Dass Felix Magath in der vergangenen Spielzeit den VfL Wolfsburg zum Meister gemacht hat, kam so unerwartet – eine Kanzlermehrheit von Guido Westerwelle bei der Bundestagswahl wäre ein vergleichbarer Überraschungseffekt. Deshalb konnte die vom Verband der deutschen Sportjournalisten durchgeführte Wahl zu "Deutschlands Trainer des Jahres 2009" in diesem Sommer natürlich nur einen Sieger ergeben: Magath, der dafür am Sonntag vor seinem Heimdebüt auf Schalke vom "Kicker"-Chefredakteur geehrt wurde.

In Wolfsburg allerdings scheinen sie nach zwei Auftaktsiegen (2:0 gegen Stuttgart, 3:1 in Köln) ihrem Meistermacher mittlerweile keine Träne mehr nachzuweinen. Fragt man die Spieler nach dem Unterschied zwischen Magath und seinem Nachfolger Armin Veh, wird der neue Trainer eher als Ästhet, Magath mehr als Malocher kategorisiert. Wolfsburgs Nationalspieler Marcel Schäfer präzisierte im "Aktuellen Sportstudio", Veh lasse das Mittelfeld mit Kombinationen aus Flachpässen überbrücken, während unter Magath die Bälle hoch und weit nach vorn getreten worden seien.

Wenn das die Wolfsburger Meistertaktik war, dann spielt sie jetzt der FC Schalke. Als Beispiel sei die 70. Minute im Spiel gegen den VfL Bochum erwähnt: Nach einem Eckstoß der Gäste beförderte Heiko Westermann den Ball mit einem Befreiungsschlag Richtung Mittellinie, wo Angreifer Jefferson Farfan lauerte und einen Konter via Kevin Kuranyi einleitete, den er in hohem Tempo Sekunden später zum 3:0-Siegtreffer abschloss.

Auch den Treffern zur 2:0-Pausenführung waren wunderbar schnelle Kombinationen vorausgegangen, wie die Schalker Fans seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Die fragen sich schon jetzt, ob Magath noch einmal das Unmögliche möglich machen kann, nämlich jetzt den FC Schalke erstmals seit 1958 zum Meistertitel zu führen.

Drei Mal in den vergangenen fünf Spielzeiten gewannen von Magath trainierte Mannschaften die Meisterschaft (vor Wolfsburg 2005 und 2006 Bayern München), doch die Arbeit auf Schalke bezeichnet der 56-Jährige selbst als größte Herausforderung seiner Karriere. Denn weil der zwischen Gefühlsduselei und Größenwahn schwankende Klub im Vorjahr die Teilnahme am internationalen Wettbewerb verfehlte, muss Trainermanager Magath, anders als in seiner Wolfsburger Zeit, arg am Personal sparen. Der Aufsehen erregendste Transfer war U19-Nationalspieler Lewis Holtby, der für drei Millionen Euro Ablöse vom Zweitligisten Aachen nach Gelsenkirchen kam.

Statt mit dem großen Geldkoffer teure Stars einzukaufen, hat Magath aus der Not eine Tugend gemacht. So beförderte er etwa Christoph Moritz aus der zweiten Mannschaft in seine erste Elf. Der 19-jährige Mittelfeldspieler hatte schon den Führungstreffer beim 2:1-Auftaktsieg in Nürnberg mit einem Direktpass eingeleitet, gegen die Sonntag nur durch ihre Trikotfarbe (himbeerrot) auffälligen Bochumer erzielte Moritz den erlösenden Führungstreffer (39.) für die hoch überlegenen Schalker. Neben dem schon etablierten U21-Europameister Benedikt Höwedes ließ Magath in der Abwehr den 20-jährigen Peruaner Carlos Zambrano spielen. Der erst 18-jährige georgische Offensivspieler Levan Kenia kam nach dem Seitenwechsel ebenfalls wieder zum Einsatz und überzeugte erneut.

Auch Magaths neuester Zugang, dessen Verpflichtung die meisten Medien nur kurz am Rande meldeten, schlug auf Anhieb ein. Der vergangene Woche aus der Arbeitslosigkeit unter Vertrag genommene Mineiro gab auf der Position des "Sechsers" der Schalker Defensive festen Halt. Der 34-jährige Routinier, der zwischen 2001 und 2008 immerhin 24 Mal für die brasilianische Nationalelf spielte, war Hertha BSC vor einem Jahr sein Gehalt nicht mehr wert, stand danach in Luiz Felipe Scolaris Chelsea-Kader, schaffte es aber nur zwei Mal in die Mannschaft. Doch Magath hält viel von Mineiros taktischem Verständnis und internationaler Erfahrung, der neben Abwehrchef Marcelo Bordon (33) der einzige Ü30-Spieler in der Schalker Elf war.

Sogar Farfan grätschte im Mittelfeld

Dass die ansonsten personell unveränderte Mannschaft so viel besser spielte als in der Vorsaison, führte Mannschaftskapitän Westermann, der das 2:0 erzielte hatte (45.), auf die verbesserte Arbeitsmoral unter der der neuen Autoritätsperson zurück, in einem Duktus, den sie auf Schalke gern hören: "Wir reißen uns jetzt alle auf dem Platz den Arsch auf." Sogar der peruanische Flügelstürmer Farfan grätschte im Mittelfeld, als hätte Magath den Spielern bei Nichtbeachtung seiner Anweisungen eine hunderttägige Medizinballkur unter Tage angedroht.

Anders als eine Woche zuvor in Nürnberg, wo er trotz des Sieges vor Wut getobt hatte, war Magath nach dem Schlusspfiff diesmal angemessen fröhlich gestimmt und bescheinigte seiner Elf, die nach dem 2. Spieltag punkt- und torgleich mit Meister Wolfsburg die Tabelle anführt, eine "sehr gute Tagesform". Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Schließlich waren die Schalker in der vergangenen Saison noch nach dem 5. Spieltag alleiniger Tabellenführer, und Trainer Fred Rutten und Manager Andreas Müller schienen auf gutem Weg zu sein, das Unmögliche möglich zu machen.