Machen wir uns im Nachhinein nichts vor: Das Spiel war verloren. Aus und vorbei, Ende des Sommermärchens, wir waren besiegt und von den Argentiniern schon so gut wie nach Hause geschickt von der eigenen Weltmeisterschaft. 1:0 stand es für die Gauchos im Berliner Olympiastadion, sie hatten alles im Griff, ihren Jungstar Messi schonten sie schon fürs Halbfinale, und dann haben sie auch noch Crespo, ihren gefährlichsten Stürmer, lachend vom Platz geholt – von deutscher Seite war nichts mehr zu befürchten.

Warum Tim Borowski dann trotzdem noch mal per Kopf verlängert hat, müssen Sie ihn schon selber fragen – jedenfalls stand da vor dem argentinischen Tor plötzlich Miroslav Klose, der hat sich nach vorne geworfen, dem Ball über Kimme und Korn die Stirn geboten, lange Ecke, 1:1, und der Rest ist Geschichte. Elfmeterschießen, Deutschland weiter, Klose Torschützenkönig der WM 2006.

Als es um die Wurst ging, war er da.

Heute, vier Jahre später, geht es wieder um die Wurst, das Stadion steht diesmal in Kapstadt, Südafrika, und die Geschichte wiederholt sich, wieder Argentinien, wieder Viertelfinale (16.00, ZDF und Sky) – wieder Klose? Leicht wird es nicht, ahnt der, „die Argentinier wollen sich rächen, die haben das nicht vergessen, das sitzt tief bei denen“.

Doch Klose und die anderen Spieler sind voller Selbstvertrauen. „Sie werden nicht in der Kabine sitzen und hoffen, dass der Schiedsrichter nicht anpfeift“, hat Joachim Löw, der Bundestrainer, gestern gesagt. Und warnte zugleich: „Wir müssen aufpassen, dass wir keine Fehler machen. Denn Argentinien hat die Qualität, das eiskalt auszunutzen.“ Löw wurde pathetisch: „Wir sind uns bewusst, dass ein ganzes Land hinter uns steht. Wir sind stolz, hier für Deutschland zu spielen.“ Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt alles hinter sich, fliegt zum Viertelfinale ein.

Ob dann Lukas Podolski (Oberschenkelverhärtung) auf dem Platz stehen wird, war noch fraglich. Das Abschlusstraining sollte Aufschluss geben; Mesut Özil wurde geschont, sein Einsatz ist sicher. „Ich bin ruhig und gelassen“, sagte Löw, „weil ich an die Jungs glaube. Ich habe Vertrauen in alle.“ Und besonders in Klose.

Klose, der Strafraumschreck. Klose, der Hoffnungsträger. So verrückt ist Fußball, so schnell vergeht die Zeit. Da redet uns einer stark, der vor vier Wochen selbst noch so schwach war, dass neun von zehn Deutschen ihn beschimpft haben als unseren Klotz und Klose am Bein.

Geschlossen waren wir uns neulich noch einig: Dieser alternde Tolpatsch macht bei dieser WM kein Tor, ja wahrscheinlich nicht einmal ein Spiel, eher bricht er sich den Finger in der Nase. Und nun macht er heute gegen Argentinien sein 100. Länderspiel, und er hat sich den Weg dazu selbst freigeschossen mit seinem 50. Tor, letzten Sonntag gegen England, und zwar so, dass der südafrikanische Fernsehreporter geschrieen hat: „Diese Entschlossenheit! Schaut Euch das an – wie Klose unbedingt dieses Tor will!“

Menschenskind, sagt Miro Klose, „als kleiner Junge hat man ja die schönsten Träume. Aber 100 Länderspiele? Wahnsinn.“

Gerd Müller, unser einstiger „Bomber der Nation“ – auch der, hört man, schüttelt wegen Kloses Rückkehr ins fröhliche Stürmerleben fassungslos den Kopf.

Vor ein paar Wochen noch, als der gelähmte Vollstrecker wieder mal eine Chance verstolpert hatte, ist Müller daheim angeblich aufgesprungen, hat fuchsteufelswild den Fernseher ausgeschaltet, seine Nachbarn zusammengetrommelt und ihnen auf dem Sportplatz nebenan geschwind vorgemacht, wie er so was mitten in der Nacht als 64jähriger Rentner noch erledigt – in Hausschuhen, mit verbundenen Augen und mit dem Hintern soll er das Ding reingemacht haben.

„Vor dem Tor“, sagte Müller schon früher, „derfst net das Studieren anfangen.“

Das ist es, was Klose zu oft getan hat. Gegrübelt hat er, und wenn er dann frei vor dem Kasten stand, ist er verzweifelt wie ein Postbote, der den Brief nicht mehr durch den Schlitz bringt. Seine Körpersprache glich dabei der eines gequälten Hundes, der die Schlappohren hängen lässt, das Futter verweigert und nicht mehr bellt und beißt.

Da beneidet Klose manchmal diesen zwanzigjährigen frechen Hund, der neben ihm stürmt, diesen unbekümmerten Thomas Müller, der noch gar nicht ahnt, dass dem Raketenstart auf Wolke sieben irgendwann die Ladehemmung und der Absturz folgt, „der hat noch nicht den Schädel, sagt Klose, „um sich solche Gedanken zu machen.“

Er schon. Sein Schädel ist 32 und dafür alt genug, jedenfalls hat er ihn sich so oft schon zerbrochen, dass irgendwann nichts mehr ging und er zur Rettung am Ende schon einen im Rücken brauchte, der blind an ihn glaubte – zu seinem Glück war es auch noch der Bundestrainer.

Jogi Löw hat gestern noch mal in den höchsten Tönen erklärt, warum er Klose nicht fallen ließ, hören wir kurz rein: „Miro hat ein hohes Maß an Selbstkritik und Bescheidenheit. Er weiß die Dinge in seinem Leben richtig einzuordnen. Und er ist ein Spieler, der sich durch nichts aus dem Rhythmus bringen lässt, auch nicht in schlechten Phasen.“

Auch der Rückschlag gegen die Serben, als dieser übermotivierte spanische Stier mit der Pfeife im Gebiss schnaubend auf ihn losging wie auf ein rotes Tuch und ihn wegen zweimal Nichts des Feldes verwies, hat Klose nicht mehr aufhalten können, und unwidersprochen sagt er jetzt über sich und Löw: „Wir haben beide alles richtig gemacht.“

Das Ziel des wiedergeborenen Torjägers ist die EM 2012 in der Ukraine und Polen. Dort ist er geboren, in Oberschlesien, „ich liebe das Land und die Leute, und ich habe da Verwandte.“

Aber erst einmal sind jetzt die Argentinier dran, und da kennt Klose keine Verwandten. Blut hat er wieder geleckt, „es ist noch nicht zu Ende für uns bei dieser WM“, und ganz heiß ist er auf einen weiteren langen Abschlag von Manuel Neuer, oder auf eine Vorlage wie die von Borowski – damals. Die Argentinier können wieder kommen.

Klose weiß, wie es geht.