Franz Beckenbauer ist ein Freund des kleinen Balls. Wann immer es seine Zeit erlaubt, frönt er seiner Golfleidenschaft, auch jüngst wieder, als er Dietmar Hopp traf. Zusammen spielten Beckenbauer, der Präsident des FC Bayern München, und Hopp, der Mäzen der TSG 1899 Hoffenheim, ihre Runde. Zwangsläufig kamen sie auf Fußball zu sprechen, auf den heutigen Bundesligaauftakt ihrer Mannschaften, weil Hopps Hoffenheimer gegen Beckenbauers Bayern ran müssen. Jeder der Herren gab einen Tipp ab. Ein 3:3 prognostizierte Hopp. Das sei des Guten zu viel, habe er entgegnet, erzählte Beckenbauer: „2:2 wird es ausgehen.“
Louis van Gaal, der Trainer der Münchner, hätte sich wahrscheinlich ein bisschen mehr verbale Unterstützung von seinem Präsidenten gewünscht. Van Gaal sagt: „Wenn die Spieler meine Philosophie gut ausführen, ist die Chance groß, dass wir gewinnen.“
Seit Juni befehligt der Niederländer den FC Bayern. Am vergangenen Sonntag bereits gab er sein offizielles Debüt im DFB-Pokal, das 3:1 gegen den Sechstligaverein Neckarelz war zwar ein Pflichtspiel, aber keines mit großem Aussagewert. Van Gaal sagt: „In Hoffenheim werden wir wissen, wo wir stehen.“
Van Gaal, der am Samstag seinen 58. Geburtstag feiert, ist ein kauziger Typ, ein bestimmender Fußballlehrer mit einem ausgeprägten Hang zu Disziplin und Ordnung. Mit Trillerpfeife und Stoppuhr um den Hals lässt er minutiös taktische Stafetten einüben. Sein Training strenge immer auch den Kopf an, sagt er. Er ist so etwas wie ein Gegenentwurf zu seinem antiautoritären Vorgänger Jürgen Klinsmann, dem manch einer nachsagte, die Fitness war ihm näher als der Ball. Beckenbauer nennt van Gaal den wichtigsten Zugang, trotz der 50 Millionen Euro, die die Münchner auf dem Transfermarkt ausgaben für Spieler wie Mario Gomez oder Anatolij Timoschtschuk.
In München jedenfalls haben sie van Gaal nach der titellosen vergangenen Saison mit einer heiklen Mission versehen. Er soll einen Stil prägen, der die Bayern kurzfristig zu nationalen, langfristig aber auch zu internationalen Weihen führt. „Ich freue mich auf die Saison, wie ich mich schon lange nicht mehr auf eine Saison gefreut habe“, sagt Beckenbauer. Vor allem jedoch sei er gespannt, wie van Gaal es schaffe, all die Dinge umzusetzen, die er angestoßen habe.
In seinen ersten fünf Wochen hat der Niederländer recht mutige und auch umstrittene Entscheidungen getroffen. Er hat Verteidiger Lucio, den Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft, zu Inter Mailand ziehen lassen und vertraut nach der Verletzung von Martin Demichelis in der Innenverteidigung nun Holger Badstuber, einem 20-Jährigen ohne Bundesligaerfahrung, und Daniel van Buyten. Er hat Michael Rensing, den von Klinsmann geschassten Torwart, zur Nummer eins erklärt. Er hat Timoschtschuk, den Elf-Millionen-Euro-Einkauf, auf die Bank verbannt und gesagt, eine genaue Position könne er ihm noch nicht zuordnen. Der Ukrainer sei nur einer von 25 Profis im immer noch aufgeblähten Bayern-Kader.
Vor allem jedoch hat sich van Gaal sehr früh auf ein System festgelegt und seinen FC Bayern auf ein 4-4-2-Modell mit einer Raute im Mittelfeld getrimmt. Er sagt, er habe jene Spielanlage auch für Franck Ribery gewählt, der die Position hinter den Spitzen, die kreative Schaltstelle, einnehmen soll. „Ribery hat das bislang noch nicht gespielt, normalerweise braucht er für sein Spiel Platz. Diesen Platz hat man als Zehner nicht so sehr. Ich bin gespannt, wie er sich auf der Position macht“, sagt Beckenbauer.
Ohne Ribery nach Hoffenheim
Doch ausgerechnet Ribery plagen seit Wochen Knieprobleme. Erst seit Mittwoch übt er wieder mit der Mannschaft, nach Hoffenheim nimmt ihn van Gaal gar nicht erst mit. Und für seinen Ausflug ins französische Nationalteam – Trainer Raymond Domenech hat Ribery für das Länderspiel gegen die Faröer berufen – hat van Gaal ihn mit einem Übungsplan versehen. Spielen werde er nicht für Frankreich, erzählte van Gaal, aber „neue Luft“ habe er Ribery verordnet und deswegen der Reise zugestimmt.
Und so ist es die Diskussion um jene zentrale Position, die vor dem Auftakt den meisten Zündstoff bietet. „Normalerweise spielen auf der Zehn die besten Fußballer“, sagt van Gaal, jene mit ausgewiesener Technik und kreativen Momenten. In den Testspielen mimten Jose Ernesto Sosa, Thomas Müller und Alexander Baumjohann den Ribery-Ersatz. Zuletzt im Training durfte sich auch Bastian Schweinsteiger, von van Gaal hinter Mark van Bommel und Philipp Lahm zum Kapitän Nummer drei ernannt, als Zehner üben.
"Ich habe alles mitgemacht"
Jene Position wird eine der Schlüsselstellen für das Gelingen von van Gaals Mission. In München haben sie vorsorglich schon mal gemahnt, dass es einen holprigen Start geben könnte. „Um meine Philosophie zu vermitteln, braucht es Zeit“, sagt van Gaal und klingt wie Vorgänger Klinsmann. Doch im Gegensatz zum Vereinstrainerneuling Klinsmann „habe ich in der Fußballwelt alles mitgemacht“, auch Auftaktniederlagen wie in seiner vergangenen Station in Alkmaar. „Am Ende wurden wir Meister.“
Die meisten Experten und die Trainer der anderen Bundesligaklubs jedenfalls tippen auf den FC Bayern als Meister. Und auch Beckenbauer antwortete trotz des prognostizierten Unentschiedens zum Auftakt auf die Meisterfrage: „Der FC Bayern, wer denn sonst.“




