Manchmal stimmt es ja doch: dass man sich immer zweimal sieht im Leben. Ein kühler Oktobertag 1999, das erste Mal ist elf Jahre her. Wir saßen auf der Wiese hinterm Duisburger Stadion, das damals noch Wedau-Stadion hieß. Inka Grings trug ein kesses Zöpfchen im Haar und darunter Träume spazieren. Sie war 20, wollte alsbald Deutsche Meisterin werden, Torschützenkönigin, und so nebenbei auch den Frauenfußball in Deutschland nach oben schießen. Er habe es verdient. Und sie? Sowieso.

Elf Jahre später ist das Stadion verschwunden, abgerissen 2003, heute steht hier die moderne MSV-Arena. Inka Grings, mittlerweile 30, aber erst seit kurzem erwachsen, ist immer noch in Duisburg, Dem FCR hält sie die Treue, schon als der Klub noch FC Rumeln-Kaldenhausen hieß, hat sie hier gekickt, 15 Jahre am gleichen Ort, das ist beachtlich, denn sie ist Profi und spielen Profis nicht immer da, wo am meisten zu holen ist? „Es gab nie einen Grund zu wechseln“, sagt sie bloß, sie hat gerade erst bis 2012 verlängert. Die Knete stimmt wohl, das Umfeld auch. Sie hat Sponsoren, Werbepartner, ein gutes Leben. Und die Träume von damals? „Super. Es ist toll gelaufen. Für den Frauenfußball und für mich.“

Gemeinsam brechen sie alle Rekorde. 38 Tore in der Saison 2000, über 300 in der Bundesliga überhaupt, da kommt so schnell keiner ran. Und am Samstag muss der nächste Rekord dran glauben: Inka Grings steht mit dem FCR Duisburg im Finale um den DFB-Pokal gegen den USV Jena. Neu ist und somit ein Durchbruch: Das Frauenendspiel ist nicht mehr nur das Vorspiel für das Männerfinale. Das war immer etwas unwürdig, das Olympiastadion so früh erst viertelvoll, keiner war wegen der Frauen gekommen, so spielten sie vor sich hin, völlig fehl am Platze, ganz zu recht fühlten sie sich als Anhängsel.

Heute: Die Frauen haben endlich ihr eigenes Finale, es findet am Samstag (16.00 Uhr) zum ersten Mal im Kölner Stadion statt, und sieh mal einer an, die Leute interessieren sich sogar dafür. Vielmehr: die Kölner, von denen es heißt, einer brauche nur das Gerücht zu streuen, Lukas Podolskis Cousine sei auch da, schon kommen sie in Scharen: 22.000 Karten sind bereits im Vorverkauf weg, vermutlich wird der Europarekord geknackt, die Bestmarke für ein nationales Frauenvereinsspiel steht bei 24.582, so viele wurden 2008 beim englischen Pokalfinale zwischen Arsenal London und Leeds United gezählt. „Der Rekord ist fällig“, Inka Grings ist geradezu euphorisch, und das hat Gründe.

"Traum geht in Erfüllung"

„Für mich geht ein kleiner Traum in Erfüllung. Ich bin schon immer Fan des 1. FC Köln, jetzt darf ich im FC-Stadion spielen, nirgendwo in Deutschland ist mehr Begeisterung, mehr Leidenschaft auf den Tribünen.“ Und die „Höhner“ spielen auch noch dazu. Und wenn wir jetzt auch mal kurz über den Sport reden könnten: „Wir sind haushoher Favorit. Wir haben den Druck, aber auch das Selbstvertrauen, es wird ein tolles Spiel mit vielen Toren“, und mindestens eins davon, versprochen, Marke Grings.

Das Pokalfinale ist der Beweis: der Frauenfußball hat sich etabliert, ist emanzipiert, von den Männern anerkannt, vor allem in Deutschland kennt er nur eine Richtung: nach oben. Nirgendwo auf der Welt sind die Bedingungen, sind die Mannschaften besser, und die Krönung steht ja erst noch bevor: die WM 2011 im eigenen Land, „das wird ein Riesending“. Grings schwärmt: „Wir sind fast an der Spitze des Möglichen. In der Gesellschaft etabliert, das Niveau ist kaum zu toppen.“

Nun sollte auch erwähnt werden, dass unter all den Superlativen der Name Inka Grings ganz groß geschrieben wird. Vielleicht war in der Vergangenheit etwas zuviel von Birgit Prinz die Rede, längst ist die Duisburgerin an der Sturmpartnerin vorbei gezogen, erstmals nach acht Jahren Prinz wurde 2009 in Grings eine andere „Fußballerin des Jahres“, Stimmen: 343:97. „Deutlich“, sagt Grings bloß. Bei der Wahl der Weltbesten belegte sie Platz fünf, „eine Belohnung für alles“, sagt sie, „ein neuer Antrieb, das hat mich noch mal gekitzelt.“

Was noch fehlt: Deutsche Meisterin war sie noch nie, auch diesmal wurde der FCR Duisburg bloß Zweiter hinter Turbine Potsdam, immerhin, Qualifikation für die Champions League inklusive, den Uefa-Pokal haben sie seit 2009 und im Pokal sind sie Titelverteidiger. Es hätte hier und da etwas mehr sein können für Inka Grings, doch manchmal stand sie sich etwas sehr selbst im Wege, Beiname: „Die Streitbare“. Es gab Zeiten, da stritt Grings mit Gott und der Welt, als sie im Jahr 2000 im Verein die Ablösung des Trainers Dietmar Herhaus forderte („Er oder ich“) war sie erst mal weg vom Fenster, vier Wochen lang, dann musste doch der Trainer gehen, und sie kam zurück.

Aus Erfahrung klug

Dann moserte die Streitbare wegen einer Nichtnominierung nach einer Verletzung öffentlich gegen Bundestrainerin Silvia Neid, da fackelt der DFB nicht lange, heißt: Laufpass statt Doppelpass, sie flog aus der Mannschaft, erst nach drei Jahren durfte sie 2009 geläutert wiederkommen. Ob da nun Reue ist oder nicht, „ich kann’s eh nicht mehr ändern“, sie haben sich auf den Terminus „Kommunikationsstörungen“ geeinigt und sich wieder vertragen. Inka Grings gesteht ja auch, dass sie halt manchmal mit ihrer „ausgeprägten Emotionalität“ zu kämpfen habe, eher hatte, sie benahm sich auf dem Platz daneben, schimpfte, meckerte, und immer waren alles die anderen schuld.

Schluss damit, im Grunde ist sie doch ein verträglicher Mensch, jetzt ist sie gereift, erwachsen, aus Erfahrung klug. Die Wunschliste von 1999 ist ja auch noch nicht ganz abgehakt, im Gegenteil, sie ist um einen Posten länger geworden. Hoch hinaus will sie noch, ganz hoch, nicht weniger als „Weltfußballerin des Jahres“ werden. 2011, die WM zu Hause, ein besseres Datum dafür wird sie kaum finden.

Schade, dass sie das Auto gewechselt hat. Der Seat Exeo, ein Kombi, ist so vernünftig. Damals, elf Jahre her, da musste sie für ihren Opel Corsa noch selbst aufkommen. Am Heck klebte ein Spruch, der sich in den Jahren danach bewahrheiten sollte: „Ich bin ein Siegertyp.“