorca, weil die Bundesliga sich mit der von Hannovers Klubchef Martin Kind wiederholt in Frage gestellten 50+1-Regelung nicht investorenfreundlich gibt?
Claassen: Herr Kind hat mit seiner Initiative Recht. In aller Regel sind Vereine nicht von Menschen gegen die Wand gefahren worden, die dort ihr eigenes, selbst verdientes, ordentlich versteuertes Geld investiert haben, sondern von Hasardeuren, die um der eigenen Eitelkeit willen mit dem Geld Dritter unvertretbare Risiken eingegangen sind. Wenn man wie ich sein Leben lang mit Hannover 96 groß geworden ist und 96 im Herzen trägt, wäre eine Investition in einen anderen Verein in Deutschland ohnehin emotional gar nicht machbar. Ich würde nie in einen direkten Wettbewerber von 96 investieren. Wenn Herr Kind mal ein paar vertrauensvolle Kleinaktionäre sucht, bin ich gern dabei.





