Haft in China

Deutscher Tibet-Aktivist klagt über Misshandlung

Brutal habe man ihm ins Gesicht geschlagen und gewürgt. Der in China während einer Demonstration festgenommene Deutsch-Tibeter berichtet nach seiner Entlassung über Gewaltanwendungen während seiner Haft. Fast 16 Stunden habe man ihn verhört, schlafen wurde den Häftlingen nicht erlaubt.

Die chinesische Polizei schlug blitzschnell zu. "Ich habe die Fahne hochgehalten, sofort wurde ich von zehn Mann angegriffen“, sagt Florian Norbu G.. "Sie haben mir einen Faustschlag ins Gesicht verpasst, mich gewürgt und kurz vor der Bewusstlosigkeit in einen Bus gezerrt.“ Denn die Fahne war eine Tibet-Flagge, der Tatort eine Brücke vor dem Olympia-Gelände in Peking.


Eine Aktion, die kaum 20 Sekunden dauerte, brachte Florian Norbu Gyanatshang vier Tage Schlafentzug und nächtliche Dauerverhöre in einem chinesischen Gefängnis ein. Die deutsche Botschaft hielt Kontakt zu Gyanatshang – doch vom Auswärtigen Amt kam kein Wort der Kritik am Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte.


Der einst bei der KFOR-Friedenstruppe in Bosnien stationierte frühere Bundeswehr-Soldat war nicht der einzige, der die Tortur erdulden musste. Neun andere ausländische Tibet-Aktivisten wurden ebenfalls festgenommen, darunter acht US-Bürger. Und erst nachdem die US-Botschaft in Peking scharf gegen die Verhaftungen protestierte, kamen die zehn in der Nacht zum Montag frei.


„Nach der Festnahme kamen 16 Stunden Verhör“, berichtet Gyanatshang. „Anschließend wurden wir in ein Gefängnis verlegt und bekamen Häftlingskleidung. In der Zelle durften wir nicht schlafen.“ Der 30-jährige Stuttgarter Softwareentwickler ist Sohn eines tibetischen Vaters und einer deutschen Mutter. Gyanatshang leitet die deutsche Sektion des Vereins Tibeter Jugend in Europa, der gegen die chinesische Fremdherrschaft in Tibet protestiert.


Seine Schwester Yuldon wandte sich in einer E-mail persönlich an Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD)- und bekam nach ihren Angaben keine Antwort. Die chinesische Regierung verfolgt jedes Eintreten für die Unabhängigkeit Tibets als „Gefährdung der nationalen Einheit“. Alle westlichen Regierungen erkennen den chinesischen Anspruch auf das größte Hochland der Erde an – viele Tibeter jedoch nicht.


Bei den Olympischen Spielen organisierte die New Yorker Gruppe „Students for a Free Tibet“ eine Serie von acht Protestaktionen. Ein ums andere Mal waren die Akteure schneller als die chinesischen Sicherheitskräfte, obwohl zehntausende Polizisten genau solche Vorkommnisse verhindern sollten. Nach den ersten Aktionen hatten die chinesischen Behörden die Tibet-Demonstranten noch sofort abgeschoben.


Am Donnerstagabend begann das nächste Verhör, das nach Gyanatshangs Angaben etwa elf bis zwölf Stunden dauerte – bis acht Uhr früh. „Sie waren sehr interessiert, wie wir das organisiert haben.“ Zwischenzeitlich wurde der Dolmetscher wegen Übermüdung ausgetauscht. Am nächsten Abend wieder ein Verhör. „Im Vergleich zu dem, was die Tibeter nach vergleichbaren Aktionen erdulden müssen, war das nichts“, sagt Gyanatshang.


Sowohl aus Tibet wie aus der ebenfalls unruhigen Wüstenprovinz Xinjiang dringen derzeit kaum Nachrichten nach außen. Vieles deutet darauf hin, dass die chinesische Regierung den Druck während der Olympischen Spiele nicht gelockert, sondern verschärft hat. Sogar der Informationsfluss der tibetischen Exilregierung ist fast versiegt. Menschenrechtsgruppen berichten von Massenverhaftungen und Toten. In manchen tibetischen Bezirken soll die Militärpräsenz so stark sein, dass sich die Bewohner nicht mehr auf die Straße wagen. Doch sichere Quellen gibt es nicht. „Ich bin stolz darauf, dass ich ein kleines Opfer bringen konnte“, sagt Gyanatshang.