Morgenpost Online: Der 100-Meter-Sprint in Peking mit Usain Bolt, Tyson Gay und Asafa Powell verspricht einer der Olympia-Höhepunkte zu werden, oder, Mister Moses?

Edwin Moses (52): Auf jeden Fall, wenn man drei Persönlichkeiten hat, die derart gute Zeiten laufen können.

Morgenpost Online: Wer ist denn Ihr Favorit?


Moses: Man muss mal abwarten, was Verletzungen angeht... hm, schwer zu sagen. Tyson Gay ist gerade auf dem Weg der Besserung, und die anderen Jungs sind in Höchstform.


Morgenpost Online: Vom chinesischen Hürdensprinter Liu Xiang wird erwartet, dass er das Gesicht der Spiele wird.


Moses: Na ja, ich glaube ehrlich gesagt, er ist verletzt, will es aber niemanden wissen lassen. Ich habe ihn noch nicht zweimal laufen sehen – ein Fehlstart in die Saison. Der Druck auf ihn wird riesig und er bis zu einem gewissen Maß bereits ausgebrannt sein. Seine Konkurrenten hingegen – David Oliver und Terence Trammell aus den USA etwa oder Dayron Robles aus Kuba – werden auf den Punkt fit sein.

Morgenpost Online: Jeremy Wariner wird als der neue Michael Johnson beschrieben. Was glauben Sie, wie wird er die 400 Meter laufen?

Moses: Also, ich denke, er schafft’s auf jeden Fall ins Finale. Es sei denn, er verletzt sich. Aber in der Leichtathletik bist du nur so gut wie dein letztes Rennen war – und Wariner hat schon ein paar verloren dieses Jahr. LaShawn Merritt scheint bereit zu stehen. Und auch hier gilt: Was ist mit dem Druck? Als Favorit zu starten, behagt – psychologisch gesehen – vielen Athleten nicht.

Morgenpost Online: Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa scheint die dominanteste Leichtathletin zu sein.

Moses: Es wird ein schweres Jahr für sie. Wir haben da ein amerikanisches Mädchen, Jennifer Stuczynski, die derzeit auf höchstem Niveau springt und rechtzeitig in Topform ist. In einem olympischen Jahr ist es egal, wer du bist und welchen Ruf du hast. Da gibt es Athleten da draußen, die nur darauf warten, dich zu jagen. Isinbajewa wird ganz sicher einige Konkurrenz erwarten dürfen. Gleiches gilt für Wariner wie für einige Langstreckenläufer. Tritt dir einer auf den Fuß, bist du raus. Und dann ist plötzlich alles vorbei.

Morgenpost Online: Werden die klimatischen Bedingungen in Peking die Spiele zu außergewöhnlichen machen?

Moses: Es wird superheiß und superfeucht. Und es wird Smog geben, der lässt sich kaum verhindern, selbst wenn Fabriken abgeschaltet werden. Für alle werden es schwierige Bedingungen. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit kennt man von früheren Sommerspielen, nur der Smog, der wird ein Problem.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Eindruck von Olympischen Spielen heutzutage?

Moses: Sie sind definitiv ein großartiges Ereignis. Die Chinesen haben ein enormes Maß an Anstrengungen und Geld hineingesteckt. Als ich 1976 in Montreal das erste Mal bei Olympia startete, lag das Budget vielleicht bei einigen Hundert Millionen Dollar. Heute sind es Milliarden. Ich habe gelesen, dass die Chinesen allein mehr als 40 Milliarden Dollar in Transport, Infrastruktur, Stadien, das Training der Helfer und andere Vorbereitungen investiert haben. Wenn man so viel Geld in die Hand nimmt, kann man fast alles erreichen.

Morgenpost Online: Vor acht Jahren erhielt Marion Jones als erste Sportlerin den Laureus-Award. Inzwischen ist sie als Doperin überführt und sitzt im Gefängnis. Was nun?

Moses: Die Akademie hat bereits getagt. Wir haben entschieden, dass sie die Auszeichnung nicht länger verdient und wir sie ihr aberkennen wollen. Ich war persönlich tief enttäuscht, als sie Dopingmissbrauch zugegeben hat. Man muss nur die Verzweiflung in ihrem Gesicht gesehen haben, um zu erkennen, dass es im Zusammenhang mit Doping keine Gewinner gibt, sondern nur Verlierer.

Morgenpost Online: Gibt es Enthüllungen, die Sie nicht erwartet hätten?

Moses: In der Welt des Dopings überrascht mich nicht mehr viel. Es war wirklich fürchterlich in der Leichtathletik und im Radsport. Ich denke, was wir da sehen, ist nur die Spitze eines Eisbergs. In den vergangenen Monaten haben wir eine Menge versteckte Anspielungen und Geschichten über Athleten vernommen. Das ist eine Tragödie. Was sollen die Kids denken?

Morgenpost Online: Sie haben selbst einen zwölfjährigen Sohn.


Moses: Ja, und ich würde es hassen, ihn als Sportler in einer Atmosphäre aufwachsen zu sehen, in der das Gefühl vorherrscht: Du musst Dopingmittel nehmen um zu gewinnen. Solange ich lebe, werde ich Doping bekämpfen. In den vergangenen Jahren habe ich mit mehr und mehr Abscheu das Auffliegen von gedopten Sportlern beobachtet. Ihre Namen bilden ein beschämendes „Who’s Who“ des Sports.