Die zwei Bierflaschen klirrten leicht, als Per Mertesacker zum Mannschaftsbus schlenderte. Lässig hatte er sie mit der linken Hand am Flaschenhals gegriffen, so wie es in einer Bar getan wird vor dem Weg vom Tresen zum Tisch. Nun liegt die Stammkneipe des Bremer Innenverteidigers, wenn er denn überhaupt eine hat, derzeit 12.000 Kilometer entfernt. Doch am Samstagabend gab es für ihn keinen besseren Ort auf der Welt als das Green Point Stadion in Kapstadt, um sich zwei Bierchen zu genehmigen.
Wenn Hochleistungssportler mit Alkohol in der Öffentlichkeit auftauchen, befinden sie sich entweder auf dem steilen Abstieg vom Gipfel ihrer Laufbahn in deren durchsumpfte Niederungen. Oder die Athleten haben die gesellschaftliche Legitimation ihres Handelns durch einen großen Triumph errungen. Bei Mertesacker war – natürlich – letzteres der Fall.
„Was die Mannschaft an Willen abgerufen hat war nicht nur internationales Niveau, das war Championsniveau. Sie war getrieben von ihrem Willen“, hatte selbst der sonst so zurückhaltende Bundestrainer Joachim Löw zuvor gejubelt. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft war rund eine Stunde alt, und in der Kabine ging es derweil hoch her. Wann gewinnt eine Mannschaft schon einmal 4:0 (1:0) gegen Argentinien, und das im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft? Die Chefetage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war in einer Geschwindigkeit von der VIP-Tribüne in die Katakomben geeilt, die die deutschen Spieler zuvor bei ihren Kontern gezeigt hatten. Mit denen hatten sie den Favoriten zerlegt wie ein Cowboy sein T-Bone-Steak.
Auch die Bundeskanzlerin war zum Gratulieren gekommen, und kaum hatte Angela Merkel die Kabine betreten, schallte es ihr entgegen: „Rede, Rede, Rede“. Auf diese Art wird sie selten begrüßt, aber es gefiel ihr. Also redete sie, und sie tat es gut. Wie ein Traum habe sie das Spiel empfunden, begann sie, lobte den Teamgeist, mahnte sanft weitere Konzentration an und schloss mit großen Worten: „Es ist so nah!“ Was für ein Schlussakkord, welch ein Nachhall: „Es ist so nah!“ Aber was ist es? Was verbirgt Merkel hinter dem Neutrum?
Es, das ist das noch nicht Aussprechbare. Bringt es nicht Pech, wenn es zu früh benannt wird? Der Titel? Der Pokal?
Die deutschen Spieler haben damit deutlich weniger Probleme. Vor allem Lukas Podolski handelte nach dem wohl besten deutschen WM-Spiel getreu seines Lebensmottos „Ich mach mir da keinen Kopp drum“ und polterte herzerfrischend heraus: „Noch zwei Spiele, dann haben wir das Ding.“ Nun mag „das Ding“ auch nicht die konkreteste aller Formulierungen sein, doch alle wissen, was der Kölner meint. Die Mannschaft glaubt daran: Sie kann Weltmeister werden.
Was sich einst als vage Hoffnung in den Hinterköpfen regte, ist nach zwei brillanten Auftritten greifbar geworden. Es ist nicht mehr es. Es ist er: der vierte Stern, der Titelgewinn. Das zu Anfang belächelte Ziel der Reise nach Südafrika.
Wer hätte vor zwei Monaten daran glauben wollen, als Kapitän Michael Ballack verletzt auf die WM verzichten musste. Er, der einzige Hoffnungsträger in einer Schar unerfahrener U21-Europameister. Sein Ausfall galt als der größte anzunehmende Unfall und scheint sich nun als Geburtsstunde von etwas zu erweisen, wogegen das Sommermärchen von 2006, sportlich betrachtet, nur ein Groschenroman ist.
Plötzlich sind es Spieler wie Philipp Lahm, Arne Friedrich und Bastian Schweinsteiger, die den Ton angeben, und einige fragen sich erstaunt, was aus den Mitläufern von einst auf einmal gestandene Männer gemacht hat. Jungspunde wie Mesut Özil, Thomas Müller und Jerome Boateng entzücken die Fachwelt und entsetzen die Gegner, wenn sie wie ein Heuschreckenschwarm in deren Spielhälfte einfallen und Nationen wie England und Argentinien geplündert und demoralisiert zurücklassen.
Zusammengehalten wird die Mannschaft von einem taktischen Korsett, das Trainer Löw jedes Mal aufs Neue und stets meisterlich schnürt. „Unsere taktische Ausrichtung ist unser Erfolgsgeheimnis. Wir sind vom Trainerteam wieder super eingestellt worden“, sagte Verteidiger Arne Friedrich nach dem Spiel. „Wer gegen einen Mann wie Messi spielt, muss die Räume eng machen, sonst ist er kaum zu stoppen. Also haben alle mit nach hinten gearbeitet, und dann haben wir unsere Konter gesetzt. Das hat super geklappt.“
Schon beim 4:1 gegen England hatten die Deutschen mit blitzschnellen Angriffen zugeschlagen und für die erste Sensation gesorgt. Der Sieg über Argentinien allerdings toppte die Vorstellung aus dem Achtelfinale noch einmal.
Wem soll es da verübelt werden, wenn er nun nach den höchsten Weihen des Fußballs greifen will? Im Gegenteil: Wer nach diesen Vorstellungen nicht den WM-Titel als Ziel ausruft, gibt sich der Lächerlichkeit preis. „Im Moment fügt sich alles. Es läuft überragend. Wir sind wieder im Halbfinale. Jetzt kommt eine schwere Aufgabe, aber wenn wir so weiterspielen, ist alles drin. Wir sind alle heiß auf das Finale“, sagte Friedrich.
Es dürfte für Bundestrainer Löw erneut nicht schwer sein, die Spieler für die kommende Aufgabe zu motivieren. Am Mittwoch wartet Spanien im Halbfinale auf die deutschen Himmelsstürmer. Vor zwei Jahren verlor Löws Mannschaft im Endspiel der Europameisterschaft gegen die Iberer – und war deutlich unterlegener, als es das 0:1 vermuten lässt. Auch in diesem Jahr gelten die Spieler um Starstürmer David Villa als Titelfavorit. Allerdings taten sie sich gegen Paraguay im Viertelfinale schwer, nur ein Villa-Tor kurz vor Ende rettete Spanien vor einer Blamage. „Sie waren für mich schon vor dem Turnier Favorit auf den Titel. Aber wir werden sehen, was noch drin ist. Wenn wir so weiterspielen, haben wir realistische Chancen“, sagte Friedrich.
Dann nahm er seine Tasche und ging zum Bus. Nur einmal hielt er noch inne, drehte sich um und sagte: „Es ist absolut nah.“





