74 Tage vor dem WM-Start hat die Diskussion um ein Comeback von Kevin Kuranyi in der deutschen Nationalmannschaft eine neue Dimension erreicht.

Kein Geringerer als Franz Beckenbauer macht sich öffentlich vehement für eine Begnadigung des derzeit erfolgreichsten Torjägers der Bundesliga stark und erhöht damit den Druck auf Bundestrainer Joachim Löw.

„Wir wollen in Südafrika den vierten Weltmeister-Stern. Und dafür brauchen wir jeden Top-Spieler. Auch Kevin Kuranyi“, schrieb der „Kaiser“ am Montag in seiner "Bild"-Kolumne.

Nach den Saisontoren Nummer 16 und 17 des Schalkers am vergangenen Samstag zum 2:0 beim direkten Titelkonkurrenten Bayer Leverkusen sieht sich Beckenbauer endgültig in seiner Meinung bestätigt, dass Kuranyi begnadigt werden sollte. „Es kann ja nicht sein, dass ich den besten Stürmer - und das ist der beste Stürmer - der das ganze Jahr über trifft, lebenslang sperre“, sagte der „Kaiser“ beim Abo-Sender Sky und empfiehlt Löw, die Verbannung nach Kuranyis „Fahnenflucht“ beim Russland-Länderspiel am 18. Oktober 2008 in Dortmund aufzuheben.

„Dieser Verstoß musste scharf bestraft werden. Aber das war im Oktober 2008. Löw hätte sich nicht so früh festlegen sollen, Kuranyi für alle Zeiten für die Nationalelf zu sperren. 'Lebenslänglich' für einen Fußballer? Diese Strafe erschien mir immer schon für überzogen. Doch jetzt wird sie zu einem Problem für die Nationalelf“, sagte Beckenbauer. Das Nationalteam sei keine Angelegenheit von ein paar beteiligten Personen, die ein Problem miteinander haben, „die Nationalmannschaft gehört uns allen“.

Kuranyis bestechende Form und die seit Monaten indiskutablen Vorstellungen des Münchners Miroslav Klose und des Kölners Lukas Podolski liefern auch Schalkes Trainer Felix Magath zusätzliche Argumente für Kuranyi: „Ich würde jedem Trainer empfehlen, sich nicht so früh festzulegen. Man hat es nicht ahnen können, dass es ausgerechnet so weit kommt. Wie der Zufall es will: Die Torjäger der Nationalmannschaft treffen kaum, Kuranyi trifft fast jedes Spiel.“

Der 28 Jahre alte Kuranyi liegt in der Schützenliste weit vor den von Löw favorisierten WM-Stürmern Mario Gomez (10 Tore) und Cacau (8). Mithalten kann da derzeit nur der Leverkusener Stefan Kießling (16), der jedoch derzeit verletzt ausfällt.

Beckenbauer empfiehlt, dass sich DFB-Trainerstab, DFB-Präsident Theo Zwanziger und Kuranyi zusammensetzen, um eine Lösung zu finden, „bei der alle Seiten das Gesicht wahren“. Dies würde nach Ansicht des 64-Jährigen nicht zu einem Gesichtsverlust von Löw führen: „Wenn Jogi Löw über seinen Schatten springt, verdient er vollsten Respekt und keine Kritik. Das wäre kein Umfallen, sondern eine weise Entscheidung.“

Experten erinnern an den „Fall Stefan Effenberg“. Der Mittelfeldspieler war wegen seines „Stinkefingers“ bei den WM 1994 in den USA von dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts aus dem Nationalteam geworfen, aber vier Jahre später nach einer ausgiebigen Aussprache wieder nominiert worden.

Zuvor hatte Vogts auch Lothar Matthäus nach in der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Attacken gegen diverse Nationalspieler - und besonders Jürgen Klinsmann - zunächst für zwei Jahre verbannt und dann vor der WM 1998 in Frankreich wieder ins Nationalteam zurückgeholt. Vorausgegangen war ein Friedensgipfel, unter anderem mit dem damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun. Damals sprang Vogts weit über seinen Schatten - im Interesse der Nationalmannschaft.

Das verlangen die deutschen Fußball-Fans auch von Löw. In einer Umfrage des Fachmagazins kicker sprachen sich zum Beispiel 77, 8 Prozent für eine Rückkehr von Kuranyi aus. Der DFB-Coach müsse bestrebt sein, das stärkste Team nach Südafrika zu schicken, heißt es immer wieder. Als wären die Personalsorgen durch die schweren Verletzungen von Simon Rolfes, Sami Khedira oder Marcell Jansen nicht schon groß genug.

Der öffentliche Druck auf Löw, der bereits wegen teilweise umstrittener Nominierungskriterien verstärkt in die Kritik geraten ist, wächst. Doch der Bundestrainer wie auch Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhoff hüllen sich weiter in Schweigen.