Das Ende der zähen Suche zauberte auch dem Chef ein Lächeln ins Gesicht. Als Bernd Hoffmann gestern Mittag an der Hamburger Arena vorfuhr, war ihm die Freude über den jüngsten Coup deutlich anzusehen. Am Abend zuvor hatte der Aufsichtsrat der Verpflichtung von Urs Siegenthaler (62) als neuem Sportchef zugestimmt, und mit der Besetzung der acht Monate verwaisten Stelle wähnt Hoffmann den Hamburger SV auf dem Weg in eine ruhmreiche Zukunft. „Wir geben als Verein eine einheitliche Spielphilosophie vor, die von Urs Siegenthaler in Zusammenarbeit mit unserem Trainer entworfen wird“, sagte Hoffmann. „Dabei orientieren wir uns an den Besten der Welt.“

Hoffmann ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass derart forsche Ankündigungen sich schon allzu häufig als polemische Worthülsen entpuppten. Also stellte der Vorstandsvorsitzende flugs klar, wohin die Reise des HSV in den nächsten Jahren gehen soll. „Als Vorbild sehe ich den FC Barcelona. Wenn man dort am Trainingszentrum steht, würde man aus der Distanz nicht unterscheiden können, ob die Profi-Mannschaft oder die C-Jugend auf dem Platz steht“, sagte er. „In diesem Bereich blicke ich auch neidisch nach München, wenn vier im Verein ausgebildete Spieler im Champions-League-Achtelfinale zur Startformation gehören“, so Hoffmann, „davon sind wir noch Lichtjahre entfernt.“

Siegenthaler, der in der Branche gern als Superhirn bezeichnet wird und nun in Hamburg symbolisch steht für die neue Klubphilosophie, soll den Abstand verkürzen. Am Dienstagabend hatte er im Vereinsrestaurant „Raute“ die breite Zustimmung der Aufsichtsräte erfahren. Vom 1. August an wird er Nachfolger des am 23. Juni 2009 demissionierten Dietmar Beiersdorfer, bis dahin arbeitet Siegenthaler noch weiter für den Deutschen Fußball-Bund als Chefscout der Nationalmannschaft. „Die Perspektive, meine Vorstellungen und Erfahrungen einmal bei einem Bundesligaverein – noch dazu bei einem so traditionsreichen wie dem HSV – einbringen zu dürfen, hat mich sofort fasziniert“, sagte Siegenthaler, der künftig neben der Spielphilosophie, auch Kaderentwicklung, Scouting und Nachwuchsarbeit bei den Hanseaten verantwortet.

In Siegenthaler habe der HSV „den idealen Sportlichen Leiter gefunden“, frohlockte Aufsichtsratschef Horst Becker. „Er ist als Spielanalytiker hoch geachtet, verfügt nach seiner langjährigen Karriere als Profi, Trainer und Unternehmer über enorme Erfahrung auf unterschiedlichen Ebenen sowie über internationale Kontakte und hat seine Teamfähigkeit beim DFB unter Beweis gestellt. Ich bin absolut überzeugt, dass wir in dem funktionierenden Team, ergänzt durch die Qualität der beiden Experten, exzellent für die Zukunft aufgestellt sind.“

Die Verpflichtung des erfahrenen Schweizers, der zwischen 1966 und 1973 als Spieler mit dem FC Basel fünfmal Meister wurde sowie zwei Pokalsiege feierte und beim HSV einen Vertrag bis Sommer 2013 erhält, ist offenbar auch eine Lehre aus der Vergangenheit. „Wir hatten sechs Trainer in den vergangenen sieben Jahren, damit verbunden unterschiedliche Ideen. Das ist unterm Strich unglaublich teuer“, sagte Hoffmann. „Das können und wollen wir uns nicht mehr leisten.“

Wie genau die neue, einheitliche Spielphilosophie von den Jugendmannschaften bis hin zum Profiteam aussehen soll, ließ Hoffmann noch offen. Aber die aktuelle offensive Spielweise unter Trainer Bruno Labbadia „kommt unserer Idee schon sehr nahe“. Dass der HSV damit auf Platz 14 der Uefa-Rangliste vorgerückt ist und Bernd Hoffmans vor Jahren formuliertes Ziel („Wir wollen bis 2010 unter Europas Top 20“) schon übererfüllt hat, soll nur eine Zwischenstation darstellen. „Mit Siegenthaler geben wir die richtige Antwort auf die Aufgaben die auf uns warten“, sagte der Chef des Hamburger SV. Er selbst habe selten jemanden kennengelernt, „der sich so sehr mit dem Spiel und nicht mit dem ganzen Drumherum auseinandersetzt“.

Bei derart hehren Ansprüchen passt es gut, dass der HSV zuletzt schon einen Weltstar mit Glamourfaktor in die Hansestadt zu locken vermochte. Ruud van Nistelrooy könnte auch Zugpferd für andere Spieler werden, die Siegenthaler künftig von einem Engagement überzeugen soll. Doch vorerst stehen andere Aufgaben an. Heute (21.05 Uhr, Sat.1 und Sky) empfängt der HSV in der Europa League den PSV Eindhoven. Jenen Klub, für den van Nistelrooy zwischen 1998 und 2001 in 67 Ligaspielen 62 Tore erzielte. „Das wird ein sehr spezieller Tag sein, mein erstes Heimspiel gegen den alten Verein, darauf freue ich mich“, erklärte der Stürmer, der am vergangenen Wochenende beim 3:1 in Stuttgart seine beiden ersten Pflichtspieltreffer für die Hamburger erzielt hatte.

Geht es nach dem niederländischen Angreifer, wird er länger als die bislang 27 Minuten bei seinen beiden Ligaeinsätzen auf dem Feld stehen. „Wir haben einen Plan gemacht, damit ich so schnell wie möglich fit werde, und den halten wir ein“, sagte van Nistelrooy. „Ich fühle mich gut und hoffe, so viele Minuten wie möglich zu machen.“