Holger Hieronymus nahm das ominöse Grün intensiv in Augenschein. Der Geschäftsführer Spielbetrieb der Deutschen Fußball Liga (DFL) sah sich das Spielfeld in der Arena des Hamburger SV an und vermeldete einen guten Zustand, was bedeutet: Das Stadtduell mit dem FC St. Pauli (18.45 Uhr, Sky) kann am Mittwoch endlich ausgetragen werden.

Am 5. Februar war das für den darauffolgenden Tag angesetzte Derby abgesagt worden; der Norden litt unter extremen Regengüssen. Weil der HSV aber erst knapp 48 Stunden vor Spielbeginn mit dem Verlegen eines neuen Rasens fertig geworden war, hält sich die Frage: Lag es an dem frisch aufgetragenen Rollrasen?

Im Verein sagen sie, auch der alte Grund hätte diese Wassermenge nicht aufnehmen können. Ein angeblich unabhängiger Gutachter hat das bestätigt. Allerdings weist der auf seiner Internetseite den HSV als Referenzkunden aus. Doch auch Hieronymus sagt: „So etwas wie in Hamburg kann in der Bundesliga wieder passieren, weil sich viele Klubs auch während der Saison entscheiden, den Rasen auszutauschen. Wir als DFL haben an so einem Austausch auch ein vitales Interesse, weil wir an einem optimalen Spielfeld interessiert sind.“

Dem Stadion ist nach dem Umbau vor rund zehn Jahren stets eigen gewesen, dass der Name häufig, noch häufiger aber der Rasen gewechselt wurde. Er wächst nie richtig an und fault irgendwann. Bei einem Anbieter vom Niederrhein muss deswegen zwei- bis dreimal pro Jahr neuer bestellt werden. Der HSV hat eine Art Abo auf die Rollbahnen, Kosten: rund 100.000 Euro pro Rasenwechsel.

Mit künstlicher Beleuchtung könnte das Grün wohl viel länger seine Farbe behalten und nicht alle paar Monate braun werden. Zu dieser Erkenntnis kommt Rainer Ernst, der in Deutschland den inoffiziellen Titel „Rasenpapst“ trägt. Er gehört dem Rasenkompetenzteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Rasenkommission des Weltfußball-Verbandes Fifa an und sagt: „Künstliche Beleuchtung ist die Lösung. Der Rasen braucht die roten und blauen Wellenlängen des Lichts. Nur dann wächst er.“

Im Schatten

In Hamburg aber lässt das Dach zu wenig davon durch. Zudem liegt durch die Bauweise der Platz meist im Schatten. Doch der HSV hat kein solches Lichtsystem, steht damit aber in der Bundesliga nicht allein da. Landauf und landab müssen in den Stadien regelmäßig die Rasenflächen ausgetauscht werden. Wie zuletzt in Dortmund, wo die deutsche Nationalmannschaft auf dem ackerähnlichen Platz 1:1 gegen Italien spielte. Am Tag darauf wurde der Rasen ausgetauscht. Es ist ein Dauer- und Reizthema.

In England wird in zwölf Stadien von Erstligavereinen wie dem des FC Arsenal oder in der Wembley-Arena mit Lichtstrahlen dem Rasen der entscheidende Wachstumsfaktor gegeben. Auch beim FC Bayern München musste die Spielfläche seit rund einem Jahr nicht mehr ausgewechselt werden. Der Rekordmeister setzt das teure, aber höchst effektive Lichtsystem ein. Beim HSV dagegen müht sich Greenkeeper Hermann Schulz vergeblich gegen den Verfall. Der HSV warb ihn vom Golfklub Gut Kaden ab, musste jedoch feststellen, dass sich dadurch die Probleme mit dem Geläuf nicht in Wohlgefallen auflösen.

Rasenheizung läuft auf Hochtouren

Heute gegen St. Pauli kann Schulz zwar einwandfreie Bedingungen garantieren: Die Halme sind bis auf 24 Millimeter gestutzt worden. Seit Tagen läuft die Rasenheizung, sie ist auf zwölf Grad eingestellt. Dem Rasen wird Frühling vorgegaukelt. Doch bald schon dürfte es mit den Frühlingsgefühlen wieder vorbei sein, wird wieder der nächste Austausch vorbereitet werden müssen.

Dabei gibt es mittlerweile ein weiteres System, das Besserung verheißt. In einem Abstand von rund zwei Zentimetern werden in Naturrasen sechs Kunstfasern eingestanzt. 20 Zentimeter tief, cirka zwei Zentimeter hoch, etwa 250 Stiche pro Quadratmeter. Durch die dadurch entstandenen Hohlräume kann das Wasser gut abfließen. Ein weiterer Vorteil: Der natürliche Rasen liebt es, sich mit den künstlichen Fasern zu vereinigen. Das Grün wird widerstandsfähiger, die Fläche ebener.

In den südafrikanischen WM-Stadien von Nelspruit und Polokwane wurde das Rasengemisch eingesetzt, die Fifa propagiert es. Einziger Nachteil: In Deutschland ist es verboten. Laut Hieronymus wäre selbst die natürlich-künstliche Rasenkonstruktion nicht mit den Statuten vereinbar. HSV-Torwart Frank Rost ist das recht: „Die Natur kann nicht einfach imitiert werden. Als Letzter hat es wohl Frankenstein versucht, und der ist kläglich gescheitert.“