Sie lachten, daran konnte nicht einmal der einsetzende Regen etwas ändern, der gestern Vormittag auf dem Trainingsgelände von Hertha BSC niederging. Die Berliner Profis schienen nach zuletzt sechs Niederlagen in der Fußball-Bundesliga in Folge einfach wieder einmal so etwas wie Lust am Beruf zu haben, als Interimslösung Karsten Heine sie zwanglos auf kleine Tore und anschließend Neun gegen Neun kicken ließ.

Der Trainer der Regionalligamannschaft gab die Kommandos und nicht Lucien Favre, der das zuvor 850 Tage lang getan hatte – diese einzige Änderung gegenüber der Vergangenheit trieb die Laune beim Tabellenletzten schon in die Höhe.

Umso explosiver wurde die Stimmung, als die Spieler nach knapp einer Stunde ihre Schutzzone Rasen verließen. „Es gibt keinen guten Satz für diese Situation, es gibt nur Arbeit“, sagte Mittelfeldspieler Pal Dardai (33) und fand die Frage nach dem Grund für den sichtlich gestiegenen Spaßfaktor unter Heine „provokant“. Andere Profis werteten die harmlose Nachfrage, aus welchen Gründen sie sich zur aktuellen Lage denn nicht äußern wollten, schon als „Beleidigung“. Dazu muss man wissen, dass in der Hauptstadt in Richtung einiger Profis – nicht mehr länger nur hinter vorgehaltener Hand – der Vorwurf ergeht, sie hätten bewusst gegen Favre agiert.

Fast wirkte es, als hätte manche ein Anflug von schlechtem Gewissen befallen, jetzt, da Favre Geschichte war. Am Morgen hatten sich der entlassene Trainer und sein Assistent Harald Gämperle in der Kabine vom Team verabschiedet; es soll bei dieser letzten Begegnung eine beklemmende Atmosphäre geherrscht haben.

Sogar Heine ging Favres Demission nahe. Er und Gämperle seien ohne Zweifel Klassetrainer, die Mannschaft ist taktisch hervorragend geschult, sagte er. Seit 1990 arbeitet der gebürtige Berliner schon für Hertha BSC, zum vierten Mal ist er übergangsweise für die Profis verantwortlich. Ambitionen, diesmal dauerhaft zum Zuge zu kommen, artikuliert er nicht ausdrücklich. „Wichtig ist, dass wir die Talfahrt aufhalten, denn die Mannschaft hat absolut die Qualität, in der Bundesliga zu bleiben.“

Ehe es am Sonntag gegen Tabellenführer Hamburger SV wieder um Punkte geht, trifft Hertha in der Europa League schon am Donnerstag auf Sporting Lissabon. „Eine reizvolle Aufgabe, bei der wir nur gewinnen können“, sieht Heine in dieser zweiten Partie der Gruppenphase.

Vielleicht sind es gerade solche unverkrampften Formulierungen, die bei den Spielern die mentale Blockade lösen, nachdem für den ehrgeizigen Favre stets das nächste Spiel das wichtigste überhaupt gewesen war. Heine dagegen rät zu „den einfachen Dingen des Fußballs“, nämlich „laufen, kämpfen und mit Mut und Selbstvertrauen auftreten“.

Ob Heine auch am Sonntag beim Heimspiel gegen den HSV auf der Bank sitzen wird, ließ er ebenso offen wie Herthas Geschäftsführer Michael Preetz. Der Klub begann noch am Montagabend damit, ein Anforderungsprofil für den Favre-Nachfolger zu erstellen. Gesucht wird ein Mann, der die Bundesliga kennt und der noch dazu erfahren im Abstiegskampf ist – idealerweise handelt es sich dabei um jemand, dem die Öffentlichkeit einen Vertrauensvorschuss gewährt.

Die beiden ersten Parameter eliminieren von Berliner Medien reflexartig ins Gespräch gebrachte Namen wie die von Lothar Matthäus (48) oder Jürgen Klinsmann (45), aber auch die der Ex-Herthaner Eyjölfur Sverrisson (41) und Kjetil Rekdal (40). Der letzte Punkt spricht gegen die prinzipiell in Betracht zu ziehenden Friedhelm Funkel (55) und Dieter Hecking (45). Schnell landet man bei Hans Meyer (66), der Hertha in vergleichbarer Lage 2004 schon einmal rettete.