Ob er etwas zur aktuellen Malaise bei Hertha BSC sagen möchte, wird Maximilian Nicu gefragt während ein unschöner Herbstregen auf dem Trainingsgelände niedergeht, und es hätte wohl nicht erst eines so mistigen Wetters bedurft, weswegen der Fußballprofi sich nicht zu äußern wünscht. Ob das denn am Tag nach einem Trainerwechsel aber so einfach möglich oder nicht doch eher etwas feige ist, da blafft Nicu zurück, wieso er denn nun so unflätig beleidigt werde.
Bei Pal Dardai liegen die Nerven nicht minder blank. Die Frage, ob das Training denn Spaß gemacht hätte, findet er „provokant“ und stapft erbost davon. Der Rest seiner Kollegen entscheidet sich vorsichtshalber, die am Sonntag nach dem 1:5 in Hoffenheim errichtete Mauer des Schweigens auch einen dritten Tag in Folge aufrecht zu erhalten. Spätestens seitdem der tags zuvor entlassene Co-Trainer Harald Gämperle Teile der Belegschaft des Mobbings gegen ihre ehemals Vorgesetzten bezichtigt hat, plagt manche nun anscheinend das schlechte Gewissen, nachdem sie mit ihrem Verhalten auf und neben dem Platz den Trainer Lucien Favre aus Berlin verjagt haben.
Es ist der Tag eins nach dem Ende des Schweizer Experiments. Am Morgen, vor Beginn des Trainings, haben sich Favre und Gämperle in der Kabine verabschiedet; es soll bei dieser letzten Begegnung eine beklemmende Atmosphäre geherrscht haben. Der beurlaubte Trainer bedankte sich für die Arbeit der vergangenen zweieinhalb Jahre. Am Ende ging er mit aufmunternden Worten: „Ich weiß, ihr schafft das: Hertha BSC wird definitiv nicht absteigen!“
Vielleicht kommt es wirklich so; vielleicht können die Nicu, Arne Friedrich und Co. künftig ja wirklich wieder besser Fußball spielen – wundern würde es wenige. Am Dienstag standen Friedrich und auch Patrick Ebert nicht auf dem Trainingsplatz. Sie sind verletzt, heißt es, aber das muss dieser Tage nicht viel bedeuten. Ob sie in Lissabon wieder spielen können? Einer aus dem Verein meint vielsagend, man müsse „mal sehen, welcher Spieler am Mittwoch immer noch der Meinung ist, dass er eine Verletzung hat“.
Heine zum vierten Mal Hertha-Trainer
Auf dem Platz hat Karsten Heine das Training geleitet. Wieder einmal. Seit 1990 arbeitet der gebürtige Berliner – mit Unterbrechungen – für Hertha BSC, zum vierten Mal verantwortet er zurzeit die Profis. Mit einfachen Übungen will er ihnen den Spaß am Fußball zurückgeben, also lässt er sie auf ein halbes Dutzend kleiner Tore und danach Neun gegen Neun kicken.
Favre zu entlassen, ist Geschäftsführer Michael Preetz unheimlich schwer gefallen – fachlich wie menschlich. Die beiden verband eine gemeinsame Idee von einem Neuanfang nach 13 Jahren Dieter Hoeneß. Nach 113 Tagen war ihr Weg zu Ende. Nach der Rückkehr am späten Sonntagabend aus Hoffenheim hatte es ein erstes Gespräch der beiden gegeben. Der Schweizer hatte nach dem 1:5-Debakel zwei Botschaften an Preetz: Sein Selbstverständnis verbiete ihm einen Rücktritt. Aber nach sechs Niederlagen in Folge gehe es nicht um die Person des Trainers. Sinngemäß formulierte Favre, dass Preetz nun „an Hertha BSC im Ganzen denken“ müsse.
Schlaflos dachte Preetz an die schöne Zeit zurück, an die Tage des Frühjahrs, als Auswärtsspiele der Blau-Weißen die Tresen der Bierkneipen füllten. Als Hertha in voller Länge im TV gezeigt wurde, weil die Menschen mit dem Klub ihrer Stadt fiebern wollten, statt wie früher mit Dortmund, Köln oder den unvermeidlichen Bayern, während das Naheliegendste im Raucherstübchen nebenan in der Konferenz stattfand.
Hertha ohne Favre – schon am ersten Tag wird spürbar, dass aus einem Klub mit großen Plänen wieder das geworden ist, was er so lange war und im Grunde seines Wesens wohl immer sein wird: ein ganz normaler, biederer Bundesligist. Vielleicht muss das im Moment aber sogar so sein. In der gegenwärtigen Lage, mit drei Punkten aus sieben Spielen, geht es um nichts anderes, als irgendwie weg zu kommen vom Tabellenende.
Retter Meyer hat Bonus
Wer aber wird, wer kann Hertha retten? Das Anforderungsprofil lautet so: Der Neue muss die Liga kennen. Exzellente Deutsch-Kenntnisse sind gefordert. Erfahrung im Abstiegskampf kann nicht schaden. Die Analyse des Asprianten über die Hertha-Lage sowie Wege aus der Krise müssen überzeugend sein. Grundsätzlich hat der Neue zu erklären: Welche Art von Fußball lässt er spielen?
Dann gibt es Variablen: Ein kleiner Vertrauensvorschuss der Öffentlichkeit wäre hilfreich. Wenn der Kandidat noch in dieser Woche verpflichtet wird, beginnt er seine Hertha-Ära mit einem Heimspiel, allerdings gleich gegen Spitzenreiter HSV. Lässt sich Preetz etwas mehr Zeit und präsentiert den Neuen erst Anfang kommender Woche, hat der zwölf Tage Vorbereitungszeit, allerdings wartet dann das Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg.
Bei allen Kandidaten wird es Für und Wider geben. Hans Meyer besäße öffentlichen Kredit nach seiner erfolgreichen Amtszeit im Frühjahr 2004, als er Hertha vor dem Abstieg bewahrte. Und der rüstige Rentner höchstpersönlich würde wohl nur für ein bis Saisonende befristetes Engagement optieren, bis dahin könnte Preetz einen echten Nachfolger für Favre finden, der dessen begonnene Aufbauarbeit perspektivisch fortführt. Gegen Meyer spricht, dass Preetz mit ihm als erster Trainer-Verpflichtung seiner noch jungen Manager-Karriere eine alte Idee seines Vorgängers Dieter Hoeneß aufwärmen würde.
Für Mirko Slomka spricht die Idee von modernem Fußball und dessen Vizemeisterschaft mit dem FC Schalke – gleichzeitig ist seine Vergangenheit mit dem bei Teilen der Fans extrem unbeliebten Klub beinahe ein Ausschluss-Kriterium. Und so geht es fort. Friedhelm Funkel: null Glamour, null Coolness-Faktor, keine Vision. Aber exzellenter Fachmann und Spezialist im Überlebenskampf. Dieter Hecking: Anhänger von Systemfußball, der aber schon in Hannover nicht mit gesteigertem Erwartungsdruck zurecht kam. Kurzum: Hertha sucht die eierlegende Wollmilchsau. Schwer zu finden in Krisenzeiten.





