Vor neun Jahren machte eine holländische Jugendauswahl bei der Junioren-Fußballweltmeisterschaft in Argentinien kurze Zeit von sich reden (Ägypten erwies sich im Viertelfinale schließlich als zu stark). Der holländische Trainer, ein hoch aufgeschossener, flachgesichtiger ehemaliger Schulmeister namens Louis van Gaal, neigte nicht dazu, einzelne Talente hervorzuheben. Er zog vor, was er mit seinem holländischen Lieblingswort das „collectief“ nannte. Dieser eine Junge aber, der Jüngste in der Truppe, ein Siebzehnjähriger mit X-Beinen aus einem Dorf in Hollands Norden, machte Eindruck auf van Gaal. Der Trainer gab zu, noch „nie ein so großes Talent“ wie Arjen Robben gesehen zu haben.

Robben ist mittlerweile 26 Jahre und immer noch Hollands größtes Talent. Allein: Hat er für sein Land gespielt, ist er über Gastauftritte nicht hinaus gekommen. Jetzt hoffen alle, dass Robben nun, wo er sich von seiner Verletzung erholt hat, bei der WM endlich die Hauptrolle spielt. Kommt es dazu, gilt auch: Den Deutschen sei Dank.

Robben ist eigentlich gar kein „holländischer“ Spieler. Er wurde in Bedum geboren, im windzersausten Norden, 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Aus dem Norden ist, seit den Koeman-Brüdern vor 25 Jahren, kein großartiger holländischer Fußballspieler mehr gekommen. Bedum selbst hatte nie einen hervorgebracht. Bislang war das Städtchen bloß für seinen Kirchturm berühmt, der Schlagseite hat, so dass die Einwohner behaupten, er sei noch schiefer als der von Pisa. Bei VV Bedum, dem örtlichen Fußballverein, konnte Robben nichts lernen. Davon hat er wohl profitiert.

Der typische großartige holländische Fußballspieler ist ein Junge aus Amsterdam, der schon als Grundschüler zu Ajax gekommen ist, die beste Ausbildung in der Geschichte des Fußballs genossen hat, zum Rädchen im Getriebe einer Passmaschine geworden ist und eine auch unter dem Namen „Amsterdam-Bluff“ bekannte Arroganz an den Tag legt. Man denke an Wesley Sneijder, Rafael van der Vaart oder Nigel de Jong. Sie alle sind Produkte dieses Fußballs, Robben hingegen ist ein Naturtalent, eher vom Mars als aus Bedum. Er konnte noch nicht laufen, da hat er einen Luftballon schon so getroffen wie heute den Ball. Einfach so.

Wenig später bewies er außerdem eine Gabe, die man ihm bei Ajax wegtrainiert hätte: das Dribbeln. Als Kind hatte Robben erfolgreich geturnt, also war er wendig. Van der Vaart, der zusammen mit Robben die holländischen Jugendmannschaften durchlaufen hat und nun wahrscheinlich seinen Platz an ihn abtreten muss, sagt: „Wenn man ihm zusieht, denkt man: ‚Warum nimmt ihm der Verteidiger den Ball nicht einfach ab?’ Aber er ist so schnell am Ball und so stark, dass man fast immer zu spät kommt.“

Robben ist Teil einer goldenen Generation. Die meisten Mitglieder der holländischen WM-Auswahl wurden 1983 und ’84 geboren: Robben, Van der Vaart, Sneijder, Robin van Persie, De Jong und John Heitinga. Doch während die anderen die komplexe Geometrie des niederländischen „Totaalvoetbal“, des totalen Fußballs, übten, dribbelte der Dörfler jahrelang über den Flügel. In einer Zeit, da die Flügelspieler fast ausstarben, war er ein Atavismus, Hollands Garrincha.

Selbst von der niederländischen Tradition des Konfliktmodells, das von den 70ern bis zur goldenen Generation weitergereicht worden ist, blieb er ausgenommen. Als Teenager konnten sich Van der Vaart und Van Persie nicht leiden; Sneijder mag Van Persie immer noch nicht; Van Persie und die meisten anderen können Sneijder nicht leiden, den sie intern den „Schlumpf“ nennen. Keiner jedoch hat etwas gegen den höflichen Nerd auf dem Flügel mit seinem nasalen nördlichen Dialekt, der öfter mal das förmliche „U“ benutzt, das holländischen Äquivalent zum „Sie“, eine Anrede, die in den Niederlanden beinahe ausgestorben ist.

Andererseits begegnet Holland Robben seit jeher mit Misstrauen. Das Land ist von „tactiek“ besessen und hier war einer, der offenbar ohne Taktik spielte. Um Robbens Bewunderer Johan Cruyff zu zitieren, den Vater des holländischen Fußballs: „Eine Fußballmannschaft besteht aus zehn Spielern und einem Linksaußen.“ Oder wie Robben selbst seine Strategie beschreibt: „Wenn ich auf den Platz gehe, denke ich: Yeah, lass uns Ballspielen.“ Bei seinem ersten großen Turnier, der Euro 2004, nahm er, als er endlich auf den Platz durfte, eine großartige tschechische Mannschaft auseinander und lieferte zwei Torvorlagen, wurde dann aber von Trainer Dirk Advocaat ausgewechselt. Grund dafür war, so scheint’s, dass sich Robben nicht ausführlich genug mit Tomas Galasek im defensiven Mittelfeld der Tschechen beschäftigt hatte. Als der Junge vom Platz ging, führten die Holländer 2:1. Sie verloren mit 2:3. In die holländische Fußballgeschichte ist das Spiel unter dem Namen „De Wessel“, der Wechsel, eingegangen.

Viel mehr tat Robben bei der EM nicht und das wurde bei den folgenden Turnieren zur Regel. Robben fängt brillant an und dann verschwindet er, wie ein Filmschauspieler, der bloß einen Gastauftritt hat und laut Drehbuch gleich umgelegt wird. In den ersten beiden Partien der Weltmeisterschaft 2006 wurde Robben jeweils zum Spieler des Tages gewählt. Nach dem Eröffnungsspiel gegen Serbien kritisierte Van Persie ihn auf typisch holländische Weise. Robben hätte mehr abspielen müssen, sagte er. „Manchmal trifft er Entscheidungen, die gut für ihn selber sind, aber nicht gut für die Mannschaft.“ Nichtsdestoweniger kam das Vertrauen, das Holland in Robben setzte, der Abhängigkeit nahe. Der serbische Trainer verglich ihn nachher mit Ronaldinho.

Nach diesen Begegnungen verblasste Robben bei der WM. Und so ähnlich war es auch bei der Euro 2008: In seinem ersten Spiel, eingewechselt gegen Frankreich, war er brillant. Mehr tat er nicht. Wie es scheint, ist Robbens knochiger Körper zu zart, um binnen weniger Wochen gleich mehrere Spitzenspiele durchzustehen. Und hat er seinen Gegner erst mal richtig in Angst versetzt, fängt der an, ihn zu doppeln und zu treten. Dann ist Robben wieder verletzt. Seine zwei Jahre bei Real Madrid sind bloß eine längere Variante derselben Geschichte: brillante Gastauftritte (kurzfristig wurde er der „Messi von Madrid“ genannt), gefolgt von Verletzungen. Und wie ein Galáctico sieht Robben natürlich auch nicht aus. Im letzten Sommer rangierte ein ungeduldiges Madrid ihn und Sneijder aus. Zum Schreien komisch, dass die beiden ihre Teams nachher zum Champions-League-Finale in Reals Bernabeu-Stadion trugen.

Bayern war so gut für Robben wie Robben für Bayern. Jetzt, auf dem Zenit seines Könnens und in einem Land, das Physis ernst nimmt, hat er sich so etwas wie den Körper eines deutschen Fußballers erarbeitet. Bemerkenswerterweise war er die ganze Saison über so gut wie gar nicht verletzt, vom Muskelfaserriss abgesehen, den er sich im letzten Testspiel gegen Ungarn zugezogen hat – nicht ohne vorher zwei Tore zu schießen. Und der Fußball, das ist entscheidend, hat sich zu seinen Gunsten verändert. Eine moderne Abwehr steht so dicht, dass es einen großen Dribbler braucht, sie zu sprengen (siehe Lionel Messi).

Van Gaal hat seinen Glauben an das „collectief“ entsprechend modifiziert und sein Team um die Dribblings von Robben und Franck Ribéry gebaut. Holland wird es in Südafrika genauso machen wollen – mit Robben und vielleicht mit Eljero Elia vom HSV, der im ersten Spiel gegen Dänemark eine brillante Gastrolle gespielt hat. Die Holländer sollten sich glücklich schätzen, zwei solche Solisten zu haben, hat doch die ganze Philosophie des holländischen Fußballs doch immer darin bestanden, die Dribbler auszumerzen. Robben wird in diesem Sommer spielen müssen, was er bei den Bayern gespielt hat: den Star, nicht die Gastrolle.