Der erste Gedanke nach dem Rennen galt ihrem Freund. Die Träger des engen Badeanzugs über die Schultern gestreift, kauerte sich Britta Steffen auf das Siegerpodest am Rand des Schwimmbeckens an der Landsberger Allee und schaute aufs Wasser. Sie biss sich auf die Unterlippe, hielt die rechte Hand vor den Mund, sprang schließlich auf und klatschte Beifall. In 1:44,36 Minuten siegte Paul Biedermann beim Kurzbahn-Weltcup über 200 Meter Freistil, das erfreute auch Britta Steffen. Und so fiel der Frust über Platz sechs im 100-Meter-Kraulrennen kurz zuvor moderat aus. „Mit der Zeit bin ich zufrieden, aber Platz sechs ist halt kein Gold“, sagte die Doppel-Olympiasiegerin, „ich habe mein Bestes gegeben, mehr war momentan nicht drin. Was soll's!“
Bei ihrer Rückkehr nach 15 Monaten Wettkampfpause war es der Berlinerin aber auch nicht so sehr um Platzierungen gegangen, sie wollte vielmehr wieder das Gefühl für das Element Wasser bekommen und der Fachwelt zeigen, dass sie noch da ist. Und das Unternehmen gelang.
„Ich habe das Kribbeln wieder gespürt“, sagte Steffen, „früher war mein erster Gedanke immer: Lass das bloß schnell wieder vorbei sein. Aber genau danach habe ich mich so lange gesehnt. Eigentlich würde ich mir eine Medaille dafür geben, dass ich hier überhaupt angetreten bin.“ Schönreden wollte sie freilich nichts, „denn eine Niederlage bleibt eine Niederlage, und die fühlt sich im ersten Moment beschissen an.“ Am Samstag hatte Steffen über 50 Meter Platz vier belegt. „Aber es ist dafür ein gutes Gefühl zu sehen, dass ich noch schwimmen kann.“ Bundestrainer Dirk Lange war mit der Rückkehr seiner Vorzeige-Athletin zufrieden: „Brittas Leistung hier ist beachtlich gut. Vor allem im Vergleich zu den Athleten, die nicht so wie sie mehr als ein Jahr lang keine Wettkämpfe mehr bestritten haben.“
Die Ziele für Britta Steffen sind klar. Bei den Weltmeisterschaften 2011 in Schanghai und den Olympischen Spielen 2012 in London will die 26-Jährige um Medaillen kämpfen, wenngleich sie schon alle sportlichen Meriten erreicht hat, die möglich sind. „Mehr als Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Weltrekordlerin geht ja nicht“, sagt sie und lächelt, „das, was ich jetzt mache, tue ich aus Lust und Leidenschaft.“ Dabei bekommt ihr die Beziehung zu Doppel-Weltmeister Paul Biedermann offensichtlich sehr gut: „Er motiviert mich und treibt mich an.“ Seinen ersten Auftritt als Liebespaar bei einem Wettbewerb hat das Schwimm-Duo gut gemeistert. Natürlich und locker bewegte sich das deutsche Sporttraumpaar im Europasportpark, lächelte unverkrampft in die Kameras. „Ich denke, wir haben das ganz gut gelöst“, sagte Biedermann, „aber wir sind nicht so das Glamour- und Promipaar.“
Berlinerin gibt sich selbst Medaille
Sportlich erlebte Britta Steffen beim Weltcup ihre erste Niederlage seit dreieinhalb Jahren. Doch Tränen flossen nicht. „Eigentlich müsste ich weinen, aber ich lache“, sagte die Berlinerin. Erst seit fünf Wochen ist Steffen wieder im harten Training, so fehlt noch die Wettkampfhärte. „Das ist völlig normal“, sagte sie. Nach dem Verbot der leistungsfördernden Hightech-Anzüge, dank derer Steffen in den vergangenen zwei Jahren weniger schnell ermüdet war, tut ihr das Schwimmen jetzt wieder so sehr weh wie früher. „Man muss den Schmerz begrüßen und sich dann freuen“, sagt sie. Ist sie im Vollbesitz ihrer Kräfte, tun die Beine erst auf den letzten zehn Metern weh. „Jetzt kam der Schmerz schon nach 75 Metern. Es ist brutal, wie doll die Oberschenkel brennen, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Als nächstes stehen die Deutschen Meisterschaften in Wuppertal (11. bis 14. November) an, dort müssen sich die deutschen Athleten für die Kurzbahn-EM zwei Wochen später in Eindhoven qualifizieren. Klappt das nicht, „wäre das für uns aber kein Beinbruch“, sagt Steffens Trainer Norbert Warnatzsch. Die Weltmeisterschaft in Dubai (15. bis 19. Dezember) lässt die viermalige Weltrekordlerin aus, um ihr Trainingspensum weiter zu steigern.


