Um 15.40 Uhr kam endgültig WM-Stimmung auf im Berliner Olympiastadion. Und das nicht nur, weil Berlino, das legendäre Maskottchen der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009, über die Laufbahn hopste. Es war der Kenianer David Rudisha, der am Sonntag mit seinem Weltrekord über 800 Meter die offiziell 46.512 Zuschauer im Berliner Olympiastadion in Verzückung versetzte. Der Traum eines jeden Meetings, den Besuchern einen Weltrekord bieten zu können, hatte sich für die Veranstalter des 69. Internationalen Stadionfestes (Istaf) erfüllt. Entsprechend positiv fiel das Fazit von Istaf-Geschäftsführer Martin Seeber aus: „Es war ein unheimlich erfreulicher Nachmittag.“
Rudishas Lauf war der krönende Höhepunkt eines stimmungsvollen Meetings, bei dem vor allem die erfolgreichen deutschen Teilnehmer bei der Europameisterschaft vor drei Wochen in Barcelona eine große Bühne hatten. Die Lokalmatador Robert Harting besonders eindrucksvoll nutzte, der in „meinem Wohnzimmer“ das Diskuswerfen mit starken 68,24 Metern gewann. Hier, wo er vor einem Jahr Weltmeister geworden war, trumpfte der EM-Zweite erneut auf. „Das Publikum hat mich richtig wach gemacht“, sagte er. Denn sein Wettbewerb litt darunter, dass es einige Unterbrechungen gab. Das störte den starken Mann, der seine ersten beiden Versuche ins Wurfnetz donnerte. Doch dann steigerte er sich kontinuierlich, bis er im sechsten und letzten Versuch die Siegweite erzielte.
Schlangen mit Bestzeit
Der zweite Berliner, der EM-Zweite über 1500 Meter Carsten Schlangen, wurde in seinem Lauf Neunter, schaffte jedoch eine persönliche Saisonbestzeit (3:36,50 Min.). Dennoch: „Ich wollte eigentlich schneller laufen.“ Er habe einen anderen Anspruch an sich gehabt.
Rudisha überstrahlte natürlich alles. „Ich wusste, dass ich gut in Form bin, aber Weltrekord..." So richtig konnte es der 21-Jährige nicht glauben. Er habe mit seinem Pacemaker vorher vereinbart, das Rennen sehr schnell anzugehen. Doch als dem „Hasen“ die Luft ausging, lief Rudisha die letzten 300 Meter im Alleingang – und kam nach 1:41,09 Minute ins Ziel. Die alte Bestleistung hatte der für Dänemark startende gebürtige Kenianer Wilson Kipketer mit 1:41,11 Minute am 24. August 1997 in Köln aufgestellt. Kipketer war es auch gewesen, der ihm vor einem Jahr in Ostrava gesagt hatte: „Du kannst es schaffen, meinen Rekord zu brechen.“ Dabei war die blaue Bahn in Berlin bisher kein gutes Pflaster für Rudisha gewesen. Bei der WM 2009 war er bei regnerischem Wetter noch im Halbfinale gescheitert. „Das war vielleicht eine Enttäuschung“, erinnerte er sich. „Aber das ist jetzt alles vergessen.“ Der Erfolg liegt bei ihm in der Familie: Sein Vater Daniel holte 1968 in Mexiko Silber mit der kenianischen 4x400-Meter-Staffel. Schon in jungen Jahren spornte ihn der Vater an, indem er dem Junior die Olympia-Medaille zeigte: „Ich dachte mir, wenn er schnell laufen konnte, vielleicht kann ich das auch mal“, erzählte der Sohn.
David Rudisha, das zweitjüngste von sieben Kindern, ist ein zurückhaltender junger Mann. Nur mit leiser Stimme sprach er, als vor einem Jahr eine internationale Journalistengruppe ihn bei einem Schulsportfest in seiner Heimat Eldoret traf. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass sich so viele Leute für ihn interessierten, da er bei Insidern als das momentan größte Lauftalent aus Kenia galt. „Ich weiß, dass ich taktisch noch viel lernen muss“, erzählte er damals. Aber wer braucht schon Taktik, wenn er einen solch anmutigen, flüssigen Laufstil hat wie er?
Am Sonntag, in der Stunde des Triumphes, war er weitaus gesprächiger. „Vielleicht“, antwortete er lächelnd auf die Frage, ob es noch schneller ginge. Und er nannte seine nächsten Ziele. „Bei der WM 2011 und den Olympischen Spielen 2012 will ich eine Medaille gewinnen.“ Denn trotz des Weltrekordes: Medaillen hat er bei Großereignissen bisher nur bei Junioren-Wettbewerben gewonnen. Doch das könnte sich bald ändern. Das Istaf 2010 in Berlin dürfte der Beginn? einer großen Karriere gewesen sein.
WM-Format hatte auch das Kugelstoßen der Männer. Sieben der acht Stoßer kamen über 20 Meter, mit 20,64 Metern kam man gerade einmal auf den sechsten Rang. Dritter, wie schon bei der EM, wurde der Neubrandenburger Ralf Bartels (20,73 m), der sich dem US-Amerikaner Reese Hoffa (21,29 m) und dem Polen Tomasz Majewski (21,26 m) geschlagen geben musste. „Der Wettkampf hat bei mir WM-Erinnerungen wachgerufen“, erzählte Bartels. Auch damals war er im Olympiastadion Dritter geworden. „Ich bin positiv überrascht, wie viele Zuschauer gekommen sind. Da macht es richtig Spaß.“
Zufrieden war auch 100-Meter-Europameisterin Verena Sailer, die in 11,24 Sekunden Dritte wurde. „In so einem starken Feld ist das das absolut top.“ Sie habe ihre Leistung in den vergangenen Wettkämpfen bestätigen können. Das sei das Wichtigste. So ging es auch Hürdensprinterin Carolin Nytra. Die EM-Dritte wurde ebenfalls Dritte. Die Zeit von 12,75 Sekunden zeigte, dass sie in der Lage ist, konstant in diesem Bereich zu laufen. Am vergangenen Donnerstag, beim Meeting in Zürich, war sie als Zweite 12,69 Sekunden gelaufen. Die 25-Jährige hat sich in der Weltklasse etabliert. Ihr Lehre: „Keine Angst vor großen Namen.“
Nach der EM war sie emotional in ein Loch gefallen. Hin- und hergerissen war sie, einerseits froh über Bronze, anderseits doch etwas enttäuscht, dass es nicht Gold geworden war. „Erst am Anfang der Woche ist der Spaß im Training zurückgekommen“, erzählte sie. Was man in Zürich und Berlin merkte. In Barcelona war sie noch allein am Start gewesen, ihr Freund, der Weitspringer Sebastian Bayer, hatte die Qualifikationsnorm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes nicht geschafft.
Reich siegt im Weitsprung
Diesmal war er mittendrin, nicht nur dabei. Am Ende wurde er Dritter mit 7,98 Metern und war „sehr zufrieden“. Doch für den Knalleffekt sorgte wieder einmal Christian Reif. Der Europameister flog im letzten Versuch zum Sieg mit 8,06 Metern. „Den habe ich mir regelrecht rausgequält“, meinte er. „Meine Beine waren heute sehr müde.“
Nach einer langen Saison gehen langsam die Kräfte aus. Vielleicht auch bei Ariane Friedrich, die zwar mit 1,97 Meter gewann, aber drei Mal an zwei Metern scheiterte. Doch auch sie genoss sichtlich die Zuneigung des begeisterten Publikums? und ließ sich von Berlino auf Händen tragen.



















