Morgenpost Online: Vor einem Jahr hatte Uli Hoeneß Folgendes gesagt: Bastian Schweinsteiger muss sich entscheiden, ob er Mitläufer sein will oder Verantwortung übernimmt. Jetzt wäre doch der richtige Zeitpunkt für eine Antwort.

Bastian Schweinsteiger: Die beste Antwort gibt man auf dem Platz. Und ich denke, das habe ich getan.

Morgenpost Online: Sie sind der Spieler mit den meisten Ballkontakten und einer der zweikampfstärksten der Liga. Ihre Saison steht sinnbildlich für die des FC Bayern. Es fing eher mäßig an. Seit Louis van Gaal Sie im Herbst in die Zentrale beordert hat, läuft es auch beim FC Bayern.

Schweinsteiger: Theoretisch kann man das so sehen. Aber ich bin nur ein Teil. Natürlich hat sich für mich einiges getan. Dadurch, dass mich der Trainer zum dritten Kapitän ernannt hat, habe ich viel mehr Verantwortung gegenüber der Mannschaft bekommen. Ich spiele jetzt auf meiner Lieblingsposition und bin sehr viel am Spiel beteiligt, habe viele Ballkontakte und Verantwortung. Ich muss mit Mark van Bommel schauen, dass wir kompakt stehen. Wir steuern ja mehr oder weniger unser Spiel und geben den Takt vor. Das ist meine neue Aufgabe. Was sich wirklich geändert hat, ist, dass das nun auch öffentlich wahrgenommen wird.

Morgenpost Online: Es ist noch nicht allzu lang her, da wurden Sie von den eigenen Fans ausgepfiffen. Auf der Jahreshauptversammlung im November waren Sie der Buhmann.

Schweinsteiger: Das war hart, das hat mich damals sehr getroffen als bei meinem Namen so gepfiffen wurde. Ich bin ja nun auch schon ein paar Jahre bei Bayern, habe ein paar Titel gewonnen und habe immer versucht, mein Bestes für den Verein zu geben. Ich habe immer im Dienste der Mannschaft gespielt, das war mir immer wichtiger. Anscheinend kam das nicht so rüber.

Morgenpost Online: Dann muss es doch Genugtuung für Sie gewesen sein, dass es im letzten Heimspiel, als Sie van Gaal ein paar Minuten vor Schluss auswechselte, Standing Ovations gab.

Schweinsteiger: Einerseits war das ein schönes Gefühl. Aber ich habe immer noch die Pfiffe von der Jahreshauptversammlung im Ohr. Genau das ist es, was der Trainer vor dem Spiel gegen Bochum gesagt hat. Man sollte die Mannschaft nicht nur unterstützen, wenn es gut läuft. Sondern auch, wenn es nicht so läuft. Für mich ist es schön, wenn die Fans feiern und Spaß haben. Aber das ist für mich nicht so entscheidend. Mir ist der Erfolg der Mannschaft viel wichtiger. Weil ich weiß, wie schnell es gehen kann. Es gab Tage, da wurde ich nach 20 Minuten und dem ersten Fehlpass ausgepfiffen. Und jetzt wirst du gefeiert, wenn du den Platz verlässt. Es wäre ein schönes Gefühl für die Mannschaft, wenn sich das ändern würde. Das würde uns noch mehr positive Energie geben.

Morgenpost Online: Muss man als Profi nicht immun gegen so etwas sein?

Schweinsteiger: Natürlich bin ich so weit, dass mich das nicht mehr groß beeinflusst. Aber nehmen wir den Saisonbeginn. Wir hatten viele neue Spieler. Die spielen dann die ersten paar Male, es läuft allgemein nicht so in der Mannschaft, und dann werden sie ausgepfiffen. Mich hat das wütend gemacht, ich habe das nicht verstanden. Der Trainer war ja manchmal fast gezwungen, einen Spieler nicht aufzustellen, um ihn zu schützen vor den eigenen Fans. Das darf normalerweise nicht sein.?

Morgenpost Online: Sie haben sich zuletzt gewandelt, legen wert darauf, nicht mehr Schweini zu sein, sondern Bastian Schweinsteiger. Wieso?

Schweinsteiger: Ja, und ich bin froh, dass das auch so wahrgenommen wird. In den Medien war ich oft nur der Glamourboy. Alle wissen, welches Auto du fährst, du hast eine Modelfreundin, du wohnst im In-Viertel, du färbst dir die Haare. Und jeder denkt, du musst so spielen wie bei der WM 2006. Aber das war nicht so gegeben. Bei Bayern ist es anders als bei der Nationalmannschaft zu spielen. Das alles waren Punkte für das Bild, das die Menschen von mir hatten. Das öffentliche Bild von mir war anders als ich in Wirklichkeit war.

Morgenpost Online: Haben Sie sich denn geändert?

Schweinsteiger: Ich habe mich weiterentwickelt, aber das ist ein ganz normaler Reifeprozess, den jeder durchläuft. Letztlich war es für mich immer wichtig, Erfolg zu haben. Dem habe ich schon immer viel untergeordnet. Deshalb ist es auch das schönste Gefühl, dass wir jetzt soweit gekommen sind wie schon lange nicht mehr. Und wir haben in dieser Saison Fußball gespielt, der nicht oft gespielt worden ist bei Bayern München. Ich glaube, dass war der schönste Fußball. Das Wichtigste für mich jedoch war der Meistertitel. Wir haben einen neuen Trainer, einen neuen Sportdirektor, relativ viele neue Spieler und junge Spieler, die Meisterschaft wollte ich unbedingt gewinnen.

Morgenpost Online: Und es muss nicht beim Meistertitel bleiben.

Schweinsteiger: Das stimmt, wir haben jetzt die Chance, die Saison zu vergolden. An der Säbener Straße hängen die ganzen Bilder von früher. Manchmal stellst du dir vor, da könnten wir hängen, wenn wir das Triple holen. Das hat noch keine Bayern-Mannschaft geschafft. Und das ist mein Ziel.

Morgenpost Online: Was macht den FC Bayern in dieser Saison so stark?

Schweinsteiger: Der Trainer hat seine Art von Perfektionismus auf die Mannschaft übertragen. Er will in jeder Tabelle ganz oben stehen: In der Meisterschaft, er will die beste Abwehr haben und den besten Angriff auch. Dann macht uns die Dominanz so stark. Wir sind fitter als in den letzten Jahren. Wir haben in der Vorbereitung nur mit dem Ball trainiert. Wir können auch in der 80. oder 90. Minute noch mal zuschlagen. In 90 Prozent der Spiele war der Gegner nach der 70. Minute platt. Wir hätten immer noch zulegen können. Hinzu kommt dieser Wille. Wir sind mental sehr stark, wir sind eine Charaktermannschaft.?

Morgenpost Online: Auch, weil keiner Stunk macht?

Schweinsteiger: Ja, das mag banal klingen, aber das ist der Hauptgrund, warum wir so erfolgreich sind. Das kann man gut vergleichen mit der Nationalmannschaft. Da haben wir auch keinen, der quer schießt. Der Teamgeist ist unsere Stärke, bei Bayern und in der Nationalmannschaft. Da freut sich jeder, wenn einer ein Tor macht. Und jeder leidet mit, wenn wir eines bekommen. Nehmen wir Hamit Altintop. Er spielt gegen Lyon super, spielt am nächsten Wochenende gegen Bochum gar nicht. Diese Situation ist für einen Spieler extrem schwierig. Dennoch stellen sich alle in den Dienst der Mannschaft. Nur so haben wir jetzt die Chancen auf drei Titel.?

Morgenpost Online: Titel Nummer zwei wäre der Pokaltriumph am kommenden Samstag. Da wird nur Werder Bremen etwas dagegen haben. Was erwarten Sie für ein Finale?

Schweinsteiger: Bremen ist sehr gut drauf. Sie spielen einen besseren Fußball, als sie es vor drei, vier Monaten getan haben. Sie haben mit Claudio Pizarro einen Weltklassestürmer. Aber wir sind stark genug, um das Finale zu gewinnen. Wenn wir 100 Prozent unseres Leistungsvermögens abrufen, dann gewinnen wir den Titel.

Morgenpost Online: In Anbetracht dessen, dass eine Woche später das Champions-League-Finale stattfindet, muss doch der Pokal doch verblassen.

Schweinsteiger: Nein, das sehe ich nicht so. Das ist für uns kein Titel zweiter Klasse. Das wird einfach ein wunderschöner Abend. Auf der einen Seite die roten Fans, auf der anderen die grünen. Das allein schon ist pure Motivation. Ich habe vier Mal das Double gewonnen. Und das will ich jetzt zum fünften Mal. Außerdem zählt sich das viel leichter auf. Wenn mich einer fragt, müsste ich sonst sagen, fünf Mal Meister, vier Mal Pokalsieger.

Morgenpost Online: Vier Double, ein Triple würde allerdings noch besser klingen.

Schweinsteiger: Stimmt, das wäre noch schöner. Und das ist auch mein Ziel. Aber ich befasse mich noch gar nicht mit dem Champions-League-Finale. Das mag komisch klingen, aber ich denke Schritt für Schritt. Für mich ist das am einfachsten. Das Schwierigste an den vergangenen Wochen war das schnelle Umschalten von Champions League auf Bundesliga und wieder zurück.

Morgenpost Online: Dann haben Sie sich auch noch keine Gedanken über Finalgegner Inter Mailand gemacht?

Schweinsteiger: Als sie ihr Halbfinale gespielt haben, haben wir uns das natürlich angesehen. Da schaut man, was können sie leisten, was klappt, was nicht. Ich hatte Lucio auch direkt danach eine SMS geschrieben und gratuliert. Aber Inter habe ich momentan nicht im Kopf.?

Morgenpost Online: Welche Auswirkungen hätte ein Champions-League-Triumph für die Nationalelf. Immerhin stehen sieben Bayern-Spieler im WM-Kader.

Schweinsteiger: Ich denke, dass unser Abschneiden schon jetzt Auswirkungen hat. Wir sind so weit gekommen, wir haben uns extrem viel Selbstbewusstsein erspielt. Wir wissen, was wir leisten können. Aber wenn wir mit diesem Titel anreisen würden, würde dies das Team natürlich noch einmal pushen.?

Morgenpost Online: Was hat der FC Bayern, das die Nationalmannschaft nicht hat?

Schweinsteiger: Bei Bayern haben wir Spieler in den Reihen, die außergewöhnliche Qualitäten besitzen. Bei der Nationalmannschaft ist es so, dass wir durch die Gemeinschaft weltklasse sein können. Wir haben Spieler mit sehr guten Fähigkeiten, aber wir müssen als Team funktionieren, dann können wir alles erreichen. Das müssen wir in jedem Spiel zeigen. Bei Bayern war es in den vergangenen Jahren so, dass manchmal auch nur Qualität gereicht hat.

Morgenpost Online: Bereitet es Ihnen Sorgen, dass das Formbarometer einiger Nationalspieler nicht nach oben zeigt? Nehmen wir allein Klose und Gomez, die bei Ihrem FC Bayern nur auf der Bank sitzen.

Schweinsteiger: 2008 war es bei mir ja ähnlich. Da habe ich auch nicht immer über 90 Minuten gespielt. Und trotzdem wurde es für mich eine gute EM. Ich denke nicht, dass man die Situation im Klub eins zu eins auf die Nationalmannschaft übertragen kann. Auch vor der WM 2006 waren wir nicht alle in Topform. Trotzdem wurden wir Dritter. Wir haben noch eine Vorbereitung, die werden wir nutzen. Ich sehe das nicht so pessimistisch.