Am Mittwoch trifft Deutschland im Halbfinale der WM auf Spanien. Auch für den Bremer Mesut Özil (21) ist dieses Duell ein Höhepunkt seiner jungen Karriere. Er ist als Spielgestalter der deutschen Mannschaft eine der Schlüsselfiguren der jüngsten Erfolge und gilt als eine der großen Entdeckungen dieses Turniers. Zufrieden ist er deshalb aber noch lange nicht.
Morgenpost Online: Herr Özil, wie ist die Stimmung vor dem Halbfinale?
Mesut Özil: Sehr gut. Natürlich spüre ich, dass wir schon fünf harte Spiele hinter uns haben. Aber der Bundestrainer dosiert das Training sehr gut, so dass wir gegen Spanien wieder topfit sein werden. Ich fühle mich persönlich jedenfalls sehr fit.
Morgenpost Online: Haben Sie sich diese Leistung vorher zugetraut?
Özil: Natürlich wusste ich, was ich kann. Dass es so gut läuft, konnte ich aber nur hoffen. Ich spüre uneingeschränktes Vertrauen von den Mitspielern und den Trainern. Darum kann ich befreit aufspielen. Aber ich kann es nur, weil wir als Mannschaft unser Spiel durchziehen.
Morgenpost Online: Klaus Allofs, Ihr Vereinsmanager von Werder Bremen, bezeichnete Sie bereits als besseren Spieler als Weltfußballer Lionel Messi.
Özil: Kurz vor der WM galt ich noch als junger Spieler, der nicht konstant Leistung bringt. Deswegen finde ich den Vergleich mit Messi sehr gewagt. Messi hat schon über eine lange Zeit bewiesen, dass er weltklasse ist, er ist Weltfußballer geworden und hat viele Titel gewonnen. Das muss ich erst erreichen. Ich möchte nicht mit ihm verglichen werden. Ich bin Mesut Özil, nicht Messi.
Morgenpost Online: Sehen Sie sich denn schon auf internationalem Topniveau?
Özil: Sicher spiele ich derzeit auf sehr hohem Niveau. Aber in Schubladen, wo „Weltklasse“ oder so etwas draufsteht, lasse ich mich nicht stecken.
Morgenpost Online: Wo sehen Sie denn Ihren Kollegen Bastian Schweinsteiger?
Özil: Er spielt bei dieser WM auf dem allerhöchsten Niveau. Dort, wo Messi oder Xavi stehen.
Morgenpost Online: Müssen Sie sich als kreativer Kopf der Mannschaft an taktische Vorgaben halten?
Özil: Natürlich, vor allem, wenn der Gegner den Ball hat. Defensivarbeit muss jeder leisten. Wenn wir aber im Angriff sind, gibt Joachim Löw mir alle Freiheiten. Der Bundestrainer sagt, wenn ich den Ball habe, kann ich machen, was ich will. Ich darf auch mal den Ball verlieren, ohne dass er schimpft. Nur so kann ich auch meine Leistung bringen. Dieses Vertrauen zu spüren, ist das wichtigste für mich.
Morgenpost Online: Das Wort „Vertrauen“ fällt im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft sehr häufig. Was genau steckt dahinter?
Özil: Wir sind wie eine Familie hier. Wenn im Training zum Beispiel jemandem der Ball weg springt und ins Gelände fliegt, heißt es nicht: „Jetzt hol das Ding mal schnell zurück!“ Dann läuft auch mal ein anderer. Das ist diese Unterstützung, die ich meine. Hier schottet sich auch keiner ab, obwohl wir mittlerweile über 50 Tage zusammen sind. Wir spielen Tischtennis zusammen, Billard oder Playstation. Wir sind immer zusammen.
Morgenpost Online: Was ist Ihre Spezialdisziplin in der Freizeit?
Özil: Ich bin stark im Tischtennis.
Morgenpost Online: Angriffsspieler oder Defensivspezialist?
Özil: Ich schmettere am liebsten, also ganz klar Angriffsspieler – wie auf dem Fußballplatz.
Morgenpost Online: Dort gewann Deutschland zuletzt 4:0 gegen Argentinien, davor 4:1 gegen England. Die Welt spricht vom „deutschen Fußballwunder“.
Özil: Das ist kein Wunder. Wir wissen, was wir können, trainieren die Spielzüge, die in den Spielen zu sehen sind. Und wir ziehen unser Spiel durch, auch wenn wir führen. Das fordert der Trainer von uns.
Morgenpost Online: Trainieren ist das eine, es umzusetzen das andere.
Özil: Ja, dafür brauchst du schon gute Spieler. Wir verstehen uns blind.
Morgenpost Online: Aber Ihre tollen Pässe scheinen doch intuitiv zu kommen. Oder sind die zu planen?
Özil: Natürlich ist nicht alles einstudiert. Aber gewisse Grundschemen und Laufwege sind immer wieder geübt worden. Wenn sich die Stürmer nicht bewegen, kann ich den Ball nicht in die Räume spielen. Wenn sie sich aber bewegen, dann kommt es natürlich darauf an, zur richtigen Zeit das richtige zu tun.
Morgenpost Online: Und wie klappt das?
Özil: Ich mache mir schon Gedanken, bevor ich den Ball kriege. Wer ist frei? Wer könnte wohin laufen? Wie stehen die Gegenspieler? Du musst nur ein paar Züge vorausschauen.
Morgenpost Online: Das hört sich eher nach Schach denn nach Fußball an.
Özil: Ich spiele ja auch gern Schach. Mein Klassenlehrer war ein sehr guter Spieler und hat mir viel beigebracht. Jetzt komme ich leider nur noch selten dazu. Aber Schach und Fußball – das ist durchaus vergleichbar. Alle großen Spieler haben immer auch vorausgedacht.
Morgenpost Online: Sie sind in Gelsenkirchen aufgewachsen, in einem Arbeiterviertel. Nun sind Sie ein Fußballstar. Haben Sie sich verändert?
Özil: Nein, überhaupt nicht. Kein bisschen. Ich bin oft in meiner Heimat, und dort bin ich nicht der Typ aus dem Fernsehen, sondern der alte Mesut, der Witze mit seinen Freunden macht.
Morgenpost Online: Kann das nun so bleiben?
Özil: Klar. Ich bin so erzogen worden. Ich will kein Superstar sein. Mit mir darf jeder einen Spaß machen. Ich bin ein normaler Typ.
Morgenpost Online: Allerdings können Sie den VIP-Status nicht komplett ausblenden. Ihre Freundin beklagte bereits, dass sie von Paparazzi bedrängt wird.
Özil: Mein Privatleben möchte ich abschirmen. Meine Familie und meine Freunde sind mir sehr wichtig, die will ich beschützen.
Morgenpost Online: Ist es ein Vorteil, dass Sie im ruhigen Bremen spielen und nicht in Berlin oder München?
Özil: Es war die absolut richtige Entscheidung, nach Bremen zu wechseln. Dort lassen mich die Menschen in Ruhe. Die Fans erkennen mich, akzeptieren aber, wenn ich privat unterwegs bin.
Morgenpost Online: Das wäre ja fast ein Grund, in Bremen zu verlängern.
Özil: Ich habe doch einen Vertrag. In dieser Zeit werde ich alles geben und versuchen, mit Bremen in die Champions League einzuziehen.
Morgenpost Online: Aber Ihr Vertrag läuft nur bis 2011. Andere Topteams sollen Schlange stehen.
Özil: Dass ich mir darüber derzeit keine Gedanken mache, ist doch klar. Wir stehen vor zwei wichtigen Spielen, die wir gewinnen wollen. Alles andere ist weit weg.
Morgenpost Online: Sie sprachen schon vor der WM vom Titelgewinn. Haben Sie daran wirklich geglaubt?
Özil: Ja, ganz ehrlich. Wir sind nicht hierher gekommen, um im Achtel- oder Viertelfinale auszuscheiden. Unser Ziel war und ist der Titel. Ich kann verstehen, dass uns das viele nicht zugetraut haben, weil wir eine junge Mannschaft haben. Aber wir sind sehr erfolgshungrig.
Morgenpost Online: Das können die Engländer und Argentinier bestätigen.
Özil: Ja, im Fußball ist alles möglich, sogar jeweils vier Tore gegen diese Supermannschaften. Wir wissen, dass wir stark sind, und dass die Spanier Respekt vor uns haben. Wir müssen nur konzentriert in das Spiel gehen, dann gewinnen wir auch gegen Spanien.
Morgenpost Online: Ist die Mannschaft ohne Michael Ballack besser, weil die Überfigur vielleicht den einen oder anderen jungen Spieler gehemmt hat?
Özil: Diese Theorie ist Quatsch. Wir haben auch mit Ballack sehr gute Spiele gemacht. Es war ein Schock für uns, als er ausgefallen ist. Er war der Kopf der Mannschaft, der Kapitän. Wir sind anschließend zusammengerückt und neu zusammengewachsen. Sami Khedira ist in die Mannschaft gekommen und hat Ballack super vertreten. Aber mit Michael hätten wir auch gut gespielt.
Morgenpost Online: Was passiert, wenn er zurückkommt?
Özil: Ich würde mich freuen, wenn er bald wieder dabei ist. Aber der Bundestrainer muss entscheiden, wer spielt.
Morgenpost Online: Wenn Löw denn nach der WM weitermacht.
Özil: Das hoffe ich sehr. Er ist ein toller Trainer, mit klaren Vorstellungen. Kein Kumpeltyp, sondern eine Respektsperson.
Morgenpost Online: Feiert die Mannschaft nach der WM in Berlin auf der Fanmeile?
Özil: Ich weiß nicht, ob das geplant ist. Aber wir bekommen ja mit, wie gut die Stimmung in Deutschland ist. Da bekomme ich Gänsehaut, es ist eine Ehre, dass wir so unterstützt werden. Da wäre es schön, uns bei den Fans bedanken zu können. Am liebsten mit dem WM-Pokal.





