Pleite gegen St. Pauli

Der HSV verliert im Derby mehr als nur drei Punkte

Für die HSV-Fans ist die Pleite im Lokalderby der Tiefpunkt einer Reihe von Enttäuschungen. Die Mannschaft hat inzwischen fast jeden Kredit verspielt.

Dennis Aogo hockte auf dem Rasen des HSV-Stadions. Und wenn nicht alles täuschte, waren die Augen des Verteidigers feucht. Die Enttäuschung war riesig, wieder einmal hatte der Hamburger SV ein wichtiges Spiel verloren. 0:1 (0:0) gegen den FC St. Pauli. Ausgerechnet. Und auch noch zu Hause. Wieder eine große Chance verpasst, oben ranzukommen, wieder versagt. Die Niederlage gegen den kleinen Stadtkontrahenten war die Fortsetzung der Serie von Pleiten, Pech und Pannen in den letzten Jahren.

Die Fans kochen vor Wut, diese HSV-Generation hat spätestens nach diesem 16. Februar 2011 fast jeden Kredit verspielt. „Der HSV hat die Emotionen und Leidenschaft seiner Fans verloren“, schreibt in einem Forum „Erik Meijer“, „wenn die Fans über Monate und Jahre von einer Enttäuschung zur nächsten geschickt werden, dann schaltet man irgendwann ab.“

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieses großen Vereins in den letzten Jahren. Den Bremer-Wochen vor zwei Jahren mit dem Verpassen des DFB-Pokal- und Uefa-Cup-Finals folgte vor einem Jahr das Halbfinal-Aus in der Europa League gegen den FC Fulham. Dazu die ewigen Querelen um Trainerwechsel, Führungskrise, Sportchefsuche und Indiskretionen des zu großen Aufsichtsrates.

Und nun die historische Niederlage gegen den Underdog vom Kiez, dessen Team einen Transferwert von 33 Millionen gegenüber den 129 Millionen des HSV hat. „Das war heute die bitterste Niederlage, die ich jemals erlebt habe“, sagte HSV-Sportchef Bastian Reinhardt, „wenn ich sehe, wie die St. Pauli in unserem Stadion feiern, könnte ich kotzen.“

Trainer Armin Veh hat nun die zweifelhafte Ehre, der erste Trainer seit Rudi Gutendorf im September 1977 zu sein, dessen HSV-Team gegen St. Pauli verliert. „Das ist eine unglaublich bittere Niederlage, auch für mich persönlich“, äußerte der 50-Jährige. Auch sein Kredit ist damit bei den Fans fast schon komplett verspielt.

Fast eine Stunde lang war der HSV vor den 57.000 im ausverkauften Stadion das bessere Team, läuferisch, spielerisch auch kämpferisch. Nur im gegnerischen Strafraum fehlte wieder jegliche Torgefahr. Seine drei Siege in der Rückrunde hat der HSV mit 1:0 erzielt, aber nicht immer bleibt man ohne Gegentreffer. Diesmal traf Gerald Asamoah (59.) nach einem Eckball und entschied damit die Partie.

St. Pauli verbesserte sich mit 28 Zählern auf den elften Tabellenplatz und feierte einen ganz wichtigen Sieg im Kampf gegen den Abstieg. „Wir hatten diesmal das notwendige Quäntchen Glück, das uns in der Hinrunde oft gefehlt hat“, sagte Trainer Holger Stanislawski, „wir haben vor allem in der ersten Halbzeit nicht gut gespielt, waren viel zu passiv.“

Aber der Einbahnstraßenfußball der Gastgeber wurde eben nicht bestraft. Ruud van Nistelrooy ist zurzeit nur noch die Karikatur eines Weltstars, Eljero Elia trifft nur mit Interviews, in denen er seine Unzufriedenheit erklärt. Ze Roberto arbeitet, kann aber keine Freistöße schießen, Piotr Trochowski kann Freistöße schießen, darf bei Veh aber gar nicht mehr mitspielen. Ebenso wie die Talente Heung Min Son und Tunay Torun. Vielleicht am Samstag?

Dann kommt Werder Bremen zum zweiten emotionalen Derby hintereinander. Irgendetwas muss Veh bis dahin mit seiner Mannschaft anstellen. Er packte deshalb auch schon die Durchhalteparolen aus. „Wir werden mit der Niederlage umgehen können und uns wieder aufrichten“, verkündete der Trainer, „mit einem Sieg können wir unsere Fans versöhnen.“ Wenn nicht, dann brennt in Hamburg der Volkspark.