Die großen Pläne seiner Berater endeten als Eigentor. Aus dem Versuch, Edin Dzeko zu einem der teuersten Fußballprofis Europas zu machen, ist ein ärgerlicher Rückschritt in der bisher bemerkenswerten Karriere des Bosniers geworden. Keiner der an Dzeko interessierten Vereine, zu denen zuletzt vor allem Manchester City und der AC Mailand gezählt haben, konnte oder wollte die in seinem Arbeitsvertrag festgelegten 40 Millionen Euro Ablöse aufbringen. „Unsere Zeit der Ungewissheit ist endlich vorbei“, sagte Dieter Hoeneß, der als Vorsitzender der Wolfsburger Geschäftsführung machtlos hatte abwarten müssen, ob bis Montagnacht, 24.00 Uhr, ein reicher Topklub Dzeko vorzeitig freikauft. „Die Bedingungen sind nicht erfüllt worden. Damit ist das Thema erledigt.“

Den Burgfrieden hatten beide Seiten im Sommer 2009 geschlossen. Nach dem Abgang von Erfolgstrainer Felix Magath war es den beiden Wolfsburger Geschäftsführern, Jürgen Marbach und Armin Veh, gelungen, Dzeko mit Hilfe einer deutlichen Gehaltserhöhung von einem vorzeitigen Wechsel abzubringen. Eine horrend hohe Ablöse zur Bedingung für einen möglichen Abschied zu machen, entpuppt sich jetzt als Geniestreich.

Denn Dzekos Berater haben den Marktwert ihres bis 2013 an den VfL gebundenen Schützlings offenbar völlig falsch eingeschätzt. Trotz seiner beachtlichen Quote von 56 Toren in 94 Bundesligaspielen und einer erstaunlichen Zuverlässigkeit wird sein Marktwert derzeit auf gerade einmal 25 Millionen Euro geschätzt. 15 Millionen Euro mehr wollte oder konnte kein Verein berappen. „Unter der fixierten Summe wird Edin sicher nicht gehen“, stellte Hoeneß allerdings gestern klar.

Wenn der derzeit beste in Deutschland spielende Stürmer morgen (20.30 Uhr, ARD) mit Bosnien in Frankfurt/Main auf die deutsche Nationalmannschaft trifft, dann betritt er als Mann der zweiten Reihe den Platz – die Auswahl seines Heimatlandes hat die Endrunde der Weltmeisterschaft in Südafrika verpasst. Der VfL Wolfsburg bleibt dem internationalen Fußball vorerst auch fern. Dzekos Karriere gerät, während sich die Wolfsburger über seinen Verbleib diebisch freuen, vorerst ins Stocken.

Die Abwehrspieler der deutschen Nationalelf werden morgen in Frankfurt erleben, mit wie viel Geschick oder Frust Dzeko in diesen Tagen seine Arbeit verrichtet. „Spieler wie Edin können ein Spiel ganz allein entscheiden“, sagt Steve McClaren als neuer Trainer des VfL Wolfsburg voller Stolz. „Wer sich anschaut, wie die Preise für die besten Stürmer in den vergangenen Jahren in die Höhe gegangen sind – zum Teil 70, 80 oder 100 Millionen Euro verlangt werden –, der kann froh sein, wenn er einen Angreifer dieses Niveaus besitzt“, so der Engländer.

McClaren ist äußerst erleichtert wegen des Verbleibs seines Ausnahmekönners und darf trotzdem mit Hilfe von weiteren 30 Millionen Euro ein neues Team für die Niedersachsen zusammenstellen, das den jüngsten Absturz in der Bundesliga korrigieren soll. „Wir waren Meister und haben in der Champions League gespielt, aber jetzt haben wir nichts mehr“, hatte sich Stürmer Dzeko vor kurzem darüber geärgert, dass die internationalen Ambitionen des VfL innerhalb kürzester Zeit verspielt worden waren.

Warum es im Fall Dzeko nicht geklappt hat, den bisherigen Bundesliga-Rekordtransfer von Mario Gomez (2009 für 35 Millionen Euro vom VfB Stuttgart zum FC Bayern München) einzustellen, darüber darf die gesamte Bundesliga grübeln. 40 Millionen Euro mögen für Dzeko in der Folge der auch den Profisport belastenden Finanzkrise zu viel sein. Dass aber der beste Torjäger in Deutschland nicht interessant genug für die großen Adressen des europäischen Fußballs ist, gibt zu denken.

Der FC Bayern hat offenbar nur ganz kurz darüber nachgedacht, Gomez gegen Dzeko einzutauschen. Und ein finanziell selten verlegener Verein wie Manchester City scheint nicht neugierig genug auf die Künste des Bosniers geworden zu sein. „Meine beste Option ist England“, hatte Dzeko in der vergangenen Woche noch erklärt und offenbar daran geglaubt, dass ein Klub ihn unbedingt kaufen müsste.

Statt Mailand oder Manchester bleibt seine Wahlheimat jetzt der Wolfsburger Stadtteil Vorsfelde. VfL-Boss Hoeneß hat allen Interessenten, die trotz der abgelaufenen Kaufoption für den 24-Jährigen noch vorstellig werden, eine Absage erteilt. Dzekos Tore sind in Wolfsburg fest eingeplant. Und wenn dessen Berater Irfan Redzepagic davon spricht, dass es immer noch lukrative Angebote für den Torjäger gibt, darf das als branchenübliches Nachtreten bezeichnet werden. Dzeko sitzt noch ein Jahr fest.

sid/fb