Es könnte die größte Herausforderung sein, die Felix Magath in seiner langen Trainerkarriere bislang untergekommen ist. Seit Wochen predigt er, dass seine Schalker Mannschaft für einen ernsthaften Angriff auf die Meisterschaft noch nicht weit genug sei; derlei Träume hätten mit der Realität nicht zu tun.
Jetzt aber hat Schalke auch beim Hamburger SV bestanden, 2:2 (1:0) gespielt und liegt nur noch einen Punkt hinter Tabellenführer FC Bayern. Sieben Spieltage vor Saisonende dürfte es auch Magath kaum noch gelingen, der Euphorie rund um den seit 52 Jahren nach dem Titel dürstenden Klub Einhalt zu gebieten. Auch wenn in Hamburg sogar die Tabellenführung möglich war.
Schalke kann Meister werden – und dies auch kaum noch leugnen, wie es Kevin Kuranyi noch vor dem Spiel versuchte. „Mit der Meisterschaft beschäftigen wir uns überhaupt nicht“, hatte Kevin Kuranyi der „Welt am Sonntag“ gesagt. Um diese Attitüde noch zu bekräftigen, verweigerten die Schalker am Abend vor der der Partie die Beobachtung der Konkurrenz und zogen dem Fernsehabend den Besuch einer anderen Sportart vor. Felix Magaths Mannen verfolgten nicht das 0:3 der Leverkusener in Dortmund, sondern sahen sich live in der Halle das Spitzenspiel der Handball-Bundesliga zwischen Hamburg und Lemgo an. Die Spieler seien begeistert gewesen, berichtete der Trainer.
Das Handballspiel war tatsächlich hoch dramatisch und endete mit einem Tor Vorsprung für die Hamburger. Ein solches Ergebnis wollten die Schalker bei ihrem Auftritt tags darauf natürlich verhindern und traten entsprechend auf. Überraschend selbstbewusst und forsch begannen die Westdeutschen ihren Vortrag, waren sie bislang doch eher durch abwartendes Spiel aufgefallen. Gestern drängten sie aber auf das 1:0.
Gleich zweimal scheiterte Kevin Kuranyi in aussichtsreicher Position am starken Hamburger Torwart Frank Rost (10., 27. Minute) und vergab somit die Chance, seine Mannschaft noch näher an das Erreichen der Champions League und an die Finanzierung seiner Vertragsverlängerung heran zu schießen. In den nächsten Tagen will er mit der Vereinsführung darüber reden, ob seine Zukunft bei Schalke oder doch bei einem anderen Verein liegt. „Der Zeitpunkt wäre gut, weil dadurch Ruhe einkehrt“, sagte der Stürmer, der sich kurz vor der Pause von der Klasse seines Gegenübers überzeugen musste.
40 Minuten waren gespielt, als Ruud van Nistelrooy den HSV etwas überraschend in Führung brachte. Vorausgegangen waren ein unplatzierter Freistoß von Piotr Trochowski und ein Fehler von Torwart Manuel Neuer, der den auf die Tormitte geschossenen Ball zentral in den Strafraum faustete. Dort stand van Nistelrooy, der das rechte Bein anhob, den Außenrist zum Tor drehte und das Spielgerät mit diesem ins Netz beförderte. Ein typisches Van-Nistelrooy-Tor, ein Zusammenspiel aus Intuition, Reflex und spielerischer Qualität. „Das ist einfach Klasse“, schwärmte auch Klubchef Bernd Hoffmann: „So hat Ruud seine ganze Karriere über Tore geschossen, und wir sind froh, dass er es jetzt bei uns in Hamburg tut.“
Aber die Schalker dieser Saison sind durch ein Gegentor nicht klein zu kriegen. Zu überzeugt vom eigenen Können, zu fit sind sie. Binnen fünf Minuten drehten sie das Spiel. Zunächst war es der schwache Hamburger David Rozenahl, der eine Schalker Flanke so unglücklich verlängerte, dass Rost sie nicht mehr erreichte. Wohl aber Kuranyi, der problemlos sein 15. Saisontor erzielte (62.).
Dann stand wieder van Nistelrooy im Mittelpunkt, der sich vorbildlich in die Defensivarbeit einschaltete, dabei aber wenig vorbildlich zu Werke ging. Schiedsrichter Wolfgang Stark wertete seine Attacke am eingewechselten Alexander Baumjohann recht kleinlich als Foul und gab Elfmeter. Weil zwei Schalker zu früh in den Strafraum eindrangen, musste Ivan Rakitic den erfolgreichen Strafstoß wiederholen. Er traf erneut (67.).
Der Brasilianer Edu hätte kurz darauf beinahe das 3:1 erzielt, Hamburgs Tomas Rincon rettete aber liegend mit dem Kopf auf der Linie – eine selten kuriose Aktion, die auch dem HSV noch einmal ein Comeback ermöglichte. Nach einem Pass von Mladen Petric erzielte Jonathan Pitroipa das letzte Tor in einem furiosen Bundesligaspiel, an dessen Ende Baumjohann noch einmal die Latte traf.




