Mit seinen drei Treffern zum 3:1-Heimsieg gegen den VfL Bochum war Thomas Müller am Maifeiertag Bayern Münchens Held der Arbeit. Der verdiente Lohn ist der schon vor dem letzten Spiel bei Absteiger Hertha BSC praktisch sichere Meistertitel, und es passt perfekt in die außergewöhnliche Spielzeit des FC Bayern, dass ausgerechnet der 20-jährige Müller zum Meistermacher wurde.

An 49 der bis dato 50 Münchner Pflichtspiele nahm der Louis van Gaal von Assistenztrainer Hermann Gerland empfohlene Offensivspieler in seiner ersten Profi-Saison teil. "Müller kann laufen. Müller kann spielen. Müller bereitet Tore vor. Müller schießt Tore. Müller kann Kopfbälle, vorne wie hinten", erläuterte Gerland kürzlich dessen Vorzüge, die auch Bundestrainer Joachim Löw erkannt hat und wohl schon bei der WM gewinnbringend nutzen will. Bayerns Chefcoach van Gaal hatte schon im Sommer verfügt: "Müller spielt bei mir immer." Das erste Mal stand sein Musterschüler am 4. Spieltag beim 3:0 gegen Meister Wolfsburg in der Startelf. Fast unbemerkt; denn beim ersten Saisonsieg bestimmt Arjen Robben mit zwei Treffern die Schlagzeilen.

25 Millionen Euro hatten die Münchner im Sommerschlussverkauf für den niederländischen Nationalspieler ausgegeben, den Real Madrid nicht mehr haben wollte. Es war ein Notkauf, nachdem die 1:2-Pleite bei Aufsteiger Mainz 05 den historischen Fehlstart des FC Bayern besiegelt hatte und die Klubverantwortlichen zum Handeln drängte.

Dass für viel Festgeld der vermeintlich verletzungsanfällige Angreifer Robben geholt wurde, obwohl die Not in der Defensive viel größer schien, erwies sich auf Anhieb als Glücksgriff und mit Fortdauer der Saison als Königstransfer. In Meisterschaft, Pokal und Champions League erzielte der 26-jährige Superstar die schönsten und wichtigsten Tore. Vor zwei Wochen, beim 7:0 gegen Hannover 96, gelangen Robben wie jetzt Müller gegen Bochum drei Treffer in einem Spiel.

Wie schwer auszurechnen die Bayern in der entscheidenden Phase der Saison sind, beweist allerdings am besten Ivica Olic. Dem unermüdlichen Kroaten, der ablösefrei vom Hamburger SV gekommen war, trauten die meisten Experten maximal eine Mitläuferrolle in München zu. Doch ausgerechnet in der Champions League, der Liga der Besten, ist Olic mit acht Treffern zweitbester Torjäger hinter Weltfußballer Lionel Messi (neun Tore). Im Halbfinal-Rückspiel vergangene Woche bei Olympique Lyon (3:0) war der 30-jährige Olic Matchwinner, ebenfalls mit drei Toren.

Die Dreierbande Müller, Olic und Robben steht für van Gaals meisterhaften Offensivmix aus Unbekümmertheit, Fleiß und Genialität sowie Talent und Routine. Die deutschen WM-Stürmer Mario Gomez und Miroslav Klose sind auf Kurzarbeit getaktet, während Italiens Weltmeister Luca Toni in der Winterpause sogar nach Hause geschickt wurde. Was zählt, ist der Erfolg des Kollektivs, die Ein-Mann-Schau erlaubt der Trainer nur sich selbst, der sich in München mit den Worten vorgestellt hatte: "Ich bin ich: Selbstbewusst, arrogant, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ, aber auch warm und familiär.”

Was anfangs niemand glauben wollte, der vor allem als extrem eigensinnig berüchtigte van Gaal lernt aus Fehlern. Nach der Blamage in Mainz ersetzte er im Tor den als Kahn-Nachfolger überforderten Michael Rensing durch Routinier Jörg Butt, der zum soliden Rückhalt wurde und im entscheidenden Champions-League-Vorrundenspiel bei Juventus Turin (4:1) per Strafstoß den Ausgleich erzielte, in jener Partie im Dezember also, die als Schlüsselspiel der Bayern-Saison gilt und deren positiver Ausgang van Gaal den Arbeitsplatz sicherte.

Dass die Klubbosse über die Entlassung des Trainers im Krisenherbst nachdachten, wird mittlerweile unter der Hand bestätigt, weil die Ergebnisse nicht den Ansprüchen des Rekordmeisters entsprachen. Anders als jüngst in Hamburg und Bochum allerdings wollte die Mannschaft immer mit van Gaal weitermachen. In seinem Aufsehen erregenden Interview nach der 0:2-Niederlage gegen Girondins Bordeaux Anfang November (als Müller wegen einer Sperre fehlte) kritisierte der stellvertretende Spielführer Philipp Lahm ungewöhnlich deutlich die Transferpolitik seines Arbeitgeber, nahm den Trainer aber explizit in Schutz.

Auch für das von Lahm unter anderem angeprangerte Problem der fehlenden Anspielstationen im Mittelfeld fand van Gaal bald eine Lösung. Bastian Schweinsteiger rückte neben Mannschaftsführer Mark van Bommel ins zentrale defensive Mittelfeld, wo er seither, bisweilen in Weltklassemanier, das Kurzpassspiel der Bayern dirigiert. Mit 25 Jahren hat die einst bessere Hälfte des Gute-Laune-Angriffs-Duos "Schweini & Poldi" eine Führungsrolle übernommen. Daneben, die Mischung macht's, darf, wenn er fit ist, der geniale Franck Ribery wirbeln, was diese Saison wegen diverser Blessuren selten der Fall war. Doch es war der Franzose, der am 28. Februar mit seinem Siegtor zum 1:0 gegen den HSV den FC Bayern erstmals seit Mai 2008 wieder an die Bundesliga-Tabellenspitze schoss und die Münchner Brust damit wieder ganz breit machte.

Achillesferse ist bis heute die Abwehrreihe, obwohl die Münchner in der Bundesliga die wenigsten Gegentore (30) kassiert haben. Der 21-jährige Innenverteidiger Holger Badstuber musste häufig auf der linken Seite aushelfen, wo er auf höchstem Niveau, wie etwa gegen Manchester United, überfordert ist. Seinen enttäuschenden Landsmann Edson Braafheid ließ van Gaal in der Winterpause ziehen, er probierte den 17-jährigen David Alaba aus, jetzt macht der 20-jährige Diego Contento, wie Alaba aus dem Regionalligateam befördert, den Job recht ordentlich. Die Stammbesetzung im Abwehrzentrum, Daniel van Buyten und Martin Demichelis, aber hat immer mal wieder einen Aussetzer und war zuletzt gesundheitlich angeschlagen.

Möglicherweise wird van Gaal eine Personalie nach dem Champions-League-Finale in Madrid am 22. Mai ("das wichtigste Spiel") doch sehr bedauern. Abwehrchef von Endspielgegner Inter Mailand ist Lucio. Der Kapitän der brasilianischen Nationalelf ließ sich im Sommer nach fünf Jahren München für acht Millionen Euro verkaufen, weil er van Gaals Kritik an seiner Spielweise respektlos fand.