Wenn der Meister zu Hause gegen den Tabellenletzten spielt, ist das für gewöhnlich eine klare Sache. Doch was im Fußball-Bundesligaspiel des VfL Wolfsburg gegen Hertha BSC geschah, war eine kleine Sensation: Die Berliner siegten 5:1 (3:1) und haben nun noch fünf Punkte Rückstand auf Relegationsplatz 16.
„Was gegen Nürnberg vor einer Woche nach dem Spiel passiert ist, hatte nichts mehr mit Fußball zu tun, das war kriminell“, sagte Herthas Trainer Friedhelm Funkel, „wir gehen da raus und versuchen unser Bestes zu geben und das hat die Mannschaft heute hervorragend gemacht.“
Für einen war es ein ganz besonderes Spiel. Noch bis zum Sommer hatte Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß für die Berliner gearbeitet. Dann musste er nach einem Machtkampf gehen und heuerte ein halbes Jahr später bei den Niedersachsen an.
„Heute haben wir vieles von dem vergessen, was wir zuletzt gut gemacht haben“, jammerte Wolfsburgs aus Berlin importierter Manager Hoeneß, „die Mannschaft hat zuletzt überragend gespielt und sie weiß, was sie kann. Vielleicht war das ein Dämpfer zur richtigen Zeit.“
Einen Jubellauf bei einem Tor gegen Hertha hätten ihm die Berliner Fans sicher übel genommen. Doch in diese Verlegenheit kam Hoeneß erst gar nicht. Denn im Wolfsburger Stadion tat sich Erstaunliches. Wer den zuletzt wiedererstarkten Meister als dominierende Mannschaft gegen den fast sicheren Absteiger erwartet hatte, sah sich arg getäuscht.
Nach sechs Minuten brachte Raffael einen Ball von der linken Seite nach innen, wo Theofanis Gekas seinen Gegenspieler Jan Simunek versetzte und zur Hertha-Führung einschoss. „Wir haben ja auch letzte Woche so gespielt, nur die Tore nicht gemacht", sagte Funkel, "bei Theofanis hat man in der Woche schon gemerkt, dass er wieder richtig trifft.“
Nur zwei Minuten nach dem Führungstreffer stand es 0:2. Diesmal hatte Adrian Ramos einen Abschlag des eigenen Torwarts aufgenommen und dem Wolfsburger Schlussmann Marvin Hitz mit einem wuchtigen Schuss keine Chance gelassen (8.). Als Gekas gar nach 26 Minuten einen Konter erfolgreich abschloss, wurde den Wolfsburgern langsam klar: Sie standen vor der größten Blamage der Saison.
VfL-Trainer Lorenz-Günther Köstner reagierte, brachte Stürmer Grafite für Abwehrmann Simunek (35.) und sah eine Minute später, wie der Brasilianer nach Dzeko-Pass zum 1:3 einschob. Doch auf eine Aufholjagd warteten die Wolfsburger Fans vergebens. Im Gegenteil: Nach der Pause hatten sie sich gerade über einen Pfostenschuss von Edin Dzeko geärgert (62.), als im Gegenzug wieder Gekas zuschlug.
Fünf Wolfsburger standen um den Griechen herum, als er den Ball ins linke Eck schob. Und als Ramos gegen die nicht mehr reagierende Wolfsburger Abwehr acht Minuten vor Schluss zum Endstand traf, schüttelte Manager Hoeneß auf der Bank nicht einmal mehr mit dem Kopf. Derweil gönnten sich die Hertha-Fans einen kleinen Scherz. Sie riefen: „Hoeneß raus!“
Hertha BSC muss nun am kommenden Wochenende daheim gegen Borussia Dortmund ein Novum in dieser Saison abliefern, um die Minimalchance auf den Klassenerhalt zu wahren: An eine gute Leistung eine zweite anschließen.
"Wir wollen das jetzt erstmal genießen, dann fangen wir Mitte der Woche wieder mit konzentrierter Arbeit an", sagte Funkel mit fast karibischer Entspanntheit im Tabellenkeller, "und wir wollen endlich mal daheim nachlegen, das ist bisher nie gelungen, das ist desaströs.“





