Für einen Fußballprofi gibt es kaum etwas Schlimmeres, als im Training einen „Tunnel“ zu kassieren, also den Ball vom Kollegen durch die Beine gespielt zu bekommen. Am Mittwoch erwischte es Nachwuchsmann Henrik Dettmann, der von Ruud van Nistelrooy auf diese Art genarrt wurde. Der Stürmerstar des HSV zog mit voller Wucht ab, die Kugel zappelte im Netz. In diesem Moment wurde Dettmann zum Fan, starrte den prominenten Kollegen an und klatschte anerkennend Beifall. „Klasse, Ruud!“, rief Trainer Ricardo Moniz über den Platz, der nach der Einheit im Gespräch mit den Reportern erleichtert feststellte: „Van Nistelrooy wirkte sehr spritzig. Er wird von Tag zu Tag stärker.“

Zuletzt, beim Heimerfolg über Nürnberg (4:0), hatte der Niederländer zunächst auf seinen Landsmann verzichtet, erst im Verlauf der zweiten Hälfte kam der 33-Jährige zum Einsatz und erzielte einen Treffer. Empfahl sich van Nistelrooy damit für die Joker-Rolle im letzten Spiel dieser Bundesligasaison am Sonnabend bei Werder Bremen? „Nein“, versicherte Moniz und fügte erklärend hinzu: „Ruud hatte sich zwei Tage zuvor in Fulham für die Mannschaft aufgeopfert, er war einfach platt. Jetzt ist er wieder bei Kräften.“

Van Nistelrooy wird im Weserstadion auflaufen – und der Angreifer fiebert dem Nordderby entgegen. „Für mich ist es das erste Mal, aber viele Leute haben mir erzählt, dass eine große Rivalität herrscht zwischen diesen beiden Vereinen. Das sind ganz besondere Spiele“, sagte van Nistelrooy, der im Rückblick auf seine bisherigen Stationen blitzschnell einige Beispiele parat hatte: „In Holland ist es Ajax gegen PSV, in England Manchester United gegen Liverpool, in Spanien Real gegen Barcelona. Das sind Duelle, in denen es nicht nur um Punkte, sondern auch um Prestige geht. Die Fans leben solche Spiele.“

In Bremen bietet sich dem HSV die Chance, auf den allerletzten Drücker das Minimalziel – die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb – zu erreichen. Die Fakten: Ein Hamburger Sieg ist ebenso zwingend erforderlich wie eine Niederlage des VfB Stuttgart bei 1899 Hoffenheim. Die Ausgangslage ist also alles andere als rosig, dennoch herrscht Zuversicht. Van Nistelrooy: „Wir hoffen darauf, dass ein Wunder geschieht. Manchmal passieren verrückte Dinge.“

Im Januar war der Niederländer mit hohen Erwartungen von Real Madrid in die Hansestadt gewechselt. Er träumte vom Titelgewinn, rechnete aber zumindest fest damit, sich mit dem HSV für die Champions League zu qualifizieren. „Das ist mein Anspruch, das ist der Anspruch der Mannschaft und sicher auch der Vereinsführung. Unter dem Strich steht also Enttäuschung, weil wir nicht erreichen konnten, was wir uns vorgenommen hatten“, sagte van Nistelrooy.

Nun droht dem Superstar eine Saison ohne Vorstellungen auf der internationalen Bühne. Die Entscheidung, sich im vergangenen Winter aus einer Vielzahl interessanter Angebote für die Offerte des HSV entschieden zu haben, bereut der Hamburger Publikumsliebling dennoch nicht: „Das ist ein Klub mit großen Möglichkeiten“, sagte van Nistelrooy und versicherte im Gespräch mit Morgenpost Online ONLINE: „Ich bleibe beim HSV, das steht zu 100 Prozent fest. Und ich werde alles dafür tun, um dem Verein zu helfen, den nächsten Schritt zu vollziehen.“

Zum Abschluss seiner ersten Halbserie in der Bundesliga hofft van Nistelrooy auf einen Knalleffekt in Bremen – und ein persönliches Happy End: die Teilnahme an der WM. Zum Lehrgang der niederländischen Auswahl Mitte Mai wurde er im Gegensatz zu seinen Teamkollegen Joris Mathijsen und Eljero Elia zwar nicht eingeladen, nach einem Telefongespräch mit Nationalcoach Bert van Marwijk ist er aber zuversichtlich: „Alles ist offen.“