Ariane Friedrich hat richtig Lust aufs Springen. „Berlin ruft“, verkündet die 26-Jährige auf ihrer Internetseite. Und die Hochspringerin ist eine der Attraktionen des Internationalen Stadionfestes (Istaf) am heutigen Sonntag im Berliner Olympiastadion (15.30 live in der ARD). Nicht nur, weil die Dritte der Weltmeisterschaft 2009 und der europäischen Titelkämpfe 2010 für sportliche Topleistungen bürgt. „Ariane ist eben durch ihre Art und ihr Auftreten ein echter Typ“, sagt ihr Trainer Günter Eisinger über sie.
Mal flippig, mal grell, mal in sich gekehrt – allein während eines Wettkampfes deckt sie eine breite Palette ab. Ist das Show? „Nein, nein“, wehrt sie ab. „Das ist meine Art, mich zu konzentrieren. Jeder geht mit dem Stress eben anders um.“
Seit kurzem sticht ein großer Tiger ins Auge, den sich Ariane Friedrich auf ihren Rücken hat tätowieren lassen. „Ich glaube, dass mich der Tiger beschützt“, sagt sie. Lange hatte sie einen Tigeranhänger am Schuh, der jedoch verloren ging. Diese Gefahr besteht mit dem Tattoo jetzt nicht mehr…
EM-Dritte in Barcelona
Auf den Tag genau drei Wochen ist es heute her, dass sie bei der EM in Barcelona hinter Blanka Vlasic aus Kroatien und der Schwedin Emma Green mit übersprungenen 2,01 Metern Dritte wurde. Hin- und hergerissen war sie erst einmal. Doch inzwischen überwiegt die Freude. „So wie die Saison verlaufen ist, bin ich zufrieden“, lautet ihre Erkenntnis. Denn lange hatte gar nicht festgestanden, ob sie überhaupt rechtzeitig für Barcelona fit werden würde. Ischias-Probleme, eine Verletzung an der Patellasehne, dann ein Sturz aufs Knie: „Wir mussten sehr viel improvisieren“, erinnert sich Eisinger.
Doch dies ist das Duo Friedrich/Eisinger gewohnt. Den Grund nennt die Hallen-Europameisterin von 2009: „Ich habe einen sehr empfindlichen Körper.“ 1,79 Meter ist sie groß, 57 Kilogramm leicht, das ganze System ist sehr fragil. „Ich muss jeden Tag Physiotherapie machen.“ Nicht nur, wenn akute Probleme anliegen, allein auch zur Prophylaxe. Seit der Europameisterschaft hat sie bis zum Istaf keinen Wettbewerb bestritten – der Rücken hatte etwas gezwickt. „Wir wollten auf Nummer sicher gehen“, sagt Eisinger, der nicht nur Trainer, sondern auch Mentor, Manager und väterlicher Freund ist.
Er hat sich etwas ganz Besonders einfallen lassen, um Friedrichs Körper zu schonen. „Sie ist die Einzige in der Welt, die im Training nicht über die Latte springt.“ So wird der Sprungfuß entlastet, ihr Rücken geschont. „Anfangs habe ich gedacht, dass das nicht funktionieren kann, weil ich doch dann das Springen verlerne“, sagt Friedrich. Doch ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. „Hochsprung ist laufen“, lautet Eisingers Credo, „man muss nur richtig laufen.“ Alles andere sei die logische Folge davon.
So wird Ariane Friedrich beim Stelldichein vieler Topathleten im Olympiastadion (Weltmeister wie Caster Semenya, Bernard Lagat und Steven Hooker sind ebenso am Start wie fast alle deutschen EM-Medaillengewinner) nach drei Wochen erstmals wieder über die Latte floppen.
Kein Duell mit Vlasic
Wobei es nicht zum von vielen erhofften Duell mit Vlasic kommt. In einer Boulevardzeitung hatte es geheißen, die eigentlich perfekt scheinende Verpflichtung der Welt- und Europameisterin sei dann doch an überhöhten Gagenforderungen ihres Managements gescheitert, was ihr Manager Herbert Edletzberger („Glatte Lüge“) jedoch heftig bestritt. Das Istaf habe einfach nicht in Vlasics Wettkampfplan gepasst, verlautete offiziell. Jetzt heißen ihre schärfsten Kontrahentinnen heute Antoniette di Martino (Italien) und Ruth Beitia (Spanien).
Bis vor wenigen Tagen stand bei Ariane Friedrich nicht nur der Sport im Vordergrund. Sie schob wieder ganz normal Dienst, denn die 26-Jährige ist von Beruf Polizeikommissarin. Ihr Anspruch: „Ich möchte möglichst wenig fehlen.“ Wenn sie von ihrer Arbeit auf dem 1. Revier Darmstadt in der Ermittlungsgruppe im Bereich Eigentumsdelikte berichtet, merkt man ihr sofort an, mit welcher Freude und welchem Eifer sie bei der Sache ist. Im Frühjahr hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen, und sie schwärmt davon, wie kulant sie behandelt werde. Dienst- und Trainingspläne, Fehlzeiten und Freistellungen wegen Wettkämpfen – alles wird versucht, zusammenzubringen. Noch wenige Tage vor der EM war sie im Dienst: „Ich musste einiges für die Staatsanwaltschaft vorbereiten.“
Polizeikommissarin scheint Beruf und Berufung für sie zu sein. „Ich möchte einen Tick dazu beitragen, dass es manchen besser geht“, sagt sie. Und nach einer kleinen Pause: „Oder auch schlechter…“ Für Günter Eisinger steht jedenfalls fest: „Von ihr möchte ich nicht verhört werden.“




