Die Honoratioren auf der Haupttribüne ließen sich von dem Trubel nicht aus der Ruhe bringen. Aus den Boxen der provisorischen Musikanlage wummerte arabischer Pop, im Fanblock trommelte sich ein besonders leidenschaftlicher Anhänger des Berliner AK 07 die Seele aus dem Leib. Aber die türkischen Herren in ihren weit aufgeknöpften Sommerhemden schlürften genussvoll echten Mokka aus ihren Tassen.
Es war das Entree zu einer dieser skurrilen Geschichten, die angeblich nur der DFB-Pokal schreibt. Wenige davon sind so kurios wie die vom Besuch des FSV Mainz im Poststadion in Moabit. Dort, wo seit einer gefühlten Ewigkeit kein großer Fußball mehr stattgefunden hat und dichter Baumbestand nur noch erahnen lässt, wo einmal Tribünen für 45000 Zuschauer gestanden haben müssen, erreichte der Bundesligist vor 1120 Besuchern mit 2:1 (1:0) die zweite Runde.
Es ist das Stadion, von dem erzählt wird, dass Adolf Hitler hier das einzige Fußballspiel seines Lebens gesehen haben soll, 1936, als Deutschland bei den Olympischen Spielen 0:2 gegen Norwegen verlor und frühzeitig ausschied. Altes Gemäuer erinnert an die Zeit, aber immerhin ein paar neue Tribünen sind entstanden. In absehbarer Zeit soll das Stadion Regionalliga-Ansprüchen genügen – und eben in diese vierthöchste Spielklasse zieht es auch Oberligist BAK, der das Kapitel Ankaraspor beendet hat und fortan als „Athletik Klub“ firmiert.
Seinen multikulturellen Charakter wird der Klub behalten. Das beginnt beim Trainer, bei Bahman Foroutan, dem früheren Nationaltrainer des Iran, der jetzt von Türkiyemspor zum BAK gewechselt ist. Das Poststadion findet der 63-Jährige „potthässlich“, aber was soll's, nun spielten sie eben hier. Foroutan war ganz und gar erdfarben gekleidet, erdfarbene Hosenträger und erdfarbene Schiebermütze inklusive – und er stapfte vom Anpfiff weg immer wieder missmutig von seiner Gartenbank zur Seitenlinie. Nur einmal durfte er die Arme zum Jubel hochreißen: als Ibrahim Keser nach 83 Minuten per Flachschuss auf 1:2 verkürzte.
Auf diesen Endstand hatte Foroutan auch getippt, erzählt er später, „für uns oder für den Gegner“. Dass der aus seiner Sicht weniger erfreuliche Fall eintrat, schrieb der 63-Jährige einer Anfangsphase zu, in der seine Mannschaft „alten Fußball gespielt“ habe, nämlich „viel zu passiv“. Er sei daraufhin in der Pause laut geworden, „sogar sehr, sehr laut“. Er erteilte seinem Torhüter Marc Stillenmunkes einen ungewöhnlichen Auftrag: „Wenn du den Ball hast, musst du ihm dem gegnerischen Stürmer durch die Beine spielen.“
Allfällige Gegentore, versprach Foroutan, würde er auf seine Kappe, sprich Schiebermütze nehmen. Aber Stillenmunkes müsse ein Zeichen setzen, damit auch seine Vorderleute Mut entwickelten. So tat der Torhüter nach 48 Minuten wie ihm geheißen und dribbelte aufregend durch den eigenen Strafraum. Und kurze Zeit später gleich ein zweites Mal. „Kein Problem“, sagte Stillenmunkes, „ich kann mit dem Ball umgehen. Letzte Woche habe ich einen Gegner mit der Hacke ausgespielt.“
Die Manöver waren der Auftakt zu einer zweiten Spielhälfte, in der der BAK den Vier-Klassen-Unterschied tatsächlich vergessen machte. Trotzdem führte Favorit Mainz durch zwei Weitschusstore von Lewis Holtby 2:0 (38., 70.), ehe Keser für Hoffnung sorgte. Sogar die Aussicht auf eine Verlängerung bot sich, doch Innenverteidiger Rocco Teichmann entschied sich drei Minuten vor Spielende für einen Fallrückzieher von der Strafraumkante. Dabei hätte er den Ball doch in Ruhe annehmen und einschieben können. „Aber so erfahren“, haderte Teichmann, „bin ich leider nicht.“ Macht nichts, tröstete Trainer Foroutan, nächstes Jahr wird man sich wieder sehen. „Und dann schlagen wir die Mainzer.“




