Felix Magath kennt auch nach dem Abpfiff keine Gnade mit seinen Profis. Während die Gegner im Entmüdungsbecken die schmerzenden Glieder von sich strecken, müssen die Profis des FC Schalke 04 zehn Minuten nach dem Schlusspfiff im Stadion ein ausgiebiges Auslaufprogramm inklusive Dehnübungen absolvieren. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich davor zu drücken: Man muss sich für Fernsehinterviews zu Verfügung stellen.

So zieht es im Zweifelsfall beispielsweise Kevin Kuranyi stets vor, zu reden statt zu dehnen. „Die anderen sind gerade fertig geworden“, sagte der Ex-Nationalstürmer und grinste schelmisch, als er sein Interview beendet hatte und seine Kollegen wieder vom Platz kommen sah. Am Sonntag, nach dem 3:0 (2:0)-Pflichtsieg über den erschreckend schwachen VfL Bochum, durfte neben Stammspieler Kuranyi und Kapitän Heiko Westermann auch Christoph Moritz das ungeliebte Stretching schwänzen. Der 19 Jahre alte Mittelfeldspieler konnte stattdessen die Glücksgefühle schildern, die ihn überkamen, nachdem er in seinem zweiten Bundesligaspiel sein erstes Tor erzielt hatte. „Bei diesen Zuschauern kannst du einfach nur rennen und kämpfen, das geht dann wie von allein“, sprudelte es aus ihm heraus: „Ich kann es selbst noch nicht fassen.“

Den emotionalen Höhenflug, auf dem sich der im Sommer aus der U19-Mannschaft von Alemannia Aachen verpflichtete Moritz derzeit befindet, hat er Felix Magath zu verdanken. Er ist vom Meistertrainer wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert worden. Moritz war ursprünglich gar nicht für die Profimannschaft vorgesehen gewesen, er sollte die Schalker Amateure in der Regionalliga verstärken. Doch weil er Magath vor vier Wochen im Training aufgefallen war, darf er nun seinen Traum ausleben, den er selbst noch vor kurzem für unrealistisch gehalten hatte. „Ihn zeichnet aus, dass er die Ruhe bewahrt, den Überblick behält und immer eine Lösung hat“, lobte Magath seine Entdeckung, die bereits beim 2:1-Sieg in Nürnberg den Führungstreffer vorbereitet hatte.

Ganz so sei es dann doch nicht, wagte Moritz am Sonntag sogar zu widersprechen. „Nicht in allen Situation ist es mir gelungen, die Ruhe zu bewahren“, erklärte er: „Aber ich versuche, einfachen Fußball zu spielen und keine Überdinge zu machen.“ Das Vertrauen des Trainers sorgte dafür, dass Moritz es sich sogar zutraute, gegen Bochum mit seinem schwächeren linken Fuß den Ball überlegt zum 1:0 (38.) ins Toreck zu schlenzen. „Er ist dabei, sich festzuspielen“, sagte Magath und stellte Moritz damit sogar einen Stammplatz in Aussicht.

Der Höhenflug des bis vor kurzem völlig unbekannten Moritz ist typisch für Magath. Seine Spezialität ist es, Hierarchien aufzubrechen und unbekannten Spielern eine Chance zu geben. So hatte er es schon bei seinen letzten drei Stationen gehandhabt. In Stuttgart setzte er wegen finanzieller Probleme gezwungenermaßen auf die Jugend, förderte einen jungen Amateur namens Kevin Kuranyi. Selbst bei den mit Stars gespickten Bayern schaffte er es, ein Eigengewächs wie Christian Lell zu etablieren. In Wolfsburg konnte er finanziell zwar aus dem Vollen schöpfen, doch Verpflichtungen wie Edin Dzeko, Grafite oder Josue hatten trotzdem kaum andere Bundesligavereine auf der Rechnung.

In Schalke macht er es wieder wie in Stuttgart: Mangels Geld für hochkarätige Einkäufe wird improvisiert. Neben Moritz stand erneut auch Innenverteidiger Carlos Zambrano (20) in der Startelf, der in der Vorsaison unter Fred Rutten und Mike Büskens kein einziges Spiel absolviert hatte. Mittelfeldspieler Levan Kenia (18) wurde zur Pause eingewechselt. Dagegen schmorten potenzielle Stammkräfte wie Gerald Asamoah und Halil Altintop neunzig Minuten lang auf der Bank. „Jeder kann sich noch in die Mannschaft spielen“, sagte Magath, der den bisher in Schalke kaum existierenden Konkurrenzkampf deutlich belebt hat.

Ein entscheidender Schachzug, um der Mannschaft eine neue Struktur zu geben, könnte die Verpflichtung des Brasilianers Mineiro gewesen sein. Der 34-jährige Ex-Nationalspieler zeigte gegen Bochum ein überzeugendes Debüt auf der zentralen Position vor der Abwehr. „Er ist ein Mann von hoher Qualität, der viel dazu beigetragen hat, dass unser Spiel ruhiger wird“, lobte Magath den beim FC Chelsea abgeschobenen Routinier, für den er sogar von seinem Grundsatz abrückte, nur austrainierte Spieler einzusetzen: „Jemand, der taktisch so versiert ist, kann auch ohne Spielpraxis sofort Leistung abrufen.“

Eigentlich könnte Magath mit dem Saisonstart also rundum zufrieden sein. Dennoch kämpft er dafür, dass die Erwartungshaltung bei den Schalker Fans nicht sofort wieder in schwindelnde Höhen steigt. Es hätte ihn zwar „überrascht“, wie deutlich die Leistungssteigerung seiner Mannschaft innerhalb einer Woche ausgefallen wäre, doch die echten Bewährungsproben kämen erst noch.

Die Tatsache, dass er gemeinsam mit seinem Ex-Verein VfL Wolfsburg an der Spitze steht, hätte für ihn „keine Bedeutung“, betonte er. Schließlich war sein Vorgänger Rutten im vergangenen Spieljahr sogar nach fünf Spieltagen Tabellenführer. Das war bekanntermaßen auch nur eine Momentaufnahme.

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