Die Erleichterung bei Britta Steffen war groß. Das Kratzen im Hals, das sie noch vor einer Woche plagte, ist rechtzeitig verflogen. Und so war die Schwimm-Olympiasiegerin am Dienstag am Tag vor dem Beginn der Deutschen Meisterschaften an der Landsberger Allee bester Laune. "Bei mir ist alles sehr harmonisch, es macht mir so viel Spaß wie nie", berichtet die 25-Jährige, zupft sich den weißen Kapuzenpullover zurecht und erklärt: "Ich habe bereits alles erreicht und bin völlig befreit."

Start über 50 und 100 m Freistil

Die Wettkämpfe in den kommenden Tagen wird Britta Steffen freilich gewohnt professionell angehen. Sie wird sich im Europasportpark auf ihre Rennen über 50 und 100 Meter Freistil fokussieren, den Tunnelblick einschalten, vor dem Start an ihrem silbernen Ring drehen und dann ihre maximale Leistung erbringen. Dabei lautet ihr großes Ziel, sich für die Weltmeisterschaften vom 17. Juli bis 2. August in Rom zu qualifizieren. "Der WM-Titel ist der einzige, der mir noch fehlt, den hätte ich schon gerne", sagt Steffen. Allerdings wird das kein leichtes Unterfangen, denn ihre größte Konkurrentin, die Australierin und Olympia-Zweite Lisbeth Trickett, ist zuletzt konstant 53 Sekunden geschwommen. "Wenn es mit dem WM-Titel nicht klappt", sagt Steffen, "dann ist das auch kein Weltuntergang."

Zehn Monate sind vergangen, seit die Studentin im Watercube in Peking zu Doppelgold schwamm und in den Armen von Franziska van Almsick ihren Tränen freien Lauf ließ. Fast unmenschlich groß war seinerzeit der Druck. Dieser ist nun weg. "Ich fühle mich frei wie nie zuvor", sagt Britta Steffen, und ihre blauen Augen funkeln. Die blonde Frau strahlt Lebensfreude und eine natürliche Fröhlichkeit aus. Britta Steffen ist gelassener geworden. Und entspannter. "Weil ich mir mit Olympiagold einen Lebenstraum erfüllt habe."

Nach den Sommerspielen hat die 25-Jährige erst einmal die Seele baumeln lassen, sie genoss mit Freund Oliver Wenzel den Mexiko-Urlaub und trieb ihr Studium zum Wirtschaftsingenieur voran. Erst zu Beginn dieses Jahres begann sie wieder mit dem ernsthaften Training an Land und im Wasser und schmiedete Pläne für die Zukunft. So entstand auch die Idee, für eine Zeit nach Australien zu gehen. Dienstagvormittag kamen die Flugtickets. Ende September fährt die Berlinerin für vier Wochen nach Brisbane und trainiert dort gemeinsam mit der australischen Freistilspezialistin Cate Campbell. "Ich will dort mein Englisch auf Vordermann bringen."

Seit jeher propagiert Britta Steffen die Einheit zwischen Körper und Geist. "Ich will meinen Körper trainieren und meinen Geist. Das ist für mich eine gute Definition von Leben, wenn man sich beides gönnt, das ist ein Luxus-Zustand", erzählt die Berlinerin. Schwierig sei daran nur, dass die Schwimm-Höhepunkte oft mit den Klausuren im Studium zusammenfallen würden. Aber Britta Steffen ist für ihre eiserne Disziplin bekannt, sie will die Herausforderung schaffen. "Und ich will ja auch keine Langzeitstudentin werden."

Spagat zwischen Sport und Studium

Den Spagat zwischen sportlicher Höchstleistung und arbeitsamer Studentin muss Britta Steffen auch jetzt wieder meistern. Am Montag tritt sie zur Marketing-Klausur an, da muss die Zeit zwischen Wettkampf, Ein- und Ausschwimmen bei den Titelkämpfen optimal genutzt werden.

Und dann muss sie auch den Ärger vergessen, den ihr die andauernde Diskussion über die Schwimmanzüge immer wieder bereitet. Der Streit habe dem Schwimmsport großen Schaden zugefügt, sagt sie. "Viele Athleten sind verunsichert, und junge Sportler sind der Meinung, dass sie nur mit einem Anzug schnell schwimmen können", sagt Britta Steffen, die moniert: "Die wenigsten Leute wollen den harten Weg gehen." Seit Monaten sorgt der Weltverband Fina mit seinem Schlingerkurs für große Verwirrung. So hatte er nach einer Exekutiv-Sitzung sechs Weltrekorde wegen der Unzulässigkeit der Anzüge aberkannt, zugleich aber andere, ebenfalls umstrittene High-Tech-Anzüge zugelassen und die damit erzielten Rekorde bestätigt. Nach der Trennung von Partner Adidas ist der Deutsche Schwimm-Verband noch auf der Suche nach einem offiziellen Ausrüster. Bei den Titelkämpfen in Berlin herrscht für die Teilnehmer aber ohnehin freie Wahl der Wettkampfanzüge.