Erst schloss Paul Biedermann sie liebevoll in die Arme, dann bekam Britta Steffen noch ein paar aufmunternde Worte von ihrem Trainer Norbert Warnatzsch ins linke Ohr geflüstert. Auch wenn sie noch keine Großtaten von sich erwartet hatte, so war die Schwimm-Olympiasiegerin aus Berlin doch ein wenig enttäuscht. Bei ihrem Comeback nach 15 Monaten Wettkampfpause schlug sie beim Kurzbahn-Weltcup im Europasportpark an der Landsberger Allee über 50 Meter Freistil in 24,53 Sekunden als Vierte an. „Das ist schon ein bisschen undankbar“, haderte Steffen, „aber zurzeit ist eben nicht mehr drin. Ich hatte mir schon ein bisschen mehr erwartet, bin daher etwas traurig. Aber ich muss auch ein bisschen Lehrgeld zahlen. Bei der Wende habe ich mich verschluckt und mich danach unter Wasser etwas verirrt.“
Als sich die erste Enttäuschung gelegt hatte, konnte sich Britta Steffen dann doch wieder freuen. Denn Doppel-Weltmeister Biedermann, mit dem sie seit März liiert ist, hatte über die 400 m Freistil in 3:42,31 Minuten triumphiert. „Britta sieht das alles ganz gelassen, sie ist eine Kämpfernatur“, sagte Biedermann über seine Liebste, „außerdem hat sich ja noch die 100 Meter Freistil vor sich.“ Im Vorlauf am Vormittag hatte Steffen in 24,30 Sekunden bereits die Norm für die Kurzbahn-Europameisterschaften Ende November in Eindhoven unterboten. Damit feierte die 26-Jährige insgesamt eine gelungene Rückkehr in den großen Wettkampfsport. Erst seit fünf Wochen befindet sich die Studentin (Wirtschaftsingenieur, Fachgebiet Umwelt) wieder im Training. Zuvor hatten zahlreiche Verletzungen und Erkrankungen sie immer wieder zur Zwangspause gezwungen. Steffen hörte auf ihren Körper und gönnte sich die nötige Ruhe. Im Höhentrainingslager in Flagstaff/Arizona übte die 26-Jährige zuletzt vorwiegend an Land. Erst am vergangenen Donnerstag kehrte dann wieder das richtige Gefühl im kühlen Nass zurück. „Da habe ich mich erstmals wieder richtig wohl im Wasser gefühlt und erlebt, dass ich noch gut schwimmen kann“, sagt Steffen. Eine Situation, die für Laien angesichts der Erfolge nur schwer nachvollziehbar ist. Die Olympiasiegerin erklärt: „Manchmal bist du im Wasser und fühlst dich, als würdest du dort einfach nur völlig ineffektiv herumwühlen. Dann gibt es die Situation, da machst du einen Zug und denkst, du kommst drei Kilometer weit.“
Mit dem Auftritt beim Heim-Weltcup will Steffen nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Kritikern beweisen, dass sie es noch draufhat. Zwei bis drei Jahre traut sich die Blondine noch Spitzenleistungen zu, ehe sie mit Paul Biedermann eine Familie gründen will. „Das ist die schönste Zeit meines Lebens und ich bin dankbar, dass ich das erleben darf.“ Es gehe doch darum, ein gutes und schönes Leben zu führen, sagt Steffen. „Wir sind alle nicht ewig auf dieser Welt. Deshalb versuche ich, diese Zeit zu genießen.“
In den letzten Monaten aber hatte ihr aus der eigenen Branche immer wieder der Wind hart ins Gesicht geweht. So waberte das Gerücht, dass Steffen gar nicht mehr ernsthaft zurückkommen werde. „Via Buschfunk habe ich gehört, dass ich nur beim Weltcup starte, um meine Sponsoren zu behalten. Einige unterstellten mir sogar, dass ich in Wahrheit meine Karriere beendet habe.“ Das sei völliger Quatsch.
Britta Steffen ist ein ehrlicher Mensch, sie behandelt andere stets mit Respekt. Freimütig räumt sie ein, dass sie zudem ein „bisschen zart besaitet“ sei. „Deshalb haben mich diese Gerüchte schon sehr mitgenommen. Es trifft mich, wenn man mir Unehrlichkeit vorwirft, das hat mich angenervt“, sagt sie. Und noch etwas lastete zuletzt auf ihrem sensiblen Gemüt. So soll ihre frühere Trainingspartnerin Franziska van Almsick während der EM im August in Budapest gesagt haben, dass Britta Steffen ein Kind der Ära der Wunderanzüge sei. Und weiter: „Sie hatte immer Talent, ist aber erst in den Wunderanzügen richtig schnell geworden. Für sie wird es noch eine ganz schöne Umstellung werden.“ Worte, die Britta Steffen „sehr verletzt“ haben. „Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass Franzi das so gesagt hat. Wenn ja, dann wäre es auch eine Lüge.“ Denn Steffen ist auch vor Einführung der superschnellen Anzüge rasch unterwegs gewesen, hatte allein bei der EM 2006 in Budapest vier Mal Gold geholt und dabei Weltrekorde aufgestellt. Van Almsick hatte Steffen seinerzeit aus Potsdam in die Trainingsgruppe von Norbert Warnatzsch zur SG Neukölln gelotst. „Ohne Franzi wäre ich nie da, wo ich jetzt bin“, sagt Steffen. Unvergessen bleibt die Szene, als sie 2008 in Peking nach ihrem fulminanten Olympiasieg über 100 m Freistil am Beckenrand vor laufenden TV-Kameras van Almsick laut schluchzend umarmte und ihr „für alles“ dankte. „Franzi und ich hatten immer ein freundschaftliches Verhältnis, wir haben uns nie gestritten“, sagt Steffen, sie gesteht aber auch: „Ganz enge Freundinnen waren wir nie. Franzi lebt in Heidelberg, ich in Berlin. Die Beziehung mit Franzi war eine lehrreiche Zeit, in guten wie in schlechten Zeiten.“


