Der große Bruder ist immer in der Nähe. Gleich an mehreren Stellen der Firma hängt sein Foto an der Wand. In Schwarz-Weiß blickt der Mann mit dem Schnurrbart lächelnd auf den Betrachter herab. Bernd Tönnies ist seit 15 Jahren tot, doch Einfluss hat er noch immer.
Clemens Tönnies, 53, spricht gern über seinen Bruder. Zusammen haben sie daheim in Rheda-Wiedenbrück ein Unternehmen aufgebaut, das nun drei Milliarden Euro Umsatz macht. Er habe „Bernie“ viel zu verdanken, sagt Tönnies. Vielleicht wäre er ohne ihn kein gemachter Mann, der mit Wladimir Putin speist und mit Uli Hoeneß die Stiftung „Aktion Kinderträume“ aufgebaut hat. Ganz sicher wäre er nicht Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04.
1970 gründeten Bernd und Clemens das Unternehmen „Tönnies Fleisch“. „Eines Tages kam mein Bruder zu mir und sagte: ‚Wir machen uns jetzt selbstständig.‘ Ich war fünfzehn Jahre alt, gerade in die Lehre gekommen und habe nur genickt“, erzählt Tönnies. Als er drei Jahre später mit der Lehre fertig war, hatte die Firma bereits sechs Angestellte.
Der letzte Wille seines Bruders
Tönnies konnte seinem vier Jahre älteren Bruder nie etwas abschlagen. Und so erfüllte er ihm auch den letzten Wunsch. Im Sommer 1994 stand fest, dass Bernd Tönnies sterben würde. Die Nieren hatten versagt, der Körper ein Spenderorgan abgestoßen. „Es war klar, dass er es nicht schaffen würde. Im letzten Gespräch, das ich mit meinem Bruder führte, hat er mir den Auftrag gegeben: ‚Kümmere dich um Schalke.‘ So bin ich in die Funktion gekommen.“
Tönnies blickt aus dem Fenster seines Büros, draußen fahren Lastwagen vorbei. Im Fleischimperium werden jährlich acht Millionen Schweine angeliefert. An einem großen Bildschirm, der an der Wand hängt, kann Tönnies verfolgen, wie sie ankommen und in den Boxen stehen. 24 Stunden später verlassen sie das Werk wieder; entleibt, sauber proportioniert und vakuumverpackt. „Es ist ja nun mal so: Wenn man Fleisch essen will, muss man vorher ein Tier schlachten“, sagt Tönnies. Er kennt das Töten von Tieren seit Kindesbeinen an. Sein Vater hatte eine Metzgerei, der Junior lernte wie sein Bruder und die vier Schwestern ebenfalls Metzger. „Ich habe meinem Vater mal gesagt, ich könne mir vorstellen, Radio- und Fernsehtechniker zu werden. Er hatte uns nie geschlagen, aber da gab es rechts und links eine Ohrfeige.“
Anfang der 70er-Jahre, als das Geschäft der Eltern nicht mehr lief, weil die Kunden ihre Wurst lieber abgepackt im Supermarkt als in der Metzgerei um die Ecke kauften, machten Bernd und Clemens Tönnies sich selbstständig. „Unsere Idee war, nicht mehr selbst das Fleisch zu verarbeiten, sondern es als vorbehandelten Rohstoff an Fleischwarenproduzenten zu liefern.“ Das gab Ärger daheim. Tönnies erzählt: „Unser Vater hat uns beschimpft: ‚Ein richtiger Metzger macht ordentliche Wurst.‘ Später haben wir ihn bei uns angestellt.“
Tönnies schmunzelt. Wenn er von früher erzählt, rutscht er ab in den Ruhrpott-Dialekt und wirkt dann in seinem kurzärmligen Hemd so bodenständig, als würde er immer noch im Wurstkessel rühren. Es war eine schöne, harte Zeit damals, als die Großfamilie sieben Schweine in der Woche verarbeitete und wir Kinder mit ranmussten, während die Schulfreunde draußen Fußball spielten. Der nächste große Verein war Schalke 04, exakt 104 Kilometer entfernt, von der Haustür bis zum Stadion. Tönnies hat das mal ausgemessen. Wenn es die Zeit erlaubte, fuhren Vater und Söhne hin, erst in die Glückauf-Kampfbahn, später ins Parkstadion.
Als die Firma lief, wurden sie mit Haut und Haaren Blau-Weiße. Wie immer ging Bernd voran. Als es Schalke schlecht ging nach der Ära des Sonnenkönigs Günter Eichberg, der den Klub erst zurück in die Bundesliga führte und dann an den Rande des Ruins, trat Bernd Tönnies dessen Nachfolge an. „Das war im Februar 1994, Bernd war schwer krank. Ich sagte: ‚Mach es nicht, du bist verrückt.‘ Doch er war nicht aufzuhalten. Er sagte nur: ‚Jetzt räumen wir den Laden auf.‘ Das tat er auch.“
Schwerkranker Bruder übernahm Schalke 04
In 145 Tagen schaffte es Bernd Tönnies, den hoch verschuldeten Verein zu befrieden und kreditwürdig zu machen – ohne eigenes Geld zu investieren. „Er hatte schon damals Visionen, sprach vom neuen Stadion“, sagt der Bruder.
Dem neuen Präsidenten lief die Zeit davon. Als er merkte, dass er es nicht schaffen würde, nahm er seinem Bruder das Versprechen ab. „Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, mich um einen Sportverein zu kümmern. Doch es war ja kein anderer da“, sagt Clemens Tönnies.
Als in der Nacht zum 1. Juli 1994 das Telefon klingelte, setzte er sich auf die Bettkante und sah seine Frau an: „Es war zwei Uhr. Ich wusste, dass der Anruf aus der Klinik kam und mein Bruder gerade gestorben war. Wer soll sonst so spät anrufen? Ich sagte zu meiner Frau: ‚Wenn ich den Hörer abnehme, werde ich von der zweiten Reihe in die erste geschoben.‘“
Die Geschichte von Bernd und Clemens hat etwas von den „Brüdern Löwenherz“, den Helden des Astrid-Lindgren-Romans, in dem der ältere, bewunderte Bruder vor dem jüngeren stirbt. „Ich bin immer hinter ihm gewesen. Er war in hohem Maße dominant. Aber ich habe es verstanden, ihm abends meine Ideen ins Ohr zu flüstern, die er am nächsten Tag als eigene präsentierte. Dass es so funktionierte, war für mich sehr wichtig“, sagt Tönnies.
Er, der nie das Ziel hatte, dem großen Schatten des Bruders zu entfliehen, geriet plötzlich ins Rampenlicht – in Firma und Verein. Tönnies engagierte sich bei Schalke, erst in der zweiten Reihe, ab 2001 als Chef des Aufsichtsrates. „Wurstheini“, pestete Manager Rudi Assauer, der lieber den FDP-Politiker Jürgen Möllemann auf dem Posten gesehen hätte. Mit Assauer wurde Tönnies nie richtig warm. Zu polterig und unberechenbar war der Lebemann Assauer dem Kaufmann Tönnies. 2006 kam es zum Knall: Der Aufsichtsrat wollte Assauer abberufen, der trat lieber vorher zurück, und Tönnies wurde von den Fans beschimpft, weil er den populären Zigarrenraucher aus dem Amt gedrängt hatte.
„Wir hätten Rudi gern auf den Sockel gestellt, den er verdient hatte. Ich habe sehr langmütig versucht, mit ihm die Dinge sauber zu lösen. Doch das war mit ihm nicht zu machen. Dass ich diese Schalker Ikone nicht einnorden konnte, hat mir sehr wehgetan“, sagt Tönnies. Seither gilt er als mächtig, tatsächlich greift er wie kein anderer Aufsichtsratsvorsitzender der Liga in die Geschicke des Vereines ein. Zwangsläufig, sagt er, eigentlich fühle er sich „in der Rolle dahinter“ viel wohler. Doch wenn es wieder mal brennt in dem wohl turbulentesten Verein Deutschlands, muss er einfach Entscheidungen treffen. Im Frühjahr verhandelte er mit Oliver Kahn über die Besetzung des Managerpostens, dann sicherte er sich die Dienste von Felix Magath als Trainer und Sportdirektor in Personalunion. Per Handschlag besiegelten sie den Vertrag, wie Tönnies es vom Viehmarkt kennt: „Wir haben uns beide daran gehalten.“
Magath soll das Schalker Trauma beenden, das ein bisschen auch das von Tönnies ist. Die Meisterschale soll endlich in den Pott. 2001, 2005 und 2007 wurde der Klub Zweiter, der letzte Titelgewinn liegt 51 Jahre zurück. Tönnies war damals zwei Jahre alt. „Der Traum von der Meisterschaft beseelt uns“, sagt er. Eines hat sich Tönnies fest vorgenommen: Wenn es klappen sollte, irgendwann, dann stattet er seinem Bruder einen Besuch ab. „Ich würde auf den Friedhof gehen und sagen: ‚Siehste, Großer, jetzt haben wir die Schale.‘“





