Das Ambiente in der Peripherie von Lyon wollte nicht recht zum Erreichten passen, in einen schnöden Tagungssaal hatten die Oberen des FC Bayern zum mitternächtlichen Bankett geladen. Aber nach ausschweifenden Feierlichkeiten stand Louis van Gaal und den Seinen sowieso nicht der Sinn. Zu strapaziös waren die Stunden zuvor, zu nah die kommenden Aufgaben; am Samstag wartet in der Liga der VfL Bochum. Und so erlaubte sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bei seiner obligatorischen Rede einen kleinen Schlenker zu der für den Anlass doch arg limitierten Partylänge. „Das ist auch das Einzige, was ich an Wasser in den Wein kippen muss“, sagte er zu Wein-Liebhaber van Gaal, den er „lieber Louis“ nannte. Weil jener Abend einer war, für dessen Würdigung nur edelste Tropfen und eine Party bis in den Morgengrauen angemessen gewesen wären.

Mit 3:0 (1:0) hatte der FC Bayern das Halbfinal-Rückspiel der Champions League bei Olympique Lyon gewonnen; es ist der größte Erfolg seit dem Triumph 2001. Doch nicht nur der bloße Fakt des Endspiel-Einzugs war es, der den Münchnern eine so beseelte Laune verlieh. „Fußball fast in Vollendung“ nannte Uli Hoeneß die 90-minütige Darbietung, die die Frage aufwirft: Wie hat der FC Bayern diese wundersame Metamorphose vollzogen? Von einer Mannschaft, die es in den Wirren des Herbstes zwischenzeitlich nicht mehr in eigener Hand hatte, überhaupt in der Champions League zu überwintern, hin zu einer Mannschaft, die zu den zwei besten Europas zählt?

Rummenigge hatte die Antwort schnell gefunden: „Was den FC Bayern seit Monaten auszeichnet, ist eine große Familie, die sehr eng zusammengerückt ist.“ Da passte es ins Bild, dass die Münchner den Sieg Anatoli Timoschtschuk und seiner mit Zwillingen im sechsten Monat schwangeren Frau widmeten. Der Ukrainer war in München geblieben, ein Magen-Darm-Virus habe ihn ereilt, hieß es offiziell. Nach der Partie offenbarte Hoeneß den wahren Grund: Timoschtschuk weile bei seiner Frau im Krankenhaus. „Es ist eine dramatische Geschichte. Die Fruchtblase ist geplatzt, beide Kinder sind in Gefahr.“ Es war der einzig nachdenkliche Moment an einem Abend, an dem die Oberen vor allem den Architekten ihres Erfolges würdigten. „Ich muss dem Trainer ein riesiges Lob machen. Was diese Mannschaft noch am Ende einer Saison zeigt, ist unglaublich“, sagte Hoeneß.

Vieles bündelt sich in der Person van Gaal. Er ist einer, der in der Öffentlichkeit polarisiert wie sonst nur Inter Mailands Trainer Jose Mourinho. Er kann Charmeur und Kauz sein, verbunden mit einem selbstverliebten Habitus. Vor allem jedoch ist er ein exzellenter und gradliniger Fußballlehrer, ein Liebhaber taktischer Finessen dazu.

Dass die Bayern den Final-Einzug auf den Tag genau ein Jahr nach der Entmachtung Jürgen Klinsmanns vollbracht haben, ist eine Pointe des Zufalls. Doch van Gaal hat das geschafft, was Klinsmann einst vorhatte. Er hat der Mannschaft eine moderne Philosophie vermittelt. Er hat ihr Struktur gegeben und den Glauben an die eigenen Stärken. „Der FC Bayern kann jeden besiegen“, sagte er. Im Finale am 22. Mai in Madrid „ist alles möglich“.

So parlieren die Seinen mitunter schon wie kleine van Gaals. Ordnung beispielsweise ist ein gern zitiertes Wort der Van-Gaal-Bayern, auch am Dienstagabend fiel es oft. „Wenn wir unsere Ordnung halten, sind wir nur schwer zu bezwingen“, sagte etwa Philipp Lahm: „Die Mannschaft weiß, was sie zu leisten im Stande ist.“ Und als sich dann auch noch Diego Contento, der 19-jährige Außenverteidiger, nach seinem zweiten Champions-League-Spiel hinstellte und erklärte, er glaube ganz fest an das Tripel, an den Gewinn von Meisterschaft, Pokal und Champions League, hatte das schon fast etwas Ergreifendes.

Van Gaal jedenfalls hat die Bayern nicht nur von Zweifeln befreit, sondern vor allem von ihrer Abhängigkeit von einzelnen Genies. Wo sie ohne Arjen Robben und Franck Ribery stehen würden, ist hypothetisch, doch sie haben die Gewissheit, dass sie auch ohne sie bestehen können. Das zeigten sie schon im Dezember beim 4:1 in Turin, das mittlerweile als Wende zum Guten firmiert.

In Lyon fehlte Ribery nach seiner Roten Karte aus dem Hinspiel. Auch im Finale muss der Franzose aussetzen. Mit drei Spielen Pause sanktionierte ihn der Europa-Verband Uefa gestern, was die Bayern aber noch per Berufung anfechten wollen. „Wir können diese Entscheidung in keiner Weise nachvollziehen und halten sie für absolut falsch“, hieß es. Dabei hatte Ribery am Dienstag keine Rolle gespielt, van Gaal hatte überraschend Hamit Altintop auf dessen Position beordert. Doch Altintop behauptete sich dort mit Bravour. Wieder einmal war ein Schachzug van Gaals aufgegangen.

Es ist sein Verdienst, dass die Hinterbänkler im Kader funktionieren. Altintop ist so ein Beispiel, Contento ein weiteres. Letzterer steht auch für eine andere Vorliebe seines Trainers, der gern den Förderer der Jugend gibt. In Holger Badstuber (21), Thomas Müller (20), David Alaba (17) und eben Contento standen gleich vier U?21-Spieler auf dem Platz, Bastian Schweinsteiger und Lahm dazu gezählt insgesamt sechs Eigengewächse. „Es wird ja oft behauptet, der FC Bayern sei ein Klub, der nur dank seiner finanziellen Lage über die Spielerqualität verfügt. Das ist ein Märchen“, sagte Rummenigge.

Noch vier Spiele trennen die Münchner vom Ende einer Saison, die zu einer historisch erfolgreichen werden könnte. In der Kabine in Lyon, so erzählte Martin Demichelis, war van Gaal der Erste, der an das Bundesligaspiel gegen Bochum am Samstag erinnerte.

Nun mochten Gedanken an den Abstiegskandidaten so gar nicht zu diesem Abend passen, aber sie waren bezeichnend für das Verständnis van Gaals. „Wir leisten Unglaubliches mit der Mannschaft“, sagte er, doch noch habe München keinen der drei Titel. „Wenn wir jetzt alles verlieren, spricht niemand mehr vom FC Bayern.“ Womit er wieder einmal recht hat.