Als der Rasen des Fürther Stadions mit knapp 8000 freudetrunkenen Menschen in braun-weißer Kleidung gefüllt war, schnappte sich Holger Stanislawski das Mikrofon für eine Ankündigung. „Das hier ist erst der Anfang. Ich erwarte am nächsten Sonntag mindestens 100.000 von euch auf der Reeperbahn. Dann werden wir richtig schön den Kiez rocken“, rief der Trainer des FC St.Pauli der vor Glück juchzenden Menge zu.
Im Anschluss an das letzte Saisonspiel gegen Paderborn soll der „gigantische Erfolg“, der fünfte Aufstieg in die Fußball-Bundesliga der Vereinsgeschichte, im eigenen Stadtteil noch einmal bis in den nächsten Morgen ausgiebig zelebriert werden. Am Gelingen des Aufstiegs gibt es keinen Zweifel mehr – angesichts eines Vorsprungs von drei Punkten und 16 Toren auf den Tabellendritten Augsburg (1:0 gegen 1860 München) vor dem 34.?Spieltag.
Jene Szenen, die sich am Sonntagabend im Fürther Stadion nach dem 4:1 für den FC St.Pauli abspielten, gaben schon einen Vorgeschmack darauf, wie es am kommenden Wochenende in Hamburg zugehen wird. Der Schlusspfiff von Schiedsrichter Guido Winkmann (Kerken) war noch nicht verklungen, da quollen von den Tribünen auch schon die Fans durch die Tore in das Innere des Stadions, in welchem die Spieler des FC St.Pauli schon hüpften, sangen und tanzten. Mittelfeldspieler Deniz Naki, der Torschütze zum wichtigen 1:1, erklomm das Dach der Ersatzbank und schwenkte eine braun-weiße St.?Pauli-Fahne.
In der Kabine ging die erste Feier weiter. Mit Inbrunst schmetterten die Spieler den Klassiker „Nie mehr Zweite Liga“ und den Schmähgesang „Schade, Augsburger Jungs – Aufstieg nur für uns“. Für einige Spieler war es der zweite Aufstieg innerhalb von drei Jahren. 2007 war der FC St.?Pauli erst aus der damaligen drittklassigen Regionalliga Nord in die Zweite Liga aufgerückt. Dieses Mal aber gehe alles noch ausgelassener, noch verrückter zu, sagte Mittelfeldspieler Florian Bruns, der schon vor drei Jahren bei den Feierlichkeiten dabei gewesen war. „Das ist einfach gigantisch. Es ist, als wenn einem Huhn der Kopf abgeschlagen wird. So laufen alle in der Kabine herum“, sagte Bruns.
Am Montagmorgen, 8.40 Uhr, ging die Feier auf dem Hamburger Flughafen weiter. Mehr als 500 Fans des FC St.Pauli feierten die Mannschaft und vor allem Trainer Holger Stanislawski, der als Gestalter des Aufschwungs gilt. Als der ehemalige Bundesligaprofi im November 2006 zunächst übergangsweise als Trainer eine verunsicherte Mannschaft übernahm, belegte sie in der Regionalliga den zwölften Rang. Ein halbes Jahr später stieg sie als Erster in die Zweite Liga auf.
Dass der FC St.Pauli zeitlich exzellent passend zum 100-jährigen Jubiläum des Klubs am 15.?Mai die Rückkehr in die Bundesliga geschafft hat, ist zu einem erheblichen Anteil das Werk des Trainers. Stanislawski ist es trotz des Verlustes einiger namhafter Spieler nach der vergangenen Saison (Filip Trojan, Alexander Ludwig) gelungen, aus der neu formierten Mannschaft innerhalb kurzer Zeit eine erstaunlich harmonierende Einheit zu formen. Alle Zugänge erwiesen sich als Verstärkungen, in Fürth standen fünf von ihnen in der ersten Elf.
„Ich bin unglaublich stolz auf alle meine Jungs. Der Abpfiff wird ihnen immer in Erinnerung bleiben. Sie werden daran denken, wie sie den Pfosten umarmt haben. Und es ist ein Traum, dass wir uns bald mit Vereinen wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen messen dürfen“, sagte Stanislawski, der so zum FC St.Pauli passt wie „Aale-Dieter“ zum Fischmarkt. Stanislawski lebt die Verbundenheit mit dem Klub vom Kiez vor.
Der Verein nutze jetzt seine Potenziale, sagte Sportchef Helmut Schulte und fragte hinterher: „Wenn Holger Stanislawski, unser Präsident Corny Littmann und ich – Leute, die diesen Verein seit Jahren kennen – dies nicht hinbekommen sollten, wem sollte es gelingen? Wer sollte ein solches Gefühl für den speziellen Moment in dem Verein hinbekommen, also der stetigen Frage, was gerade geht und was nicht, wenn nicht wir?“
Beim FC St.Pauli wird derzeit auf mehreren Feldern an einer größeren Professionalität gearbeitet. Neben dem Bau der Haupttribüne des Millerntorstadions, der zum Beginn der Bundesligasaison im August beendet sein soll, wird auch das Trainingszentrum auf ein erstligareifes Niveau gebracht. Dank des nun feststehenden Aufstieges in die Bundesliga und den damit verbundenen Mehrreinnahmen wird der Bau 2011 abgeschlossen sein.
Der Macher im Hintergrund heißt Corny Littmann. Bereits vor drei Jahren, nach dem Aufstieg in die Zweite Liga, hatte der 57-jährige Theaterbetreiber davon geträumt, im Jubiläumsjahr die Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen. „Dass es jetzt tatsächlich dazu gekommen ist, ist einfach fantastisch. Eine dramaturgisch bessere Inszenierung hätte ich auch nicht hinbekommen“, sagte Littmann, der ankündigte, dass alle Heimspiele am Millerntor ausgetragen werden, auch jenes gegen den Lokalrivalen HSV: „Unser Aufstieg ist gut für die Stadt Hamburg. Und für die Bundesliga ist es eine Bereicherung, dass wir wieder zurück sind.“





