Auch nachdem er gegen Leverkusen die Tabellenspitze schon zum zweiten Mal wie ein Meister verteidigt hatte, blieb Felix Magath in der Defensive. Geld würde er auf die Bayern setzen, sagte der Supervisor des VfL Wolfsburg auf die Frage nach dem Titel. Noch vor zwei Wochen hatte er gar erklärt, er sei sich nicht mal sicher, ob der Vorsprung überhaupt reiche, um in den Uefa-Cup zu kommen, und der sei ja weiter das Ziel. Es passt zu dieser Saison, der verrücktesten seit Langem.
Sechs Mannschaften waren schon Tabellenführer, nur die nicht, die sich den Titel zum absoluten Ziel gesetzt hat: Bayern München.
Die Schwäche des Rekordmeisters geht einher mit einem Zusammenbruch der alten Werteordnung der Bundesliga, denn auch die anderen üblichen Titel-Verdächtigen straucheln. Werder Bremen und Schalke 04 sind nicht mal unter den ersten fünf und drohen den Zug ins internationale Geschäft zu verpassen. Von den alten Bayern-Rivalen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen ganz zu schweigen. Sie aber gehören noch zu den zehn Klubs, die für die Teilnahme am neuen Uefa-Pokal, der künftig Europa League heißen wird, infrage kommen.
Der Tabellenzehnte Werder Bremen gehört nur dank seiner Teilnahme am laufenden Uefa-Cup und im DFB-Pokal noch dazu, auch Leverkusen setzt auf die Hintertür Pokal. Sicher ist also gar nichts in der engsten Tabelle seit acht Jahren (siehe Info-Kasten).
In dem Maße, in dem die allgemeine Unsicherheit die Fans erregt, erschwert sie den Managern das Leben. Überall werden „Was wäre, wenn?“-Szenarien entworfen. Gerade in Zeiten, da gesamtwirtschaftlich niemand voraussehen mag, was wird und die Etats der Liga allgemein reduziert werden, müssen sie viele personelle Entscheidungen weiter zurückstellen, Verhandlungen sind oft sinnlos.
Bezeichnend, was Werder Bremens von Chelsea ausgeliehener Stürmer Claudio Pizarro sagt: „Ich werde mich mit Werder direkt nach der Saison zusammensetzen. Es ist für mich natürlich wichtig, im nächsten Jahr international zu spielen. Man muss sehen, wie die Saison endet, denn wir haben noch zwei Möglichkeiten, einen Titel zu holen.“
Suche nach ablösefreien Spielern
Berlins Andrej Voronin hat die Geduld nicht mehr und trotz der Option auf die Champions League seine Rückkehr nach Liverpool angekündigt. Hertha BSC hat ihm zu lange gezögert, die rund vier Millionen Euro Ablöse zu investieren. Es kann ja schließlich sein, dass der März-Tabellenführer noch ganz rausrutscht aus den internationalen Rängen. Eine Weiterbeschäftigung wäre für beide Seiten undenkbar. Nur wer in die lukrative Champions League kommt, auf die die ersten fünf reelle Chancen haben, kann großzügiger agieren.
Manager Dietmar Beiersdorfer, mit Hamburg noch in drei Wettbewerben: „Das Investitionsvolumen im Sommer ist in erster Linie davon abhängig, ob wir uns für die Champions League qualifizieren. Das ist die entscheidende Stellschraube.“ Denn wer seriös planen will, kann nicht mit Einnahmen aus dem neuen Uefa-Cup rechnen. Erst nach Überstehen eines K.-o.-Spiels ist in drei garantierten Heimspielen wirklich etwas zu verdienen, je nach Los.
Aber wer den Uefa-Cup verpasst, muss mit Einbußen rechnen. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Es wird schwieriger, Banden zu vermarkten oder Spieltag bezogene Events mit Firmen zu veranstalten.“ Eine Folge: Sein BVB sucht vorerst nur nach ablösefreien Spielern.
Wer dagegen in die Champions League kommt, kann mit 15 Millionen Euro Garantieeinnahmen planen. Das ist auch für die Reichsten von Bedeutung, zumal wenn sie eine Abfindung für den Trainer-Stab und einen neuen Nachfolger von Format finanzieren müssen. Bayern München, das diese Saison international rund 50 Millionen Euro verdiente, muss unbedingt dabei sein, hat Franz Beckenbauer neulich betont. Das sei wichtiger als die Meisterschaft. Ihm reicht Platz zwei, der bedeutet schließlich auch die direkte Qualifikation, sichert den Status als Luxusliner der Liga-Flotte und die Anziehungskraft auf das kickende Personal. Das ist wichtig, wie sie nicht nur in Hamburg wissen.
Unbeliebter dritter Platz
Als der HSV 2006 am letzten Spieltag Werder Bremen noch Platz zwei überließ, soll der Argentinier Carlos Tevez seine Zusage zurückgezogen haben. Dabei erreichte der HSV als Dritter 2006 ebenfalls die Champions League, doch das stand erst Ende August nach zwei Qualifikationsspielen fest.
Der dritte Platz erfreut sich daher nicht allzu großer Beliebtheit, erweitert er doch die Planungsunsicherheit um drei Monate. Das entscheidende Spiel ist am 26.August 2009, fünf Tage später schließt das Transferfenster. Dieter Hoeneß, Manager von Hertha BSC, gab zu: „Probleme würde uns das schon bereiten. Wir schieben das aber weit weg. Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, Dinge zu planen, die wir nicht planen können.“
Nach verkorkster Vorrunde wäre für den VfB Stuttgart der am Samstag erstürmte dritte Platz dagegen wie ein Sechser im Lotto. Sportdirektor Horst Heldt stöhnt: „Wir müssen schon im dritten Jahr hintereinander dreigleisig planen.“ Erreicht der VfB noch die Champions League, wird er seinen Etat um zehn Millionen auf 100 Mio. Euro erhöhen. Nur dann wäre Mario Gomez zu halten. Der Uefa-Cup reicht ihm nicht mehr. Bei Schalke 04 ist er im Moment die Endstation Sehnsucht. Unter dem Eindruck einer Chaos-Saison hat sich der Klub am 24. März von internationalen Zusatzeinnahmen verabschiedet. „Wir sind in allen drei Wettbewerben gescheitert. Deshalb werden wir mit einer jungen, hungrigen Mannschaft in die Zukunft gehen“, sagte Präsident Josef Schnusenberg damals vor geladenen Gästen. Im Lizenzspielerbereich sollen „acht bis zehn Millionen Euro eingespart werden“.
Gelassenheit in Hoffenheim
Transfers von Stars mit hohem Markwert dürften unausweichlich sein. Möglich, dass Kevin Kuranyi und Rafinha verkauft werden müssen, solange es noch Ablösesummen für sie gibt. Aber seitdem hat Schalke drei Mal gewonnen und wieder Chancen auf Platz fünf. Das verkompliziert einiges. Kann man mit einer unerfahrenen Mannschaft wieder auf die Europacup-Bühne und mit Mike Büskens den dafür verantwortlichen Trainer wirklich entlassen? Am Uefa-Cup kann auch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung hängen. Doch erst muss unabhängig vom Saisonausgang entschieden werden, wer eigentlich entscheiden soll. Schalke 04 hat weder einen Manager noch einen Chef-Trainer und ist im Klub der Ratlosen ein Sonderfall.
Ergebnisbezogener sind die Personalien dagegen beim VfL Wolfsburg. Allein-Entscheider Felix Magath sucht einen Manager zu seiner Entlastung. Käme der VfL in die Champions League, wird aus dem dreifachen nur noch ein zweifacher Felix (Trainer, Geschäftsführer). Magath sagt: „Die Champions League würde unsere Situation stark verbessern. Ich würde den Kader aufstocken und den einen oder anderen Spieler holen, der auf diesem Niveau spielen kann. Auch würden wir wahrscheinlich weitere Mitarbeiter im administrativen Bereich einstellen.“
Sogar der Transfer von WM-Teilnehmer Robert Huth, in Middlesbrough fast in Vergessenheit geraten, hängt daran. Gelassen sieht nur der abgestürzte Herbstmeister Hoffenheim die Situation, existenzielle Fragen stellen sich nicht. „Für uns gibt es keine Planungsunsicherheit“, sagt Manager Jan Schindelmeiser, „selbst wenn wir jetzt schon wüssten, dass wir in den Europapokal kommen, würden wir im Sommer dieselben Spieler holen.“ Beneidenswert. Ansonsten gilt: Geld ist diese Saison mehr wert als Titel.




