Für geschätzte 100 Prozent der Kölner Fans dürfte dieser Moment allein die zehn Millionen Euro Ablöse wert gewesen sein, die ihr Lieblingsklub dem FC Bayern überwiesen hat: In der sechsten Minute des Heimspiels gegen den FC Schalke umkurvte Lukas Podolski nach Fabrice Ehrets Zuspiel in vollem Lauf seinen Gegenspieler und schoss den Ball im Fallen mit dem linken Fuß unhaltbar für Torwart Manuel Neuer ins Tor. Einfach rein, zack, bumm.
Es war der 1:1-Ausgleichstreffer, Podolskis erstes Bundesliga-Tor nach seiner Heimkehr aus München. Es war ein magischer Moment, in dem auch dem neutralen Beobachter einmal wieder offenbar wurde, was für ein fantastischer Fußballspieler Lukas Podolski sein kann.
Dass es dieser hochbegabte Kicker drei Jahre lang nicht schaffte, beim FC Bayern über den Status eines Ergänzungsspielers hinauszukommen und er deshalb kapitulierte, haben sie in Köln mit Heimweh begründet und ansonsten ignoriert. Die kostspielige Rückholaktion sei "von Emotionen getrieben" gewesen, gibt FC-Manager Michael Meier unumwunden zu. Seither ist das Millionendorf am Rhein emotional im Dauerkarneval, das erste Training mit Podolski, das ein lokaler Fernsehsender live übertrug, besuchten rund 20.000 Zaungäste, in der Boulevardpresse gab es zum Saisonstart 22 Sonderseiten. Doch wie so häufig ist in Köln die Stimmung besser als die Lage.
Das 1:2, so der Endstand, am Sonntagabend gegen Schalke war die vierte Niederlage im fünften Saisonspiel. Mit nur einem Punkt bleiben die Kölner Tabellenletzter. Laut Kapitän Milivoje Novakovic, der kurz vor dem Abpfiff den Ausgleichstreffer auf dem Fuß hatte, fehlt der Mannschaft nicht das Können, sondern nur das Glück. Das Glück im Spiel.
Das Glück im Leben der Kölner ist Podolski, der dem Dom als Wahrzeichen der Stadt den Rang abzulaufen scheint – selbst in schlechten Zeiten. "Es hat im deutschen Fußball noch nie so ein Phänomen gegeben", sagt Bayerns Manager Uli Hoeneß über die Verehrung, die der 24-jährige Podolski in Köln erfährt. Schon vor sechs Jahren debütierte der Deutsch-Pole in der Bundesliga. Dank seiner unbekümmerten Art auf und neben dem Platz wurde er als "Prinz Poldi" zum Liebling der Massen, obwohl der FC am Saisonende zu den Absteigern gehörte. Auch zwei Jahre später, nach dem direkten Wiederaufstieg, konnte Podolski, mittlerweile Nationalspieler, die Rückstufung der Kölner in die Zweite Liga nicht verhindern und wechselte danach zum deutschen Rekordmeister nach München.
Nun nimmt Podolski seinen dritten Anlauf, mit dem FC den Klassenerhalt zu schaffen. Das ist das Minimalziel, insgeheim hofft man in Köln natürlich auf die Champions League. Das Problem ist: Der 1. FC Köln hat keine erstklassige Mannschaft, sondern ist der "1. FC Poldi", verstärkt durch den brasilianischen Innenverteidiger Geromel sowie die Ü30-Kombo Petit, Maniche und Novakovic. Aber selbst wenn Superstar Podolski ordentlich spielt und trifft, wie gegen Schalke, heißt das nicht, dass die Mannschaft punktet.
Podolski mangelt es an Konstanz
Der neue Trainer Zvonimir Soldo hat Podolski zwar zum Führungsspieler bestimmt. Doch als solcher ist dieser bislang selten in Erscheinung getreten. Podolski ist als Instinkt- und Spaßfußballer, als Turnierspieler, der in den Wochen des Confed-Cups 2005, der WM 2006 und der EM 2008 groß auftrumpfte, noch immer der "Prinz Poldi", der einfach nur spielen will. Um auf dem Platz ein wahrer König zu sein, mangelt es ihm an Konstanz, übermannt ihn zu oft die Lethargie.
Im Vergleich zu Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Franck Ribery, gegen die er sich vor drei Jahren bei der Wahl zum besten Nachwuchsfußballer der WM durchsetzte, ist Podolski in seiner Entwicklung stehen geblieben. Darüber kann auch seine formidable Bilanz in der Nationalelf (34 Tore in 66 Länderspielen) nicht hinwegtäuschen.
Mit einer Liebeserklärung begründete Podolski seinen Rückschritt in die Heimat: "Für mein Herz ist Köln einfach das Beste." Für seine Karriere eher nicht. Die Fans vom Geißbockheim feiern ihren Prinzen, egal was passiert. Sogar in der Zweiten Liga.




