Rom, 8. Juli 1990: Deutschland trifft im WM-Finale auf Argentinien. Besser gesagt: Es trifft auf Diego Maradona und seine zehn Mitspieler. Der Spielmacher, der damals beim SSC Neapel unter Vertrag stand, war wohl der mit Abstand beste Spieler seiner Zeit. Kapstadt, 3. Juli 2010: Deutschland trifft im WM-Viertelfinale auf Argentinien. Wieder haben die Südamerikaner mit Lionel Messi den begabtesten Spieler weltweit in ihren Reihen. Wieder wird über Sieg und Niederlage entscheiden, ob es gelingt, ihn auszuschalten. 1990 war genau das die Aufgabe des deutschen „Sechsers“ Guido Buchwald. Der damalige Profi vom VfB Stuttgart schenkte seinem genialen Kontrahenten nicht einen Ball – am Ende gewann Deutschland mit 1:0.

Morgenpost Online: Herr Buchwald, Sie müssen es wissen. Wie schaltet man argentinische Weltstars aus?

Guido Buchwald (49): Sie spielen auf das WM-Finale 1990 an, als ich gegen Diego Maradona gespielt habe…

Morgenpost Online: … besser gesagt: an die Kette gelegt.

Buchwald: Ich habe immer versucht, vor Maradona am Ball zu sein. Dass er gar nicht erst zu seinen Dribblings ansetzen konnte. Wenn er ihn doch mal bekommen hat, habe ich ihn immer nach außen abgedrängt.

Morgenpost Online: Ist Messis Spiel von heute vergleichbar mit dem von Maradona damals?

Buchwald: Ein Stück weit ähneln sie sich schon. Beide sind klein und haben einen niedrigen Körperschwerpunkt. In den Zeitlupen von heute sieht man manchmal, wie Messi fast quer in der Luft liegt, um sich um seine Gegenspieler herumzuwinden. Er ist nur sehr schwer vom Ball zu trennen.

Morgenpost Online: Also ist Manndeckung das richtige taktische Mittel?

Buchwald: Nein, das halte ich aus zwei Gründen für falsch. Erstens ist es nicht mehr zeitgemäß. Was passiert denn, wenn Messi sich einmal durchsetzt? Wer spielt denn dann gegen ihn?

Morgenpost Online: Einspruch. 1990 hat es auch geklappt. Buchwald gegen Maradona. Fertig.

Buchwald: Ja, aber ich hatte auch die Unterstützung meiner Kameraden. Wenn ich mal nicht da war, ist sofort ein anderer eingesprungen. Außerdem ist die argentinische Mannschaft von heute viel stärker als die 1990. Damals hat Maradona das Team im Alleingang ins Finale gebracht. Und heute? Higuain, Tevez, selbst Veron. Die Mannschaft ist viel ausgeglichener.

Morgenpost Online: Sami Khedria, sozusagen Ihr Nachfolger im aktuellen Team, hat gesagt, man könne Messi nicht ausschalten. Man müsse ihn im Kollektiv bekämpfen.

Buchwald: Das stimmt. Er braucht für sein Spiel viele Ballkontakte. Wenn die deutschen Spieler die verhindern können, indem sie immer die Passwege zustellen, wird Messi irgendwann entnervt sein. Das war bei Maradona auch so: Der hatte nach einer Stunde die Schnauze voll, weil er keinen Ball bekommen hat.

Morgenpost Online: Sie hatten damals sogar noch Zeit für Offensivaktionen.

Buchwald: Die müssen sich Schweinsteiger und Khedira auch nehmen. Es ist wichtig, dass die zentralen Mittelfeldspieler das Offensivspiel antreiben. Messi arbeitet nicht gern nach hinten. Über ihn müssen die Deutschen versuchen, sich eine Überzahl herauszuspielen. Wie gut sie nach vorne spielen können, haben sie gegen England gezeigt.

Morgenpost Online: Wie schätzen Sie den Trainer Maradona ein?

Buchwald: Sein Einfluss auf die Mannschaft ist trotz seiner Eskapaden gigantisch. Seine Erfolge, seine Ausstrahlung – daran orientiert sich jeder Spieler.

Morgenpost Online: Wie sieht es mit seinem taktischen Verständnis aus?

Buchwald: Ein Spieler seiner Klasse hat natürlich auch einen Blick für Spielsituationen. Er musste damals das Spiel lesen, und er tut es heute. Außerdem hat er fähige Leute an seiner Seite.

Morgenpost Online: Haben die Argentinier Schwächen?

Buchwald: So gut sie vorne sind, so verwundbar ist ihre Abwehr. Martin Demichelis hat schon bei zwei Gegentoren gepatzt. Ich glaube, dass die Deutschen mit ihrer Spielstärke dort die eine oder andere Lücke auftun werden.

Morgenpost Online: Was sagt ihr Bauch?

Buchwald: Ich habe ein gutes Gefühl, dass Deutschland weiterkommt.