Mit dem finalen Pfiff von Schiedsrichter Olegario Benquerenca aus Portugal wurde die „Fiesta“ eröffnet. Spieler und Betreuer Uruguays hüpften auf dem Rasen auf und ab, lagen sich nach dem 4:2 im Elfmeterschießen gegen Ghana und dem Einzug in das WM-Halbfinale in den Armen. Während die Südamerikaner ausgelassen feierten, befiel die übrigen Besucher im Stadion Soccer City Wehmut. Für einige Sekunden verstummte sogar das Vuvuzela-Getöse. Mit Ghana verabschiedete sich der letzte Hoffnungsträger des gastgebenden Kontinents nach großem Kampf aus dem Turnier. Bye, bye, Afrika. „So ist Fußball“, sagte Ghanas serbischer Trainer Milovan Rajevac mit versteinerter Miene, während seine Spieler in Tränen versanken.
Am Freitag, genau anderthalb Wochen nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft, war es plötzlich zurück gewesen, dieses Gefühl von Patriotismus bei den südafrikanischen Fußballfans. „Es ist Zeit für ‚Baghana Baghana’“, titelte die Zeitung „The Star“, und die „Daily Sun“ forderte dazu auf, geschlossen hinter Ghana zu stehen: „Afrikas Hoffnungen und Träume ruhen allein auf den Black Stars.“
Zum ersten Mal wird eine WM auf diesem Kontinent ausgetragen, neben dem Gastgeber waren Nigeria, die Elfenbeinküste, Kamerun, Algerien und Ghana angetreten. Fünf von ihnen scheiterten bereits in der Vorrunde. Nur die Ghanaer setzten sich durch und gewannen auch ihr Achtelfinalspiel gegen die USA (2:1 nach Verlängerung).
In den vergangenen Tagen wurden von den südafrikanischen Behörden kostenlos Ghana-Flaggen verteilt. Ein Sprecher der Regierungspartei ANC regte an, dass sich die Mannschaft nicht weiterhin „Black Stars of Ghana“, sondern im Turnierverlauf „Black Stars of Africa“ nennen sollte. Ein Vorschlag, der direkt umgesetzt wurde: Während die Spieler vor der Partie ihr Aufwärmprogramm absolvierten, trugen sie Trikots mit dem Schriftzug „Africa“ auf dem Rücken.
Die Uruguayer waren darauf eingestellt, dass sie nicht nur elf Ghanaer auf dem Platz, sondern auch einen Löwenanteil der Zuschauer im Stadion Soccer City gegen sich haben würden. „Wir werden es mit ganz Afrika aufnehmen müssen“, hatte Angreifer Diego Forlan gesagt und betont, dass dies nur einen „zusätzlicher Anreiz“ darstelle: „Wir kennen ja diese Rolle und können sicher gut damit umgehen.“
Die „Himmelblauen“ hatten in der Vorrunden Südafrika (3:0) locker bezwungen und damit das vorzeitige Aus der „Bafana Bafana“ besiegelt. Forlan war mit zwei Treffern maßgeblich beteiligt gewesen und zum „Herzensbrecher“ einer ganzen Nation geworden. Diesen Spitznamen verpassten ihm die Reporter des Gastgeberlandes.
So groß der Enthusiasmus bei den Afrikanern auch war, auf dem Rasen entwickelte sich zunächst das Spielchen: Elf gegen einen, Uruguay gegen Richard Kingson. Ghanas Keeper rettete zweimal gegen Suarez (11., 26.) und bewahrte Kapitän John Mensah (18.) mit einem grandiosen Reflex vor dem Eigentor.
Rajevac tigerte an der Seitenlinie umher, ruderte wild mit den Armen und gab lautstark Anweisungen – mit Erfolg. Denn plötzlich waren seine bislang so schläfrigen Spieler hellwach. Ein Kopfball des Hoffenheimer Bundesliga-Profis Isaac Vorsah (30.) strich hauchdünn über die Querlatte, Versuche von Asamoah Gyan (31.) und Sulley Muntari (39.) knapp am Pfosten vorbei.
Doch in der Nachspielzeit der ersten Hälfte wurde Ghana schließlich belohnt. Die Uruguayer ließen Muntari im Mittelfeld völlig unbedrängt laufen, er schaute kurz auf und drosch den Ball aus 28 Metern ins Eck. Ausgerechnet Muntari, der sich bisher mit der Reservistenrolle zufrieden geben musste und im Verlauf der Gruppenphase vor dem Rauswurf stand, nachdem er Rajevac und einige Mitspieler in der Kabine beschimpft hatte. Weil sich der Stürmer von Inter Mailand bei Trainer und Mannschaft entschuldigte, wurde er begnadigt.
Das wunderbare Glücksgefühl der Führung dauerte nach der Pause jedoch nur zehn Minuten an. Dann schlug Forlan zu. Der Herzensbrecher, wer sonst? Sein Freistoß aus 22 Metern flatterte zwar gewaltig, doch Kingson half munter mit. Bei Ghana schwanden die Kräfte, die Uruguayer bestimmten nun das Geschehen, sie versäumten es jedoch, das Duell in der regulären Spielzeit für sich zu entscheiden.
In der Verlängerung verflachte die Partie. Es wurde einige Male brenzlig in den Strafräumen, doch wirkliche Höhepunkte blieben aus – bis zur allerletzten Sekunde. Angreifer Suarez wehrte den Ball auf der Torlinie mit der Hand ab, sah die Rote Karte. Doch den fälligen Strafstoß schoss Gyan an die Querlatte. Was für ein Drama.
Mit Elfmeterschießen ging es weiter, in dem die Südamerikaner in Torwart Fernando Muslera, der die Schüsse von Mensah sowie Dominic Adiyiah parierte, und dem letzten Schützen Sebastian Abreu endlich ihre Helden fanden. „Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich freue mich für die Jungs. Der Sieg hat viel Nerven gekostet, aber Hauptsache ist, dass wir gewonnen haben“, sagte Uruguays Trainer Oscar Tabarez angesichts der aufwühlenden Minuten unmittelbar vor und nach dem Elfmeterschießen.
Im Halbfinale trifft Uruguay am Dienstag (20.30 Uhr) im Green-Point-Stadion in Kapstadt auf die Niederländer, die zuvor Rekordweltmeister Brasilien nach Hause geschickt hatten.
sid/jr












































