Auf Schalke kennen sie sich aus mit großen Emotionen, vor allem mit der Melancholie nach dem Scheitern. Acht zweite Plätze musste der Verein in seiner Geschichte bereits hinnehmen, und gestern kam ein neunter hinzu. Doch was sich nach dem 0:2 (0:0) gegen Werder Bremen in der „Arena auf Schalke“ abspielte, hatte nichts von der Niedergeschlagenheit, die in der Vergangenheit so oft die „Meister der Herzen“ ergriffen hatte.
Noch eine halbe Stunde nach dem Abpfiff, der das Ende der Meisterträume besiegelt hatte, standen 60.000 Zuschauer im weiten Rund und feierten ihre Mannschaft, die mit großen Augen ihre Auslaufrunden drehte. Minuten zuvor hatte bereits Trainer Felix Magath die Ovationen der Fans für eine starke, vielleicht sogar überragende Saison entgegengenommen. Er machte die Welle mit den Anhängern, winkte, klatschte und sagte anschließend ergriffen: „Diese Fans haben den Titel verdient. So etwas wie hier habe ich in all meinen Trainerstationen noch nicht erlebt.“
Er hätte es bei den Lobpreisungen belassen sollen, doch dem Testosteron nach der verpassten persönlichen Titelverteidigung mag es geschuldet sein, dass er zum Rundum-Schlag gegen die Schiedsrichterzunft ausholte. Richtig ist, dass der Unparteiische Knut Kircher gestern in der 42. Minute eine Fehlentscheidung traf, als Schalkes Benedikt Höwedes in den Bremer Strafraum eindrang und dort von Abwehrspieler Per Mertesacker zu Fall gebracht wurde. Kircher ließ weiterspielen und lag falsch damit.
„Das war die entscheidende Szene“, wetterte Magath. Dann erinnerte er an eine ähnliche Situation vier Wochen zuvor im Spiel gegen Bayern München, wo seinem Team ebenfalls ein Strafstoß verweigert worden war. Er prangerte an, dass die vielen Kleinigkeiten, die gegen seine Mannschaft gepfiffen werden, das Team demoralisieren würden: „Leider sind wir in dieser Saison einige Male benachteiligt worden“, bilanzierte Magath.
Seine Mannschaft hatte sich gegen die Bremer tapfer gewehrt, in der ersten Halbzeit das Spiel gar beherrscht. Nach 22 Minuten köpfte Kevin Kuranyi den Ball per Aufsetzer an die Latte. Bundestrainer Joachim Löw auf der Tribüne registrierte es mit unbewegter Miene. Noch ist es ungewiss, ob er den verstoßenen Schalker Stürmer begnadigt und doch mit zur Weltmeisterschaft nimmt. Ebenso ungewiss ist auch die weitere Zukunft des 28-Jährigen, dessen Vertrag ausläuft. Die unter der Woche von einer Zeitung vermeldete Einigung mit Dynamo Moskau dementiert er jedenfalls entschieden: „Es ist definitiv noch keine Entscheidung gefallen“, sagte er der „Welt am Sonntag“.
Löw und die anderen Zuschauer bekamen gestern übrigens nur einen eingeschränkten Ergebnisservice geboten: Fleißig wurden die Treffer aus den anderen Stadien vermeldet, nur nicht die Tore des FC Bayern. Bei der Spielübersicht auf dem Videowürfel fehlte die Partie gegen Bochum ebenfalls. Doch natürlich sickerte es durch, dass gegen Werder Bremen ein Sieg her musste, um am kommenden Samstag noch Chancen zu haben, das Meistertrauma abzustreifen.
Und so spielte die Mannschaft zunächst auch. Von Werder Bremen, das Bayern München und Schalke 04 in die Champions League folgen will, war vor der Pause wenig zu sehen. Das allerdings änderte sich nach dem Seitenwechsel: Nach 55 Minuten umdribbelte Mesut Özil drei Gegenspieler und ließ Torwart Manuel Neuer aus zehn Metern keine Chance – um 16.43?Uhr stand der FC Bayern dank der Bremer Hilfe als Deutscher Meister fest. Und das blieb er auch, denn neun Minuten nach dem 0:1 bediente Özil von rechts Hugo Almeida, der freistehend einschieben konnte.
Während Werder nun im letzten Spiel ausgerechnet beim Erzrivalen Hamburger SV den dritten Platz und damit die Teilnahme an der Qualifikation zur Champions League zementieren kann, ist Schalkes Spiel beim FSV Mainz nur noch für die Galerie. Es wird trotzdem eine große Party geben auf Schalke, versprach Magath, und nach dem ersten Frust richtete er seine Krawatte und gratulierte dem neuen Meister Bayern München. Allerdings nicht, ohne darauf hinzuweisen, dass Schalke in der nächsten Saison wieder angreifen werde: „Das sind wir diesen Fans einfach schuldig.“




