Früher spielte Boris Becker in Monte Carlo erfolgreich Tennis, dreimal schaffte er es hier ins Finale. Und obwohl er das Endspiel auf dem roten Sand letztlich nie gewinnen konnte, verdiente er gut dabei: 2500 Dollar bekam er beispielsweise 1985 als jüngster Teilnehmer für den Einzug in die zweite Runde ausgezahlt. In dieser Woche spielt Becker nun wieder im mondänen Fürstentum, und es lohnt sich mehr denn je. In dieser Woche will er hier ein Vielfaches gewinnen – beim Poker.
„Das hier ist Sport“, behauptet Becker, inzwischen 42 Jahre alt und gut bezahlte Vorzeigefigur des Pokergeschäfts. Emotionslos schiebt er dabei zwei Karten über den Tisch, der Blick durch die mit Brillanten verzierte Sonnenbrille wirkt abwesend – es gehört zum Spiel, den Gegnern nichts preiszugeben über Blatt und Gefühlswelt. Wohl auch, weil es so viele sind: 847 Spieler sind nach Monaco gekommen, und alle haben 10.600 Euro Startgeld gezahlt. Jeder von ihnen hofft, als Sieger mit 1.7 Millionen Euro wieder nach Hause zu fahren.
„Am Tag bis zu 16 Stunden hoch konzentriert zu sein, wenn ein Fehler über Millionen Euro entscheiden kann, ist körperliche und geistige Höchstleistung. Das schlaucht, da musst du topfit sein“, sagt Becker. Eine bessere Werbefigur hätte die Europa-Tour gar nicht finden können, denn Becker zockt mit vollem Einsatz, und das nicht mal schlecht. „Ich nehme das so ernst wie früher Wimbledon“, sagt er.
Deshalb hat Becker auch immer einen Pokerprofi an seiner Seite: Johannes Strassmann (25). Der in Wien lebende Bonner gilt als der beste deutsche Zocker und ist aktuell drittbester Spieler im Europa-Ranking. Und er muss nicht bereuen, dass er die Ausbildung zum Bundeswehroffizier fürs Pokerspiel sausen ließ, inzwischen hat er am Kartentisch über eine Million Dollar verdient – allein bei Turnieren wohlgemerkt, nach eigener Aussage liefert das Spielen im Internet den größeren Teil seiner Einnahmen. Inzwischen betreibt er eine Pokerschule und beteiligt eine Charity-Organisation für Kinder an seinen Turniergewinnen.
Mathematik-Spezialist
„Am besten spiele ich, wenn ich meinen Instinkten und meiner Fähigkeit, Gegner zu lesen, vertraue“, erzählt Strassmann, und wer das hört, den wundert es nicht, dass er sich so gut mit Becker versteht. Der Mathematik-Spezialist mit dem ausgeprägten strategischen Verständnis hatte sich beim Online-Poker hochgearbeitet. Anfangs setzte er Cent-Beträge, nach zwei durchgespielten Nächten ging es dann um zwei Euro Einsatz. Angekommen ist er nun beim Limit von 400 Euro pro Setzeinsatz. Da kommt schnell ein Pott im Wert eines Mittelklassewagens zusammen.
„Mich hat das Geld anfangs nie interessiert. Entscheidend war, ob ich jede Pokerhand mathematisch richtig gespielt habe“, sagt Strassmann. Wohl auch deshalb lehrte er bald sogar Profis in Las Vegas das Fürchten. Der weltweit größte Anbieter „Pokerstars“ erkannte sein Talent und nahm ihm in das elitäre Profiteam auf. „Poker ist kein Glücksspiel wie zum Beispiel Roulette. Es geht darum, analytisch zu errechnen, wie gut die eigene Hand ist, wie stark sie sich im Laufe des Spiels verbessern kann“, erklärt Strassmann. „Neben mathematischen Berechnungen brauchst du gute Menschenkenntnis. Natürlich wird auch geblufft beim Poker.“
Im Turniersaal des Casinos von Monte Carlo schaut Strassmann seinem Schüler deshalb immer wieder kontrollierend über die Schulter, nebenher speichert er Beckers Spielzüge in einem Computer ab – für eine spätere Analyse unter vier Augen. „Gut gemacht, Boris. Alle Chips rein. Mach Druck. All in!“, ruft der dem Tennishelden a.D., noch zu. Becker setzt die Sonnenbrille erst später ab, beim Gespräch mit dem Morgenpost-Online-Reporter. Mit einem Lächeln schaut er Strassmann hinterher: „Ich habe eine Menge Fachbücher gelesen. Aber von dem Jungen kann ich noch viel lernen.“ Erst dann kann er in Monte Carlo vielleicht doch noch mal siegen...





