Morgenpost Online: Herr Kuranyi, welche Erinnerungen haben Sie eigentlich noch an das Ende der Saison 2006/2007?

Kevin Kuranyi: Als wir am Ende dann doch nicht Deutscher Meister geworden sind?

Morgenpost Online: Genau. Als Schalke am vorletzten Spieltag durch eine Niederlage in Dortmund die Tabellenführung an den VfB Stuttgart verloren hatte.

Kuranyi: Ich habe versucht, es zu vergessen, und es ist mir gelungen. Natürlich war das damals schade. Aber so ist Fußball.

Morgenpost Online: Ist die Angst, dass es dem FC Schalke im Meisterschaftsrennen wieder so gehen könnte wie vor drei Jahren auch der Grund, dass Sie und Ihre Kollegen sich so hartnäckig dagegen wehren, als Titelaspirant gehandelt zu werden?

Kuranyi: Nein. Die aktuelle Situation lässt sich mit 2007 nicht vergleichen. Damals haben wir mit großem Vorsprung die Tabelle angeführt, aber unser Ziel verpasst. Diesmal haben wir ein ganz anderes Ziel. Wir wollen uns für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. Mit der Meisterschaft beschäftigen wir uns überhaupt nicht. Wir beschäftigen uns damit, das aufzuarbeiten, was uns nach wie vor von einer Spitzenmannschaft unterscheidet.

Morgenpost Online: Sie wohnen mittlerweile in Nähe des Schalker Trainingsgeländes. Spüren Sie, dass das Meisterfieber bei den Anhängern um sich greift?

Kuranyi: Mein Eindruck ist eher, dass die Fans derzeit sehr zufrieden mit unseren Leistungen sind. Aber ich glaube, sie wissen auch, dass eine mögliche Meisterschaft noch sehr weit weg ist. Wir Spieler wissen es auf jeden Fall.

Morgenpost Online: Aber Schalke hat einen exzellenten Torhüter, eine solide Abwehr und mit Ihnen einen sehr treffsicheren Angreifer. Das spricht doch dafür, dass Schalke im Endspurt zumindest nicht chancenlos sein dürfte.

Kuranyi: Es ist gut, dass wir mit Manuel Neuer einen der besten Keeper der Bundesliga haben, dass ich meine Tore mache und wir defensiv gut stehen. Aber wir müssen noch besseren Fußball spielen, um eine Topmannschaft werden zu können. Wir haben unverändert Probleme im Spielaufbau. Wir kompensieren das durch Teamgeist, aber wir müssen daran arbeiten, spielerisch besser zu werden.

Morgenpost Online: Auffällig ist, dass Sie treffen, obwohl Sie viel nach hinten arbeiten. Stimmt die alte Weisheit nicht mehr, wonach ein Stürmer seine Torgefahr einbüßt, wenn er nicht egoistisch spielt?

Kuranyi: Das hängt damit zusammen, dass ich hart an mir gearbeitet habe. Speziell in der Vorbereitung. Du musst konditionell sehr, stark sein, wenn du deine taktischen Aufgaben erfüllen und gleichzeitig torgefährlich sein willst.

Morgenpost Online: Es gibt auch die Theorie, dass Sie gerade auch deshalb eine so starke Saison spielen, weil Ihr Vertrag zum Saisonende ausläuft.

Kuranyi: So einfach ist das nicht. Es läuft gut, weil sowohl die Mannschaft als auch ich topfit sind und immer Kraft für 90 Minuten haben. Durch die starke Gesamtleistung schieße auch ich meine Tore. Aber es geht nicht nur um mich.

Morgenpost Online: Sie haben oft betont, dass Sie von Felix Magaths Training profitieren. Aber Sie scheinen auch mental stärker geworden zu sein.

Kuranyi: Der Trainer ist sehr erfahren und weiß ganz genau, wie er mit den Spielern umgehen muss. Er weiß, wann er Härte zeigen muss und wann er auch mal ein ruhiges Gespräch führen kann. Solche Gespräche hat er auch mit mir geführt. Felix Magath hat sich, schon bevor er hierher kam, ein Bild von der Mannschaft gemacht. Er wusste, dass ich lange Zeit Probleme hatte und von den Fans ausgepfiffen worden bin. Er hat mit mir darüber gesprochen und mir gezeigt, was man dagegen machen kann: Indem man an sich selbst arbeitet.

Morgenpost Online: Könnte Magath ein Grund sein, dass Sie letztlich Ihren auslaufenden Vertrag doch verlängern?

Kuranyi: Das Gesamtpaket muss passen. Das sportliche und das finanzielle. Mit einem Toptrainer arbeiten zu können, ist natürlich auch ein Grund.

Morgenpost Online: Magath hat gesagt, manchmal sei es ratsam, wenn Geld bei solchen Entscheidungen nicht der wichtigste Faktor wäre. Wären Sie zu Abstrichen bereit?

Kuranyi: Wie gesagt, das Gesamtpaket muss stimmen. Wenn ich spüre, dass beide Seiten in den wesentlichen Punkten übereinkommen, dann wäre auch das vorstellbar.

Morgenpost Online: Sie haben vier Jahre gebraucht, um im Ruhrgebiet akzeptiert zu werden. In dieser Saison ist es Ihnen endlich gelungen. Wäre es nicht pure Ironie, ausgerechnet jetzt zu gehen?

Kuranyi: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Tagen reden werden. Der Zeitpunkt wäre auch gut, weil dadurch Ruhe einkehrt und ich weiß, wie es weitergeht. Ich werde zunächst mit Schalke sprechen und mir dann gegebenenfalls Gedanken über andere Dinge machen.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist es, dass es Schalke in die Champions League schafft?

Kuranyi: Natürlich wäre es toll, sich wieder mit den besten Vereinen und Spielern der Welt messen zu können. Aber noch wichtiger ist, dass man sich in der Umgebung, in der man spielt, wohlfühlt.

Morgenpost Online: Vor vier Jahren, als Jürgen Klinsmann Sie vor der WM 2006 ausgebootet hatte, sind Sie in den Urlaub nach Panama geflohen. Wissen Sie schon, was Sie während der kommenden WM machen werden?

Kuranyi: Mal abwarten. Aber es wird auf jeden Fall eine genauso schwere Zeit wie vor vier Jahren. An so etwas kann man sich als ehrgeiziger Fußballer nicht gewöhnen. Es ist genauso hart wie damals. Es tut genauso weh. Aber ein klein wenig Hoffnung habe ich noch.

Morgenpost Online: Für Ihre Kontrahenten Miroslav Klose und Lukas Podolski läuft es in dieser Saison nicht optimal. Macht es Sie vor diesem Hintergrund nicht noch wütend, dass ausgerechnet Sie nicht dabei sein dürfen?

Kuranyi: Nein, ich versuche mich damit nicht zu beschäftigen. Aber ich hoffe für meine Kollegen, dass Sie in den kommenden Wochen erfolgreich spielen und Tore schießen. Außer wenn es gegen Schalke geht. Ich wünsche ihnen, dass sie bei der WM topfit sind, damit sie so gut wie möglich für Deutschland spielen können.