Schwimm-Meisterschaft

Britta Steffen löst im zweiten Anlauf WM-Ticket

Britta Steffen und Paul Biedermann sind am letzten Tag der deutschen Meisterschaften in Berlin zur WM-Norm für Shanghai gekrault. Doch die Hoffnungsträger sind wohl andere.

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Wenn Bundestrainer Dirk Lange in den vergangenen Tagen seinen Blick durch die Schwimmhalle im Berliner Europa-Sportpark schweifen ließ, war er nicht immer glücklich mit dem, was er da sah. „Ein Teil unserer Nationalmannschaft ist im athletischen Bereich nicht voll ausgeprägt und hat Nachholbedarf“, sagt er. Marco di Carli (26) meint er damit nicht, der sei körperlich fit. Das war mal anders. Im Herbst vergangenen Jahres erschreckte di Carli noch beim Anblick seines Spiegelbildes. „Das war erbärmlich“, sagt der Rotschopf. Er wog nur noch 68 Kilogramm – bei 1,89 Meter Körpergröße.

Jetzt ist der 26-Jährige wieder bei durchtrainierten 80 Kilogramm – und der große Gewinner der Deutschen Meisterschaften und Hoffnungsträger für die Weltmeisterschaften in Schanghai (16.-31. Juli). Gleiches gilt für den Berliner Benjamin Starke (24), der am Sonntag im letzten Rennen alle verblüffte. Während die Etablierten wie Britta Steffen (27), Paul Biedermann (24) und die Deibler-Brüder streckenweise hinter den Erwartungen blieben und teilweise die vom Verband geforderte WM-Norm verpassten, katapultierte sich Starke über 100 Meter Schmetterling und di Carli am Sonnabend über 100 Meter Freistil an die Spitze der Weltjahresbestenliste. „Die Meisterschaften waren zehn Milliarden Mal besser als erwartet“, sagte di Carli, der am Sonntag noch Silber über 100 Meter Rücken hinter Helge Meeuw holte.

Für Steffen und Biedermann endeten die Meisterschaften versöhnlich, nachdem beide es vor dem letzten Finaltag verpasst hatten, die WM-Norm zu schwimmen. „Vom Hocker gehauen hat mich das nicht – ganz und gar nicht“, sagte Dirk Lange zu den ersten Endläufen. Nachdem Steffen am Sonnabend über 100 Meter Freistil die Norm noch ganz knapp verfehlt hatte, reichte ihre Siegerzeit über die 50 Meter jedoch aus. „Die Erleichterung ist groß“, sagte die Doppelolympiasiegerin nach ihrem zweiten Titel in Berlin: „Ich will aber mehr sein, als nur eine Normerfüllerin, deshalb bin ich nicht ganz zufrieden.“ Ihr Höhepunkt, auf den das Training ausgerichtet ist, sind ganz klar die Weltmeisterschaften – und dort will sie schließlich aufs Treppchen.

Das will auch ihr Freund und Doppelweltmeister Paul Biedermann. Der 24-Jährige war ebenso erleichtert wie Steffen, als er nach 200 Meter Freistil mit einer Körperlänge Vorsprung als Sieger anschlug und die WM-Norm in 1:45,72 erfüllt hatte: „Desto stärker die Gegner, desto stärker bin ich. Deshalb freue ich mich jetzt auf Schanghai.“ In der Weltjahresbestenliste hat er sich über die 200 Meter jetzt schon einmal auf Platz drei gehievt.

Insgesamt haben elf Schwimmer die geforderte Norm für die Weltmeisterschaften erreicht; der Berlinerin Dorothea Brandt (27) gelang das als einzige über zwei Strecken. Nach ihrem Sieg am Freitag über 50 Meter Brust schlug sie am Sonntag nur knapp hinter Britta Steffen im Kraulsprint an, unterbot aber dennoch die Norm. Nach 25 Metern sah es sogar so aus, als könne sie Steffen, der Weltrekordhalterin, den Tag vermiesen. „Platz zwei wäre ein Weltuntergang gewesen“, gab Steffen zu. Bis zur Weltmeisterschaft müsse noch einiges passieren.

Benjamin Starke, Steffens Teamkollege von der SG Neukölln, schaut bereits sehr optimistisch auf die Titelkämpfe. Sein Ziel ist zwar das Finale, der 24-Jährige hat aber so viel Selbstvertrauen und Glauben an seine Stärke, dass er sagt: „Wenn es weiter so gut läuft, ist eine Medaille drin.“ Damit zählt er zu einem erlesenen Kreis in Deutschland. „Wir haben eine kleine Anzahl von Sportlern, die auf den Einzelstrecken mitmischen können, und ansonsten noch ein gutes Stück zur Weltspitze“, sagte Bundestrainer Dirk Lange.

Kaum jemand hatte vor den Deutschen Meisterschaften damit gerechnet, dass auch Marco di Carli zu diesen Schwimmern gehört. Er galt schon als verlorenes Talent, als einer, der es einfach nicht packt, obwohl er doch so viel leisten könnte. Wenn er denn nur wollte. 2003 holte er zweimal Silber bei den Jugendeuropameisterschaften, 2004 kämpfte er sich ins olympische Finale und 2007 schwamm er schon einmal Deutschen Rekord. „Ich habe das Privatleben danach ein bisschen zu sehr genossen und persönliche Dispute mit mir selbst ausgekämpft“, sagt der angehende Kommissar, der über sich selbst sagt: „Ich habe eine große Fresse.“ An jenem Tag im Herbst vergangenen Jahres, als er seine 68 Kilogramm im Spiegel betrachtete, sagte er sich: „So kann es nicht weitergehen. Du hast das Talent, mach endlich etwas daraus.“ Er hielt Wort.