Zum Abschluss erzählt der Pfarrer einen Witz. „Ein Dortmunder hat bei einem Unfall ein Ohr verloren, doch er hat Glück und kann ein Spenderohr eines Schalke-Fans erhalten. Nach langem Zögern entscheidet sich der Borussen-Fan für die Transplantation, drei Tage später ist er tot: Das Ohr hatte den Körper abgestoßen.“ Gelächter setzt ein, und Hans-Joachim Dohm sagt: „Der ist gut, oder?“
Ja, so sind sie auf Schalke, vor der Rivalität mit dem Nachbarn machen nicht einmal Würdenträger halt. Dohm, 66 Jahre alt und erster evangelischer Stadionpfarrer in Deutschland, pflegt derartige Rituale allerdings nur außerhalb des Andachtsraums. In der 70 Quadratmeter großen Stadionkapelle zählt nur das Wort Gottes. „Ich bin besser als du – das ist kein biblischer Gedanke. Es geht nicht um Show, sondern um Ausdruck ehrlichen Glaubens.“
Anfangs hatte Dohm Zweifel, ob er der passende Vertreter für die erste Stadionkapelle in Deutschland ist. Als der Schalker Vorstand um die Katholiken Josef Schnusenberg und Peter Peters und die Protestanten Rudi Assauer und Gerd Rehberg sich bei der Planung der Arena entschlossen, einen Andachtsraum zu integrieren, war Dohm dagegen. „Ich hatte Angst, dass die Fans schnell noch eine Kerze anzünden und damit das Spiel beeinflussen wollen. Da dachte ich: ‚Das hat dir gerade noch gefehlt’.“
Doch das Unbehagen wich, weil Dohm bei der Gestaltung mitwirken konnte. Als Pfarrer der Gemeinde Bismarck-West hatte der Wattenscheider einst durch das Vereinsidol Ernst Kuzorra zum Klub gefunden. Dohm wurde Mitglied, Dauerkarteninhaber und mit dem katholischen Kollegen Georg Rücker Pionier der ersten Kapelle, die zwischen den Kabinen einer Arena entstand.
Glastisch als Altar
Karg ist der Raum. Ein durchbrochenes Kreuz steht direkt hinter dem Eingang und führt auf den Altar zu, der ein schlichter Glastisch ist. Dahinter ist ein elfteiliges, schwarz-weißes Bild aufgehängt, das den Weg zum Licht und damit zum ewigen Leben dokumentieren soll. Der Künstler Alexander Jokisch hatte sich vor acht Jahren damit gegen sieben Mitbewerber durchgesetzt, und nicht zuletzt Dohm ist froh darüber. Ein Entwurf sah vor, das Altarbild mit einem Foto der Uefa-Cup-Sieger von 1997 zu versehen, was für Dohm nicht nur Entfremdung, sondern Blasphemie gewesen wäre. „Es gibt hier keine Kirchengemeinde Schalke 04, der Ort ist offen ist für alle kirchlichen Begegnungen und dient vor allem einem Zweck: Im Gewusel der Arena immer das Leben in der Verankerung des christlichen Glaubens wahrnehmen zu können, Ruhe zu finden, meditieren zu können.“
Obwohl einige Fans sich das ganz anders vorgestellt haben dürften und auf ihren Kutten Botschaften wie „Schalke ist eine Religion“ tragen, wurde das Angebot angenommen. 600 Taufen fanden seit 2001 in der Kapelle statt, dazu rund 250 Trauungen. Während beim im Vorjahr pensionierten Dohm Fan-Utensilien nicht getragen werden durften, sieht es sein Nachfolger Norbert Filthaus lockerer. Er lässt Trikots und soll bei Gottesdiensten bisweilen selbst den Sweater mit der Nummer 14 (Gerald Asamoah) unterm Talar tragen.
Für Dohm geht das zu weit, aber verbieten mag er es nicht, obwohl er als Ehrenratsmitglied Einfluss besitzt. Er sagt: „Religion hat immer was mit Transzendenz zu tun. Das hat Schalke nicht. Schalke kann mir Freikarten geben und Spaß bereiten. Das alles ist möglich – aber Erlösung, das ist eben in dieser Weise nicht möglich. Schalke als Religion zu bezeichnen, ist deshalb falsch.“
Die Klubbibel, die bis vor kurzem noch vorn auf dem Altar lag, hat er deshalb aus dem Raum verbannt. Auch andere Accessoires eines Kultklubs sucht man vergebens. Lediglich das Kreuz und die Fische auf der Osterkerze sind in den Vereinsfarben Blau und Weiß gehalten. „Die Idee der Kapellengestaltung war: Wir gehen zurück an den Ursprung und lassen alles aus dem Raum raus, was erst später in der kirchlichen Tradition hinzugekommen ist“, sagt Dohm. So stehen lediglich Holzbänke am Rand des Raumes, eine Taufschale ist neben dem Altar platziert.
Vorreiter FC Barcelona
Die Schalker haben inzwischen Nachahmer gefunden. In Frankfurt und Berlin wurden gleichsam Stadionkapellen eingerichtet, in Stuttgart und Mainz gibt es Pläne dafür. Vorreiter aber war der FC Barcelona, wo seit Jahrzehnten Fans für Siege beten. Dohm geht das zu weit. „Wenn wir für den Sieg beten, müssten wir auch für die Niederlage des anderen beten, das ist widersinnig. Wenn wir beten, dann dafür, dass es keine Verletzungen gibt, sich jeder auf dem Spielfeld seiner Verantwortung bewusst wird.“
Abweichler gibt es aber. Als Ex-Manager Rudi Assauer die in letzter Sekunde verpasste Meisterschaft 2001 mit den Worten „Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott“ kommentierte, hielt Dohm das für übertrieben. „So eine Sichtweise ist unsinnig, auch wenn es vermutlich Assauers wichtigste Glaubenserkenntnis war.“
Er selbst habe schon Paare getraut, die sich unter der Anzeigetafel kennen gelernt haben. „Trotzdem mussten wir im Gottesdienst dann nicht das Schalker Vereinslied singen. Hier zählt nur der Inhalt, hier gibt es keine Mogelpackung.“
Am Abend schließt Dohm die Kapelle ab und geht in die mächtige Arena. „Wenn es früher schon Scouts gegeben hätte, wäre ich in einem Wattenscheider Hinterhof sicher entdeckt worden“, sagt er und lächelt. Dann hätte es vermutlich aber nicht geklappt mit der Theologiestudium und dem Stadionpfarreramt auf Schalke. Es wäre schade gewesen.





