Olympia 2008

Wird die Eröffnungsfeier zum Protestmarsch?

Am Freitag beginnt in Peking mit den olympischen Sommerspielen das größte Sportereignis der Welt. Vor der großen Selbstinszenierung der Chinesen regt sich bei den Sportlern Widerstand gegen die Politik der Gastgeber. Nutzen die Athleten die Eröffnungsfeier zum Protestmarsch für Menschenrechte?

Foto: DPA

Es gibt verlässliche Zahlen darüber, wie viele Spinde das Pressezentrum auf dem Olympiagelände hat (540), wie viele chinesische Freiwillige in blau-weißen T-Shirts während der Spiele umherwuseln (rund 100.000), oder auch wie viele Quadratmeter die Kantine umfasst (2743). Über die Länge der Sicherheitszäune, die Anzahl der Stacheldrahtrollen oder die numerische Stärke der Polizisten, die selbst nachts noch zuhauf hinter Maschendraht still mit starren Mienen und den Händen an der Hosennaht Wache stehen, ist hingegen nichts bekannt.

Längst nicht überall vermag Chinas Diktatur so geräuschlos zu agieren wie an den gut gesicherten Grenzen seines olympischen Terrains. Je näher die Eröffnungsfeier rückt (ab 13.00 Uhr, ARD live), desto mehr gewinnen die Proteste gegen Chinas Umgang mit Menschenrechten, Tibet-Politik und Unterdrückung Andersdenkender weltweit an Vehemenz – und desto deutlicher flammen Debatten wieder auf, die mit Beginn der Sportwettkämpfe verdrängt zu werden schienen.


So prangerte die Organisation „Chinese Human Rights Defenders“ in einem Bericht 428 „illegale Festnahmen“ allein innerhalb der vergangenen zwölf Monate an. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens drängten Polizisten Demonstranten ab. Vier amerikanische Tibet-Aktivisten wurden des Landes verwiesen und ein inhaftierter Dissident sorgte mit einem jetzt publik gewordenen Brief an Jacques Rogge für Aufsehen. „Zehntausende Gefangene in Peking, die nur eine halb volle Schüssel gekochtes Gemüse in den Händen halten und ihre Augen auf Sie richten. Was haben Sie dabei für ein Gefühl?“, lautet in dem Schreiben eine der pikanten Fragen an den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Unangenehm dürfte das Gefühl allemal sein, zumal angesichts der Tatsache, dass die Ehrentribüne im Nationalstadion zu Peking Freitagabend zwar Polit-Prominenz beherbergen wird, jedoch selbst als Menschenrechtsaktivisten bislang weitgehend unverdächtige Granden wie George W. Bush Kritik üben. „Tief besorgt“ sei er über die Verletzung grundlegender Rechte, verkündete der US-Präsident zum Ende seiner Amtszeit. Ins Stadion geht er trotzdem.

Bönisch und Duplitzer verzichten

Während weltweit die Tibet-Proteste in den Stunden vor der Eröffnungsfeier wieder lauter wurden und etwa in Berlin Anhänger der Tibet-Initiative Deutschland symbolisch vor der chinesischen Botschaft die olympische Fackel löschten, lassen sich auch in Peking weitere Signale für den Widerstand registrieren. Athleten wie die deutsche Judo-Olympiasiegerin Yvonne Bönisch („Der Gastgeber der Spiele verletzt die Menschenrechte“) oder die Fechterin Imke Duplitzer („Völlig überzogene Anwendung der Todesstrafe“) wollen durch Fernbleiben der Eröffnungsfeier Zeichen setzen.

Die amerikanischen Sportler bedienten sich einer subtileren Variante. Sie erkoren just an dem Tag ihren Mittelstreckenläufer Lopez Lomong zu ihrem Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier, an dem dem Amerikaner Joey Cheek die Einreise nach China verweigert wurde. Lomong ist gebürtiger Sudanese und lebte während des Bürgerkriegs in seiner Heimat zehn Jahre in einem Flüchtlingscamp. China unterstützt die Milizen im Sudan. Eisschnelllauf-Olympiasieger Cheek ist Menschenrechtsaktivist und Mitbegründer des „Team Darfur“.


Ein offener Brief macht Sorgen

Sorgen mag den auf Lautlosigkeit bedachten Olympiaorganisatoren vom Bocog auch ein offener Brief an Hu Jintao bereiten, in dem mehr als hundert zum Teil recht prominente Athleten und Ex-Olympioniken den Staatspräsidenten zur Wahrung der Menschenrechte in China aufrufen. Zu den Unterzeichnern gehört auch Ulrike Nasse-Meyfarth.

Die zweimalige Hochsprung-Olympiasiegerin sagte Morgenpost Online: „Künftig wird sich das Internationale Olympische Komitee sehr genau überlegen müssen, in welches Land es die Spiele vergibt. Vor ihrem Hintergrund werden immer mehr Gruppen versuchen, auf ihre Probleme und Situation aufmerksam zu machen.“ Nasse-Meyfarth unkt: „Und in zwei Jahren vor den Winterspielen in Vancouver treten dann Eskimos auf den Plan und klagen: Uns schmilzt das Eis unter dem Hintern weg, tut was!“

Italiens Sportministerin forderte einen Boykott ein

Spannend wird am Freitag auch zu beobachten sein, wie viele und welche Athleten darauf verzichten, zum betont fröhlichen Spektakel vor mehr als 90.000 Zuschauern ins Stadion einzumarschieren und ihn so zu einer Art Protestmarsch zu machen, wenn schon das Tragen von bunten Armbändchen mit der Aufschrift „Sports for Human Rights“ („Sport für Menschenrechte“) an den Wettkampfstätten verboten ist. Erst Anfang der Woche hatte ja Italiens Jugend- und Sportministerin Giorgia Meloni einen Boykott der Eröffnungsfeier als „starke Geste“ von ihren Olympiateilnehmern eingefordert – woraufhin ihr Sportfunktionäre und Athleten einen Vogel zeigten.

„Auch wenn manche meinen Meinungen nahe kommen mögen, sind einige Politiker inkompetent“, rügte der italienische Schwergewichtsboxer Clemente Russo öffentlich. „Sie wollen nichts verstehen, was nicht in ihrer eigenen Welt passiert.“


So ähnlich verhält es sich wohl auch mit Chinas Olympia-Organisatoren.