Anti-Doping-Kampf

Olympia wird ein Triumph des Scheins

Ein Großteil des weltweit vertriebenen Dopings wird in Ländern vertrieben, die zuletzt die Olympischen Spiele ausrichten durften. Der italienische Trainer und international bekannte Doping-Experte Alessandro Donati hat wenig Hoffnung, dass in Peking echte Leistung noch eine Rolle spielen wird.

Foto: OneGeology

Welch ein unmoralisches Angebot: In einem Krankenhaus in China offerierten Ärzte ARD-Reportern die Transplantation von Stammzellen gegen Bezahlung. 24.000 US-Dollar für mehr Ausdauer und Kraft und für den Traum von Ruhm – es ist ein erschreckender Blick in die Zukunft des Sports.

Doch schon die Gegenwart sieht düster aus. Vor einigen Wochen erst stellte die Zollpolizei in Sydney nach der Beschlagnahmung von 40 Kilogramm anaboler Hormone fest: „Der Absender ist ein in China lebenden Australier. Man glaubt, dass dieser Mann zu einer kriminellen Vereinigung gehört, die die Lieferung leistungssteigernder Mittel an Olympiateilnehmer zum Ziel hat.“ Kurios, dass Athleten in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele zu Dopingzwecken Medikamente brauchen, die mit Hilfe krimineller Netzwerke ausgerechnet aus China kommen!

Nur die Spitze des Eisbergs ist sichtbar

Etwas Ähnliches trug sich vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney zu. Damals ermittelte der australische Zoll, dass eine große Anzahl von beschlagnahmten Postpaketen leistungsfördernde Medikamente enthielt. Die Pakete waren an unverdächtige Empfänger adressiert, doch sollten sie als Dopingvorräte für Olympiateilnehmer dienen.

Die Liste der kriminellen Akte im Umfeld von Olympischen Spielen ließe sich weiter fortsetzen. Von Sydney bis Salt Lake City, von Athen bis Peking: Es zeigt sich ein Eisberg von Doping und Kriminalität. Wie üblich wird nur die Spitze davon überhaupt sichtbar.

Es ist offensichtlich, dass das Business den Polarstern darstellt, welcher das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei der Vergabe der Olympischen Spiele führt. Es ist gleichzeitig aber merkwürdig und bestürzend, dass die Olympischen Spiele zuletzt Ländern mit herausragenden Rollen im internationalen Handel mit Dopingmitteln – einschließlich Spanien, wo die Sommerspiele 1992 stattfanden – zugewiesen wurden. Und es ist gleichermaßen verwirrend, dass das IOC bei der Vergabe der Spiele gegenüber der chinesischen Regierung nicht die Unterschrift unter ein mehrjähriges Programm zur bedeutenden Verbesserung der Menschenrechte sowie der Verringerung der Herstellung und des illegalen Exports von Dopingmitteln zur Bedingung gemacht hat.

Wachstumshormone nur in der Vorbereitungsphase

Allein der ehemalige Direktor der Weltantidopingagentur (Wada), Dick Pound, hatte 2006 den Mut, von den Chinesen explizit Maßnahmen zur Bekämpfung des illegalen Dopinghandels zu fordern. Währenddessen will einer wie Jacques Rogge, Präsident des IOC und obendrein sogar Arzt, durch die Einführung von olympischen Jugendspielen „zur Bekämpfung des Bewegungsmangels und der Fettleibigkeit“ beitragen.

Es ist kein Geheimnis, dass in Peking ein Analysesystem zur Entdeckung des eventuellen Missbrauchs von Wachstumshormonen zum ersten Mal verwendet werden wird. Das IOC wird es als eigenen, großen Fortschritt ausgeben. Zwar ist es ein großer Fortschritt, doch ist er zuvorderst der Weltantidopingagentur zu verdanken. Das IOC wird sorgfältig verschweigen, dass kein einigermaßen intelligenter Athlet kurz vor den Wettkämpfen überhaupt Wachstumshormone benutzen würde. Diejenigen, die davon Gebrauch machten, taten es in der Vorbereitungsphase, während derer keine speziell zur Entdeckung vom Missbrauch von Wachstumshormonen bestimmte Dopingkontrolle vorhergesehen war.

Am meisten beunruhigt das Doping im Breitensport

Uns stehen nun Olympische Spiele als Triumph des Scheins und Nicht-Seins bevor. Im Schwimmen etwa werden Rekorde aufgestellt als wären die alten Bestmarken die Sportergebnisse aus einem kleinen Dorf. Von ganzen Journalistengruppen wird uns erzählt, dass der aktuelle Vorsprung der neuen Schwimmkleidung zuzuschreiben sei.

Im Kugelstoßen der Männer wird ein Rekord über 22 Meter aufgestellt werden – das bedeutet zwei Meter über dem auf natürliche Weise erreichbaren Maximum. Und der 100-m-Lauf der Männer wird – sofern es die Wetterbedingungen zulassen – von irgendeiner Muskelmasse in weniger als 9,70 Sekunden gewonnen werden.

All jenen, die noch an Fair Play glauben, bieten diese Szenarien wenig Hoffnung. Am meisten beunruhigt aber nicht die weit verbreitete Leistungsmanipulation im Hochleistungssport, sondern das überschwemmende Doping im Breitensport. Das ist diejenige Dopingart, die in Wirklichkeit den kriminellen Handel ernährt.

Alessandro Donati (60) gehört zu den renommiertesten Dopingaufklärern der Welt. Der italienische Professor, Sportwissenschaftler und frühere Leichtathletiktrainer deckt seit 25 Jahren Dopingskandale auf.