Ganze 14 Minuten können den Unterschied zwischen Bedeutungslosigkeit und Glückseligkeit ausmachen. In der 76. Minute, also 14 Minuten vor Spielende in der Partie der Champions League zwischen dem AC Mailand und Ajax Amsterdam, muss bei der italienischen Mannschaft Superstar Robinho vom Platz. Für ihn wird der deutsche Nachwuchsspieler Alexander Merkel eingewechselt. Er ist 18 Jahre alt, es ist sein Pflichtspieldebüt in der Profimannschaft. Dass er am Ende das 0:2 nicht mehr abwenden kann und es ohnehin um nichts mehr geht, weil Mailand schon vorzeitig für das Achtelfinale qualifiziert war – geschenkt. Trainer Massimiliano Allegri gibt dem 18 Jahre alten Spielgestalter damit ein Zeichen: Junge, du bist nah dran, nutze deine Chance!

Vor zwei Jahren hat sich der italienische Topklub das Talent gegönnt, Merkel kam als 16-Jähriger. Er ist in Kasachstan aufgewachsen, kam als Sechsjähriger nach Deutschland, landete bei den Schwaben. Jugendleiter Thomas Albeck vom VfB Stuttgart sagt, „er war einer unserer Topspieler als Spielgestalter“. Weil Merkel auch in den Jugend-Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes auftrumpft, wurden Mailänder Späher auf ihn aufmerksam. Und Alexander Merkel war bereit, ins Ausland zu wechseln.

Er hatte damals unter dem aktuellen Stuttgarter Profitrainer Jens Keller gespielt. „Das war keine gute Zeit. Ich habe mich mit Herrn Keller nicht gut verstanden. Als ich gesagt habe, dass ich meinen Vertrag beim VfB nicht verlängern werde, kamen die Probleme“, sagt Merkel. Den Transfer fädelte schließlich Maurizo Gaudino ein, der frühere Stuttgarter Spieler. Der heutige Berater sagt: „Alex hat das Potenzial, eine Nummer im Profifußball zu werden. Wenn er von Mailand eine Chance bekommt, sollte er sie nutzen. Klappt es nicht, kann er es immer noch über Umwege schaffen. Der AC ist dann ein guter Türöffner.“

An Abschied aber denkt der Blondschopf nicht. Er steht zwar in Konkurrenz zu einer illustren Mittelfeldreihe, was beim AC Mailand heißt: Er konkurriert mit den Größten der Fußballwelt, Pirlo, Seedorf oder Ambrosini etwa. Doch Merkel hat einen Traum, und in dem spielt der AC Mailand die Hauptrolle. „Wenn es nicht klappt, kann ich anderswo immer noch einen Schritt zurück machen, um dann zwei nach vorn zu kommen“, sagt er. Im vergangenen Winter wurde sein Vertrag vorzeitig bis Sommer 2013 verlängert, seit drei Wochen gehört er fest der Profimannschaft an. Trainer Allegri hat immer den Kontakt zu ihm gehalten und ihn des Öfteren bei Auftritten des Nachwuchsteams beobachtet. Merkel sagt: „Ich habe das Gefühl, der Trainer baut auf mich.“ Bis zum Sommer soll er sich zunächst zwischen den Weltstars einreihen.

Nicht leicht für einen 18-Jährigen. „Ich habe die sonst nur im Fernsehen gesehen, jetzt bin ich selber Teil des Fernsehens. Es war zum Anfang etwas komisch, aber langsam habe ich mich daran gewöhnt“, sagt er und berichtet vom ganz normalen Trainingswahnsinn: „Was Spieler wie Ibrahimovic oder Robinho drauf haben, ist nicht von dieser Welt. Ich staune selber im Training immer noch. Es ist unfassbar.“ Doch auch der staunende Teenager wird langsam erwachsen. Die Ehrfurcht weicht zusehends dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Merkel ist aus dem AC-Internat ausgezogen. Er hat jetzt eine eigene Wohnung mit zwei Schlafräumen, Wohnzimmer, Küche, Bad und Balkon. Sie liegt im Städtchen Gallarte, also zwischen dem Trainingsgelände Milanello und dem Giuseppe-Meazza-Stadion des Klubs. In der Winterpause macht er in Deutschland seine Führerscheinprüfung, nur eine Freundin hat er noch nicht.

Merkel weiß zwar um die vielen deutschen Talente, die einst in die Welt zu großen Klubs auszogen und dann irgendwo strandeten. Wie zuletzt Savio Nsereko. Der war mit 16 zum italienischen Klub Brescia Calcio gewechselt. 2009 wurde er dann für elf Millionen Euro zu West Ham United transferiert, schließlich zum Zweitligaverein 1860 München abgeschoben und Ende November wegen Disziplinlosigkeit entlassen. Merkel aber gibt sich davon unbeeindruckt. „Wer es nie versucht, kann nie wissen, ob es gut ausgeht. Ich habe es halt mal riskiert und bereue nichts“, sagt er. Am Sonntag spielt Tabellenführer Mailand beim FC Bologna. Merkel hofft, dann wieder zu den Glückseligen zu gehören. Wenigstens für ein paar Minuten.