Einen russischen Oligarchen haben sie noch nicht aufgetan in Hamburg, auf diese Feststellung legt Bernd Hoffmann wert. Der HSV-Vorstandschef begegnet mit dieser Replik gern all jenen Kritikern, die sein neues Geschäftsmodell für wenig transparent halten. Und um die in Hoffmanns Augen gute Idee auch für den Fan aus der Kurve griffig rüber zu bringen, hält der 47-Jährige neuerdings einen schlichten Vergleich parat: „Dieser Vertrag ist für den HSV wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl.“

Nicht alle im Klub mögen diese Euphorie um das Investorenprojekt namens Anstoß teilen. Zwar garantiert der Einstieg des in der Schweiz lebenden Milliardärs und HSV-Sympathisanten Klaus-Michael Kühne dem Klub auf einen Schlag 15 Millionen Euro – aber eine nicht unerhebliche Zahl der Traditionalisten in der Anhängerschaft fürchtet einen schleichenden Verkauf der Unabhängigkeit.

Wie groß die Sorge an der Basis ist, bekamen Hoffmann und Co. am Dienstagabend in der eigenen Arena zu spüren. Rund 1000 Mitglieder hatten sich zur außerordentlichen Versammlung eingefunden, um mehr zu erfahren über das bereits Ende Juni vertraglich fixierte Geschäftsmodell mit dem Logistikunternehmer (Kühne & Nagel). Bei der fünfstündigen Veranstaltung sah sich Hoffmann trotz Jackpot-Vergleich und schmissiger Rede hartnäckigen Widersachern ausgesetzt. „Sportlicher Erfolg ist das Ergebnis wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit“, rief der HSV-Chef den Mitgliedern in der Arena entgegen, „und wir können nicht zum Vorstand eines Großkonzerns gehen und um Extramittel bitten oder Anteile verkaufen wie Bayern München. Trotzdem ist unser Anspruch, oben mitzuspielen.“ Dass die Vereinbarung allerdings ohne vorherigen Informationsfluss an die Mitglieder getroffen wurde, bezeichnete der langjährige Vorsitzende des Ältestenrats, Claus Runge, als „eine unglaubliche Arroganz unserer Führungsorgane“.

Er traf damit den Nerv etlicher Teilnehmer einer turbulenten Sitzung, die am Ende nach wüsten Beschimpfungen und „Becker-raus“-Rufen an die Adresse des Aufsichtsratsvorsitzenden Horst Becker fast komödiantische Züge annahm. Denn die Idee, Mäzene für ein Engagement beim HSV zu bewegen, war schon 2008 entstanden. Seinerzeit fahndete der Klub eifrig nach Geldgebern, um dem abwanderungswilligen Star Rafael van der Vaart einen Verbleib in Hamburg schmackhaft zu machen. Der Niederländer ging zwar trotz hartnäckigen Werbens zu Real Madrid, der Impuls für das neue Geschäftsmodell aber blieb bestehen.

In Kühne, 73 Jahre alt und seit frühester Kindheit HSV-Fan, fand Hoffman rasch einen Verbündeten. Aus seinem Vermögen stellt der Unternehmer 15 Millionen Euro bereit: 7,5 Millionen Euro will der HSV vorwiegend für Vertragsverlängerungen verwenden und trat an Kühne dafür ein Drittel der Transferrechte an den Spielern Dennis Aogo, Paolo Guerrero und Marcell Jansen ab. Die verbleibenden 7,5 Millionen plant der Klub für Neueinkäufe ein. Kühne wird dafür an einem möglichen Weiterverkauf ehedem partizipieren können, einen garantierten Anspruch auf eine Rückzahlung wurde ihm aber nicht eingeräumt.

Durch den bilanztechnischen Trick umgeht der HSV dem Vernehmen nach die fällig werdende Zahlung der Schenkungssteuer. „Dieses Modell“, sagt Hoffmann, „ist für den HSV alternativlos.“ So alternativlos wie ein Jackpot eben.

dpa/gm