Inter Mailand

Für Benitez ist Mourinhos Schatten zu groß

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Oliver Birkner

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Der Titelverteidiger der Champions League versinkt im Chaos. Bei Inter Mailand werden schon mögliche Nachfolger von Rafael Benitez gehandelt.

Den Meister der Champions League zu besiegen, gelingt Fußballprofis nicht allzu oft in ihrer Karriere. Wenn das Spiel dann gar 3:0 endet, müsste die Euphorie grenzenlos sein. Doch in Bremen war sie es am Dienstagabend nicht. Zwar hatte Werder gegen Inter Mailand gewonnen, aber der Sieg über den Titelverteidiger war derart wertlos, dass selbst ein Medienprofi wie Nationalspieler Per Mertesacker gar nicht erst versuchte, das Ergebnis zu überhöhen. Den Italienern sei „wohl zu kalt gewesen, um guten Fußball zu zeigen“, mutmaßte der Abwehrmann. Manager Klaus Allofs sprach immerhin von Wiedergutmachung: „Das waren wir unseren Fans schuldig“. Aber er gab auch zu, dass Inter „heute nicht die Qualität“ hatte, die der Klub sonst besitzt.

Werder Bremen erhöhte durch den Sieg im letzten Gruppenspiel der Champions League das Punktekonto auf fünf Zähler, was aber immer noch nicht reichte, um den letzten Tabellenplatz abzugeben. Die „Mission Europa“ ist für diese Saison vorbei. Immerhin aber vermasselten die Hanseaten den Gästen, die Gruppenphase als Erster abzuschließen, und so wird Inter sich in der K.o.-Phase wohl einem deutlich stärkeren Gegner stellen müssen, als wenn es auch das letzte Spiel ernst genommen hätte.

Die Mailänder waren mit einer Mischung aus Stamm-, Ersatz- und Nachwuchspersonal aufgelaufen. Für die bereits Qualifizierten hatte das Fernduell mit Tottenham scheinbar keine Priorität. Stattdessen wurde so mancher Stammkraft eine Pause gegönnt – immerhin verzeichnet der Klub seit Sommer weltrekordverdächtige 44 Verletzungen, denen unter anderem beinahe die komplette Abwehr zum Opfer fiel.

Die Strapazen sind allerdings noch lange nicht vorbei, im Gegenteil: Schließlich steht in der kommenden Woche die Klub-WM in Abu Dhabi an – ein Wettbewerb, der in Italien durchaus ernst genommen wird, und der als letzter Rettungsanker für Trainer Rafael Benitez gilt. Das 1:3 bei Lazio Rom am vergangenen Wochenende war bereits Inters vierte Niederlage in 15 Ligaspielen, das gab es seit zehn Jahren nicht. Außerdem weist der Meister zwölf Punkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr auf.

Da führte noch Jose Mourinho die Geschäfte, der später das historische Tripel zelebrierte und sich grußlos zu Real Madrid verabschiedete. Für die Interisti gilt „Mou“ noch immer als Messias. Vor einigen Wochen feierten Hunderte Inter-Anhänger Mourinhos Rückkehr mit Real beim AC Mailand vor dem San Siro, während ihr Klub gleichzeitig bei Tottenham verlor. „Mourinho bereitet gerade sein großes Geburtstagsfest vor – Weihnachten wird er 2010 Jahre alt“, schrieb jüngst ein bekannter italienischer Comedian und lag aus Inter-Sicht damit gar nicht so falsch.

Währenddessen steht der konturlose Benitez ratlos an der Linie, weckt mit seinem hochroten Kopf Angst um seine Blutdruckwerte und versucht die Aufgabe zu erfüllen, die im Grunde niemand erfüllen kann: die Mourinho-Nachfolge. „Wie? Inter hat schon wieder verloren?“ kommentiert Mourinho seit Wochen aus dem fernen Madrid und kann sich die Schadenfreude kaum verkneifen. Benitez hingegen wettert, sein Vorgänger habe das Team bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht.

Genauso wirkt der Tabellensechste der Serie A derzeit auch: satt, uninspiriert, blutleer. Ohne eine wirkliche Idee, woran die Krise denn nun liegen mag. Nach fünf Meisterschaften in Folge hat Mourinho ein chaotische Tohuwabohu hinterlassen, für das Inter zuvor schon jahrelang stand: Ein Klub, bei dem sich Trainer und Spieler erfolglos die Hand geben, wo der erste Präsident gar als Unglücksbringer galt und deshalb versuchte, mit einem angeklebtem Bart anonym ins Stadion zu schleichen und in Selbstironie die Hymne „Pazza Inter“ („Verrücktes Inter“) aufnahm.

„Vor zehn Jahren hätte ich Benitez schon längst entlassen. Nun bin ich aber weiser und ruhiger geworden“, sagt Inter-Patron Massimo Moratti. Geduld kennt allerdings auch in der Weisheit Grenzen. Sollte Inter in den Vereinigten Arabischen Emiraten erneut eine trostlose Figur abgeben, wird im Fall Benitez das italienische Sprichwort greifen, dass bei Inter die Trainer selten den Weihnachtskuchen „Panettone“ essen, dass sie entlassen werden. Als Nachfolger werden schon Fabio Capello, Englands Nationaltrainer, und das ehemalige Inter-Idol Walter Zenga gehandelt.

Mitarbeit: knb