Morgenpost Online: Ein Champions-League-Finale ohne Barça oder Real. In Spanien müssen die Fußballanhänger schwer geschockt sein.
Bernd Schuster: Also, ich hatte zumindest mit einem der beiden im Endspiel gerechnet. Real hat es gegen Lyon erwischt, und wenn ich deren Spiel gegen die Bayern dann nehme, dann frage ich mich schon: Wie haben die das eigentlich gemacht? Aber Februar und März, das ist eine ganz gefährliche Zeit für spanische Mannschaften. Das kann ich aus Erfahrung sagen.
Morgenpost Online: Wieso war Barcelona nicht in der Lage, sich gegen Inter Mailand durchzusetzen?
Schuster: Barcelona hat im vergangenen Jahr alle Titel abgeräumt. So was kann dann natürlich im Folgejahr kaum noch gut gehen. Es ist schwierig, gegen so etwas anzukämpfen. Außerdem hat der entscheidende Wechsel nicht funktioniert – Eto’o gegen Ibrahimovic. Man kann sich keinen Mittelstürmer leisten, der in entscheidenden Spielen nicht trifft oder gar nicht dabei ist wie Ibrahimovic. Eto’o dagegen war ein Torgarant.
Morgenpost Online: Die Engländer sind nur noch Zuschauer. Sind Chelsea und Manchester United die großen Enttäuschungen dieser Saison?
Schuster: Die beiden gehörten sicherlich zum engsten Favoritenkreis, keine Frage. Aber die Bayern haben sich gegen ManU völlig verdient durchgesetzt. Das „Schweinetor“ von Ivica Olic war kurz vor der Pause spielentscheidend. Dann Arjen Robbens Traumtor, so etwas gehört zum Fußball dazu. Aber unterm Strich haben Sie völlig recht: Dass kein Spanier und kein Engländer im Finale steht, ist schon eine Sensation.
Morgenpost Online: Ihnen bleibt das Europa-League-Endspiel mit Fulham und Atletico. Wie kommt es, dass Deutschland auf einmal wieder in Europas Spitze mitspielt? Immerhin hat es der HSV auch bis ins Halbfinale der Europa League geschafft.
Schuster: Viele Mannschaften in Europa mussten finanziell ganz schön zurückschrauben. In Spanien sehe ich das an Villarreal, Sevilla und auch an Atletico. Einige mussten mindestens einen Gang zurückschalten.
Morgenpost Online: Real hat 250 Millionen Euro ausgegeben. Und in den Sand gesetzt?
Schuster: Natürlich waren das Riesenverpflichtungen mit Ronaldo und Kaka. Das war natürlich schon ein ganz besonderes Pärchen, das Real da geholt hat. Man hat aber gesehen: Du musst eine komplette Mannschaft haben, nicht nur einzelne Superstars. Das muss auch wachsen. Ich rechne damit, dass Real im nächsten Jahr eine weitaus wichtigere Rolle in der Champions League spielt.
Morgenpost Online: Bayern hat mit Arjen Robben einen Glücksgriff getätigt. Sie haben ihn 2007 zu Real geholt.
Schuster: Ja. Für 35 Millionen haben wir ihn damals von Chelsea geholt. Er hat eine Extraklasse. Die Bayern dürfen davon mehr Gebrauch machen, wir hatten damals viele Probleme mit seinen Verletzungen. Solche Rückschläge haben ihm in Madrid damals nicht gut getan. Ich dachte immer: Nein, das kann nicht wahr sein. Einmal hat er sich bei mir sogar beim Warmmachen verletzt. Da kommt er in die Kabine, und ich denke, er wechselt nur seine Schuhe. Da sagt er mir, er könne nicht spielen. Umso mehr freue ich mich, dass er bei den Bayern mal eine Saison so richtig gut durchspielen konnte.
Morgenpost Online: Was ist das Besondere an Robben?
Schuster: Er ist ein richtiger Profi, er lebt danach, trainiert so, wie er dann auch spielt. Außerdem ist er sehr selbstbewusst. Er traut sich Dinge zu, die sich andere nicht zutrauen. Wenn er einen Makel hat, dann höchstens den, dass er ab und zu ruhig mal den frei stehenden Mitspieler sehen könnte, anstatt draufzuhauen. Das übertreibt er manchmal ein bisschen.
Morgenpost Online: Arjen Robben, Ruud van Nistelrooy, werden noch mehr Spieler den Weg von Real in die Bundesliga finden?
Schuster: Metzelder geht zu Schalke. Ansonsten kann ich mir das nicht vorstellen.
Morgenpost Online: Oder steht Olic nach seinen drei Toren im Halbfinale bereits auf der Einkaufsliste der Spanier?
Schuster: Ja, gut. Das ist doch aber ganz normal. Wer gerade gut in Schuss ist, der steht in Spanien sehr schnell auf dem Zettel. Erst recht, wenn der Präsident Florentino Perez heißt. Olic ist ein wahnsinnig wertvoller Spieler. Er ist uneigensinnig, ein richtiges Arbeitstier. Schade, dass Mario Gomez oder Miroslav Klose nicht in der Lage sind, mit ihm ein gutes Pärchen zu bilden, dann wären die Bayern noch stärker.
Morgenpost Online: Es heißt, Manuel Pellegrini sei wegen der schwachen Champions-League-Saison so gut wie entlassen. Jetzt würde Jose Mourinho als Trainer zu Real kommen.
Schuster: Das ist typisch für Spanien, da würde ich nicht viel drauf geben. Wenn Real Madrid spanischer Meister wird, schauen wir erst mal. Wie es aussieht, wird es einen Punkterekord geben. Barça oder Real, wer von den beiden den Titel holt, wird mehr als 90 Punkte haben, das gab es noch nie. Insofern sage ich: Abgerechnet wird zum Schluss.
Morgenpost Online: Mourinho ist ziemlich speziell. Hat der auf gut Deutsch alle Tassen im Schrank?
Schuster (lacht): Er macht, was er will. Kritik interessiert den nicht. Er rennt mit erhobenem Finger über den Platz, so was macht halt nur ein Mourinho.
Morgenpost Online: Für welches Spielsystem steht er?
Schuster: Er ist ganz sicher nicht derjenige, der einem eine Fußballtorte hinlegt. Wer schönen Fußball sehen will, sollte sich keine Spiele von Mourinho-Mannschaften anschauen. Er liebt kompakten Fußball, das war schon bei Chelsea so. Er liebt Spieler, die körperlich unheimlich stark sind. Er hat immer sehr laufstarke Leute dabei, seine Spieler hören einfach nie auf zu rennen. Er lässt hinten sehr konsequent arbeiten. England, Italien – das passt zu Mourinho, aber Spanien? Ich weiß nicht.
Morgenpost Online: Louis van Gaal kennen Sie sehr gut. Wieso kann er, was Jürgen Klinsmann nicht konnte?
Schuster: Louis van Gaal bringt Ordnung in die Bayern-Mannschaft, er stellt ein Konzept auf und setzt es durch. Dass so einer Anlaufschwierigkeiten haben würde, war klar. Aber er hat seinen Stil präsentiert, ihn konsequent durchgezogen und damit Erfolg. Daran hatte ich nie Zweifel.
Morgenpost Online: Ist er wirklich so streng, oder ist das nur Fassade?
Schuster: Der ist schon so. Ich rede da ja jetzt wirklich aus Erfahrung. Wir waren als Spieler ja auch so – wir kontrollierten einen Trainer 24 Stunden am Tag. Hat er wirklich alle Ideen im Kopf? Hat er alles im Griff? Oder macht der einiges nur so auf Verdacht? Van Gaal lässt da nichts anbrennen. Da kann einer Ribery oder Robben heißen. Den packt der am Kragen, wenn er wegen einer Auswechslung sauer ist. Van Gaal hat Prinzipien, da lässt er nicht mit sich reden. Entscheidend aber ist, dass hinterher nie jemand schlecht über ihn geredet hat.
Morgenpost Online: Auch nicht, wenn er auf eine ungewohnte Position gesetzt wird wie Bastian Schweinsteiger.
Schuster: Ein gutes Beispiel. Schweinsteiger hat unter van Gaal große Fortschritte gemacht. Er war mit seinem Talent die letzten Jahre stehen geblieben. Er ist spielerisch gut, hat ein gutes Auge, rückt gefährlich in den Strafraum vor. Ihn auf eine Position zu setzen, wo er all dies so auch benutzen kann, zeigt das gute Näschen von van Gaal.
Morgenpost Online: Sehen wir Sie demnächst als Trainer in der Bundesliga wieder? Sie sollen in Wolfsburg im Gespräch sein.
Schuster: Ich würde mich sehr freuen. Ein Top-Klub aus der Bundesliga ist immer ein Thema. Ich hatte das Gefühl, dass der Name Bernd Schuster in Deutschland irgendwie nicht so gern gehört wird. Ich gebe es aber nicht auf, ich bin ja schließlich noch jung und habe ein paar Jahre vor mir. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass es irgendwann noch mal klappt.
Morgenpost Online: Auch in Berlin fällt der Name Schuster, wenn bei Hertha BSC vom Wiederaufstieg gesprochen wird.
Schuster: Gut, Dieter Hoeneß hat mich mal wegen Hertha angerufen. Allerdings genau an dem Tag, an dem ich damals bei Real Madrid unterschrieben habe. Jetzt aber in die Zweite Liga möchte ich nicht gehen. Ich habe da unten angefangen, das war eine gute Lehrzeit für mich. Jetzt kommt für mich nur die erste Liga in Frage.
Morgenpost Online: Um ein Haar wären Sie Nationaltrainer der Elfenbeinküste bei der WM geworden.
Schuster: Ja, ich hatte auch von Nigeria eine Anfrage. Ein Job für vier Monate. Als Trainer eine Weltmeisterschaft zu erleben, wäre schon eine ganz besondere Erfahrung gewesen. Interessante Angebote, zum Schluss aber hat es nicht geklappt.
Morgenpost Online: Gut möglich, dass im Sommer der Nationaltrainer-Posten in Deutschland frei wird. Würde Sie das reizen?
Schuster: Na ja, Schuster und die Nationalmannschaft, das ist in Deutschland ja leider auch wieder so ein Thema. Grundsätzlich wäre es eine spannende Herausforderung, als Nationaltrainer zu arbeiten. Eine mittel- bis langfristige Aufgabe fände ich reizvoll.
Morgenpost Online: Die deutsche Nationalmannschaft steckt ein bisschen in der Krise. Weil die Stürmer Klose und Gomez nur zugucken, während die Bayern in Europa gefeiert werden. Ist Löw gut beraten, sie mit zur WM zu nehmen?
Schuster: Wenn du als Trainer über Jahre deine Mannschaft hast, kannst du solche Spieler in einer schlechten Phase natürlich nicht gleich fallen lassen. Insgesamt sehe ich die deutsche Mannschaft derzeit aber ein wenig kritisch. Ich glaube nicht, dass sie bei der WM große Chancen hat.
Morgenpost Online: Wieso?
Schuster: Die letzten Länderspiele haben mir nicht gefallen. Mag sein, dass ich von den Spaniern hier ein wenig verwöhnt bin, aber für Deutschland bin ich nicht optimistisch. Mich würde es schon sehr überraschen, wenn wir das Halbfinale erreichen würden. Deshalb frage ich mich: Muss man jetzt mit diesen Spielern bei der WM untergehen, oder denkt man schon ein bisschen weiter und baut ein paar junge Spieler ein, denen die Zukunft gehört?
Morgenpost Online: Wie etwa?
Schuster: Kießling, Kroos, wenn ich solche Jungs sehe – Mensch, da liegt eine große Zukunft vor dieser deutschen Mannschaft. Im Tor machen wir es doch auch. Da haben wir mit Adler und Neuer zwei richtig gute Jungs. Mit 27 oder 28 werden die ihre kleinen Fehler nicht mehr machen, heute muss man ihnen solche Fehler noch eingestehen. Da hat man zwei richtig gute Torhüter für die Zukunft. Oder der Müller. Der hat sich bei den Bayern doch riesig entwickelt. Wer in der Champions League spielt, sogar im Finale, der kann doch auch in der Nationalmannschaft von Beginn an spielen.
Morgenpost Online: Kießling und Kuranyi sind derzeit die treffsichersten deutschen Stürmer. Sollte Löw sie mitnehmen?
Schuster: Absolut. Und ich sage ganz ehrlich: Lukas Podolski zur WM oder nicht – das wird eine schwierige Entscheidung. Jogi Löw muss sich hier selbst fragen: Wird das meine letzte WM und ich schaue, dass ich halbwegs gut raus komme aus der Geschichte, oder bin ich in der Zukunft selbst noch dabei? Dann wird er einiges anders entscheiden und schon jetzt mehr junge Leute einsetzen.




