Morgenpost Online: Da erzielen Sie zwei Tore, und Felix Magath erklärt öffentlich, Sie könnten sich noch steigern. Ist das nicht ungewöhnlich?

Kevin Kuranyi: Ja, aber das ist auch gut so. Weil ich weiß, dass ich noch dazulernen und besser werden kann. Wir haben zwar gewonnen, aber wir haben nicht gut gespielt. Mir ist es wichtiger, dass meine Mannschaft, mit der ich langfristig erfolgreich sein will, gut spielt. Das zählt mehr als meine zwei Tore. Außerdem weiß der Trainer, dass ich noch mehr kann.

Morgenpost Online: Magath hat auch gesagt, Sie würden dazu neigen nachzulassen, wenn Sie keinen Druck spüren.

Kuranyi: Daran merkt man, dass er mich gut kennt. Durch meine brasilianischen Wurzeln und generell durch meine Art neige ich manchmal dazu, ein bisschen zu locker zu sein. Dann lasse ich in meinen Bemühungen unbewusst etwas nach. Aber ich will das in den Griff kriegen. Ich arbeite dagegen an.

Morgenpost Online: Da ist es vielleicht sogar hilfreich, dass Ihr Vertrag zum Ende der Saison ausläuft. Spornt das an?

Kuranyi: Nein, das hat damit nichts zu tun. Meine Motivation ist es, immer gut zu spielen. Ich möchte von Saison zu Saison besser werden. Jetzt gibt es zudem die Möglichkeit, etwas Neues zu erreichen. Ein neuer Trainer ist gekommen, mit ihm hält eine neue Mentalität Einzug. Ich will mit Schalke 04 erfolgreich sein.

Morgenpost Online: Der Trainer kritisiert die Mannschaft teilweise sehr hart und – für die Branche nicht üblich – öffentlich. Ist das immer fair?

Kuranyi: Seine Kritik dient dazu, uns Spieler zu verbessern. Sie soll einem vor Augen führen, dass man noch nicht alles kann. Sie zielt nicht darauf ab, uns runterzudrücken, sondern zeigt auf, wo wir Defizite haben. Wer sich das ins Bewusstsein ruft, kann damit umgehen.

Morgenpost Online: Haben auch jüngere Spieler wie Lewis Holtby diese Einsicht? Es dürfte nicht gerade angenehm für einen 18-Jährigen sein, in aller Öffentlichkeit abgewatscht zu werden.

Kuranyi: Es ist gut, wenn gerade die jungen Spieler von Anfang an wissen, wie das Profigeschäft funktioniert. Ich habe damals noch härtete Maßnahmen von Magath zu spüren bekommen. Er hat mich in meiner Anfangsphase beim VfB Stuttgart sogar wieder zu den Amateuren zurückgeschickt. Das war damals verdammt hart. In solchen Situationen stellt sich heraus, ob einer gut genug ist oder nicht. Heute kann ich sagen: Es hat mich weitergebracht, ich habe daraus gelernt.

Morgenpost Online: Magath hat auch bemängelt, dass der Kader nicht gut zusammengestellt worden sei. Seine Vorgänger im Amt des Managers und des Trainers, Andreas Müller und Fred Rutten, hatten stets das Gegenteil behauptet. Wer hat denn nun recht?

Kuranyi: Ich kann beide Seiten verstehen. Die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren für ein 4-3-3-System zusammengestellt worden. Nun müssen wir Spieler uns umgewöhnen, da Magath eine 4-4-2-Spielweise bevorzugt. Ich als Stürmer habe so mehr Platz und muss mich mehr bewegen, auch mal auf den Flügel ausweichen. Das heißt aber nicht, dass wir individuell keine Qualität haben.

Morgenpost Online: Sie haben auch schon in den vergangenen Jahren immer für ein 4-4-2 plädiert. Ihr Sturmkollege Jefferson Farfan hat dagegen bislang in Holland ausschließlich in einem 4-3-3-System gespielt.

Kuranyi: Ich kenne diese Spielweise noch aus meiner Stuttgarter Zeit, sie kommt mir entgegen. Ich habe nun mehr Räume, wir sind als Angreifer unberechenbarer für die Verteidiger. Farfan muss seine Spielweise anpassen, aber er verfügt über eine hohe Qualität, deshalb sehe ich da keine Probleme. Größere Probleme mit Systemumstellungen haben meistens nur Spieler, die weniger Qualität haben.

Morgenpost Online: Es fehlt allerdings immer noch ein Spielmacher, um im 4-4-2 erfolgreich sein zu können.

Kuranyi: Wir müssen dies als Mannschaft einigermaßen kompensieren. Aber ein qualitativ guter Spielmacher kann eben den Unterschied ausmachen. Das sieht man auch bei den Spitzenmannschaften. Wolfsburg hat beispielsweise mit Misimovic eine klassische Nummer zehn. Die Angreifer profitieren von ihm. Genau wie ich damals von Lincoln profitiert habe, weil er Bälle aufgelegt hat, wie es nur wenige Spieler in der Welt können. Solch einen Spieler in seiner Mannschaft zu haben, wäre natürlich optimal. Aber wir müssen auf die finanziellen Möglichkeiten des Vereins Rücksicht nehmen.

Morgenpost Online: Wäre Ivan Rakitic nicht jemand, der in diese Rolle hineinwachsen kann?

Kuranyi: Er hat andere Qualitäten, sucht lieber den Weg über die Flügel, damit er selbst in den Abschluss gehen kann. Er ist jemand, der mit einem klassischen Zehner gut zusammenspielen kann, so wie mit Luca Modric in der kroatischen Nationalelf. Rakitic würde davon profitieren, wenn wir einen Spielmacher bekommen würden.

Morgenpost Online: Doch da es den zumindest in dieser Saison nicht geben wird, ist die Spielzeit wohl als Übergangssaison zu betrachten. Oder kann Schalke trotzdem um die internationalen Plätze mitspielen?

Kuranyi: Unser Ziel ist es, unter die ersten fünf zu kommen. Aber dafür müssen wir viel mehr arbeiten als in der vergangenen Saison. Wir müssen uns deutlich verbessern. Dafür, um die Meisterschaft mitzuspielen, ist es sicher noch zu früh. Aber ich glaube schon, dass wir in ein paar Jahren wieder um den Titel spielen können.

Morgenpost Online: Heiko Westermann ist von Felix Magath zum Kapitän ernannt worden. Warum eigentlich nicht Sie?

Kuranyi: Ich übernehme gerne Verantwortung, versuche die Mitspieler auf dem Platz mitzureißen. Aber ein Kapitän muss noch mehr Qualitäten haben. Ich bin beispielsweise jemand, der ab und zu mal zu spät kommt oder auch mal etwas vergisst. Das sind, glaube ich, nicht so gute Eigenschaften für einen Kapitän. Der Kapitän sollte eher jemand sein, der versucht, immer alles in Ordnung zu halten. Der Typ bin ich nicht, ich bin einfach zu locker.

Morgenpost Online: Diese Lockerheit ist aber auch hilfreich, um Rückschläge zu verarbeiten, wie die Pfiffe von den eigenen Fans und den Rauswurf aus der Nationalelf.

Kuranyi: Die letzten Jahre waren nicht immer einfach. Aber wenn ich damals verkrampft oder übersensibel gewesen wäre, hätte ich das nicht so leicht verarbeiten können. Dann hätte ich vielleicht den Verein gewechselt. Aber Gott sei Dank bin ich so wie ich bin: Ich nehme auch nach Rückschlägen immer wieder einen neuen Anlauf.

Morgenpost Online: Hat es Sie überrascht, dass Bundestrainer Joachim Löw ein Comeback unverändert kategorisch ausschließt?

Kuranyi: Ich habe mir immer gewünscht, eine zweite Chance zu bekommen. Auch deshalb, weil ich schon gezeigt habe, dass ich wichtig für die Nationalelf sein kann. Aber wenn ein Trainer eine Entscheidung trifft und sie offensichtlich nicht zurücknehmen kann, muss ich es akzeptieren. Ich habe meinen Fehler offen eingeräumt. Wenn ich die zweite Chance trotzdem nicht bekommen sollte, muss ich eben in meinem Verein für meine Zukunft arbeiten. Wer weiß: Vielleicht gelingt es mir doch noch, Meinungen zu ändern. Aber ich werde nicht darum betteln.

Morgenpost Online: Ist eigentlich die Kommunikation mit dem Bundestrainer immer optimal gewesen? Im Fall Torsten Frings haben zumindest die Verantwortlichen von Werder Bremen Zweifel an der Aufrichtigkeit von Löw geäußert.

Kuranyi: Das ist schwierig zu beurteilen. Wenn man das Gefühl hat, man hätte gut trainiert, aber spielt doch nicht, fühlt man sich automatisch ungerecht behandelt. Für den Trainer ist es auch nicht immer einfach. Aber ich finde, man sollte auch respektieren, was man als Nationalspieler geleistet hat. Torsten Frings hat über Jahre seine Leistungen in der Nationalelf gebracht. So etwas darf nicht von einem auf den anderen Tag vergessen werden.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Ihre Flucht von der Nationalelf im vergangenen Oktober letztlich nur der willkommene Anlass war, um sie auszumustern?

Kuranyi: Ich hoffe, dass es nicht so war. Aber wenn doch, dann wäre es mir lieber, man würde mir das ins Gesicht sagen.

Morgenpost Online: Ihr Vertrag läuft aus, könnten Sie sich eigentlich vorstellen, ins Ausland zu wechseln?

Kuranyi: Natürlich. Spanien, Italien oder England würden mich schon reizen. Aber ob das jetzt sein muss? Ich bin auf Schalke eigentlich glücklich.